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Amphibische Häuser steigen mit dem Meeresspiegel

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Amphibische Häuser steigen mit dem Meeresspiegel

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Mit dem Wasser leben, statt es zu bekämpfen, so reagiert man in den Niederlanden auf die Auswirkungen des Klimawandels. Der Meeresspiegel steigt und mit ihm die Überschwemmungsgefahr. Auf der Suche nach neuen Konzepten kam man auf eine simple, aber geniale Idee : schwimmfähige Häuser, die sich bei Hochwasser in Boote verwandeln. Fons und Marianne van Raak haben seit drei Jahren ein amphibisches Sommerhaus an den Ufern der Maas. “Wir haben Heizung und Warmwasser. Es ist ein ganz normales Haus, in dem es sich gut lebt. Und es ist sicher”, betont die stolze Hausbesitzerin.

Ihr schwimmfähiges Zweitheim befindet sich im Zentrum des Landes, in der Stadt Maasbommel bei Arnheim, die während des großen Hochwassers 1995 überschwemmt wurde. 46 Flut-sichere Häuser sind hier entstanden, ein ganzes Viertel, die so genannte schwimmende Stadt, die sich bei Hochwasser um bis zu 5 Meter anheben kann. Das Konzept ist denkbar einfach, erklärt Architekt Ger Kengen. “Das Fundament ist ein hohles Betonbecken, auf dem die Holzstruktur ruht. Der obere Teil ist leicht, der untere schwer. Wenn das Wasser steigt, beginnt das Betonbecken zu schwimmen. Das ist das ganze Prinzip. Es gibt zwei hohe Pfähle, einen vor und einen hinter dem Haus, an denen das Haus befestigt ist und vertikal hoch und wieder herunter gleiten kann.” In den Niederlanden liegt gut die Hälfte des Landes unter dem Meeresspiegel. Sechzig Prozent der Bevölkerung lebt in diesem Gebiet. Jahrhunderte lang wurde das dem Meer abgerungene Land mit Hilfe von Deichen, Staudämmen, Kanälen und Pumpen geschützt, ein unermüdlicher, niemals endender Kampf. Doch der Klimawandel zwingt zum Umdenken. “Wichtig ist, dass wir neue, multifunktionale Wege finden, das Wasser zu nutzen”, sagt Jeroen Warner von der Universität in Wageningen. “Die Devise lautet nicht mehr : Mensch oder Fluss, sondern : Mensch und Fluss, beide gemeinsam, an ein und demselben Ort. Wir müssen unsere Anstrengungen darauf konzentrieren, Lösungen zu finden, damit viel mehr Menschen in ähnlichen Häusern wohnen wie in Maasbommel.” Längst nicht alle Niederländer träumen vom schwimmenden Eigenheim, schon gar nicht wollen sie auf den schützenden Deich vor Haustür verzichten. Zum Beispiel in der Naturidylle Ooijpolder. Das Gebiet sollte einem Regierungsplan zufolge bei Hochwasser als gigantisches Notüberlaufbecken genutzt werden. Doch dreizehntausend Anwohner kämpften erfolgreich gegen den Plan. Deiche und Pumpen halten hier nach vor die Wasserfluten im Zaum. Und so soll es auch bleiben, meint Harry Sandes. “Wir leben hier ganz normal wie andere Menschen auch. Wir haben feste Deiche und keine Angst vor dem Wasser.” Klimastudien warnen, der Meeresspiegel könnte in hundert Jahren in den Niederlanden um mehr als einen Meter ansteigen. Amphibische Häuser sind eine Antwort von vielen, damit Mensch und Wasser weiterhin gemeinsam existieren.