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"Europa ist eine sehr ehrgeizige Idee"


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"Europa ist eine sehr ehrgeizige Idee"

Schauspielerin, Sängerin und Regisseurin ….Maria de Medeiros spielt auf allen möglichen Klavieren. Auch was Sprachen und Länder angeht: Geboren in Lissabon, Kind in Wien und nun als Erwachsene seit rund 20 Jahren in Paris.

Eine Bürgerin Europas, wie sie im Buche steht. De Medeiros: Ja, in der Tat, ich fühle mich als Europäerin und bedanke mich bei meinen Eltern, die mich in diesem europäischen Sinn erzogen haben. Aus Österreich, wo wir lebten, als ich Kind war, sind wir mit dem Auto oft nach Portugal in die Ferien gefahren. Diese Fahrten quer über den Kontinent sind mir schon damals in Fleisch und Blut übergegangen. Italien, Frankreich, Spanien und dann Portugal – immer mitten durch. Und jedesmal einen neue Sprache, eine neue Kultur. Meine Mutter war sehr sprachbegabt. Also wurde an jeder Grenze automatisch die Sprache gewechselt. Und wir waren jedesmal wieder ganz baff. Das war eine sehr gute Schule. Ich bin damit gross geworden, als Europäerin. euronews: Was bedeutet Europa für Sie ? De Medeiros: Für mich ist Europa eine sehr ehrgeizige Idee, ein idealistisches Konzept, von dem ich ganz hingerissen bin. Dabei geht es darum, in einer extremen Vielfalt eine gemeinsame rote Linie zu finden. In der langen gemeinsamen Geschichte hat es manchmal ganz gewaltig gekracht. Aber sie eint uns auch, und das in einer grossen kulturellen, sprachlichen und künstlerischen Vielfalt. Das ist ein grossartiges Projekt. Mit dem Kino hat Maria mit 15 angefangen; in “Silvestre”, von João César Monteiro. Und der internationale Durchbruch war ihre Rolle der Anais Nin in “Henry and June” von Philip Kaufmann. Hinter der Kamera realisierte sie im Jahr 2000 ihr Lieblingsprojekt zu Ehren der portugiesischen Nelkenrevolution 16 Jahre zuvor. De Medeiros: “Nelken für die Freiheit” ist das Projekt meines Lebens. Das ging mir durch den Kopf seit ich 21 war. Mir wurde klar, dass das Erlebnis dieser Revolution, der Einrichtung einer echten Demokratie, in meiner Kindheit ein riesiges Privileg war. Mit “echt” meine ich den Unterschied zu den sogenannten Demokratien, die mithilfe von Bomben, Mord und Totschlag installiert werden – wenn man das glaubt, was uns da im Fernsehen weisgemacht wird. Wahr ist – so entsteht keine Demokratie. Portugal hat der Welt ein Beispiel vorgeführt, ziemlich einzigartig, wie man zu einer wahren Demokratie kommt, auf pazifistische, humanistische Art und Weise. Aber Musik macht sie ja auch noch. Maria bastelt gerade an ihrem zweiten Album, nach “A little more blue”, und war auch an dem Projekt “rendez-vous chez Nino Rota” beteiligt, das kürzlich in Neapel, Paris und Lyon zu sehen war. euronews: Der italienische Sänger Mauro Gioia – auch er war bei der Hommage an Nino Rota mit von der Partie – beschreibt Sie als engagierte Frau, irgendwo zwischen revolutionär und kindlich. Finden Sie sich da wieder ? De Medeiros: Ja. Weil es in der Idee der Revolution einen idealistischen Aspekt gibt, den man nicht verlieren sollte. Das hat etwas mit Kindsein zu tun – etwa in dem Sinn, dass man immer noch die Hoffnung hat, alles besser machen zu können und die Welt neu zu erfinden. Die Revolution ist geladen mit Energie… übrigens, was mich an der Nelkenrevolution sofort in den Bann gezogen hat, war das Alter der Akteure – 29/30 waren die, sehr jung. Und hatten in diesem Alter bereits Schweres durchgemacht, wichtige Dinge erlebt. Aber trotzdem brachten sie diese Energie auf, diese Zukunftshoffnung – das schafft man, wenn man jung ist. Revolution, das verbinde ich mit der Idee von Jugend und Hoffnung. euronews: Was haben Sie in den USA erlebt, als Schauspielerin ? De Medeiros: Der amerikanische Traum ist nicht mein Ding. Keiner hätte je gedacht, dass ich mal Schauspielerin werde. Klar, ich war ein Fan von Bette Davis und dem amerikanischen Kino. Aber prägend waren die Idole der Kinokultur für meine Jugend nicht, nicht mal der amerikanische Rock n’Roll. Meine Identität war immer viel europäischer. Klar war ich aus dem Häuschen, wenn Hollywood anrief, um mir eine Rolle in einem US-Film anzubieten. Aber das geht doch allen in Europa so. Und die US-Regisseure haben mich immer aus Europa rübergeholt. Nie habe ich mich zum Beispiel in Hollywood angesiedelt, um eine US-Karriere aufzubauen. Ich bin eine eingefleischte Städterin. Ich mag in diese Atmosphäre eintauchen, ins Theater gehen, ins Kino oder in Konzerte. Ich mag das Leben in der Stadt. Paris ist eine anstrengende Stadt. Sicher, wenn die Sonne scheint, dann ist sie toll. Aber der Alltag ist hart. Trotzdem war Paris immer ein Magnet für Künstler. Hier gibt es einfach ein kulturelles Angebot – wie ich hoffe, auch in Zukunft. Diese Stadt unterstützt Künstler bei ihrer Produktion, Künstler aller Richtungen. Diese Hilfen werden zur Zeit in Frage gestellt. Aber sie machen einen wesentlichen Teil der Anziehungskraft aus. Das hier ist ein riesiges Künstleratelier. Und bleibt es auch, hoffentlich.
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