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Fragen über die Türkei

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Interview mit dem türkischen Schriftsteller Nedim Gürsel

Türkisches Leben – mal nicht in Berlin oder Köln, sondern in Paris. Nicht nur Arbeiter zieht es in die Weltstadt, sondern auch türkische Intellektuelle. Nedim Gürsel, einer der bekanntesten türkischen Schriftsteller, ist einer von ihnen. Nach dem Militärputsch 1980 ist er aus der Türkei hierher geflohen. Inzwischen besitzt er die französische Staatsangehörigkeit, ist Direktor des Forschungszentrums CNRS und hält Vorträge über Europa. Wegen seines neuesten Romans “Allahs Töchter” ist Gürsel in der Türkei derzeit wegen Gotteslästerung angeklagt. Das kann ein bis zwei Jahre Gefängnis bedeuten. Am ersten Prozesstag hat der Staatsanwalt zwar Freispruch für Gürsel gefordert – aber sicher ist nichts. Am 26. Mai wird der Prozess fortgesetzt. Euronews: Die Europäer fragen sich, ob die Türkei wirklich ein säkulares Land ist und Mitglied der Europäischen Union werden darf. Was antworten Sie ihnen? Gürsel: Hören Sie, ich bin ein glühender Verfechter der Integration meines Landes in die Europäische Union. Aber dieser Prozess gegen mich weckt Zweifel in mir. Ich frage mich, ob das türkische Regime nicht immer autoritärer wird. So etwas wäre mit einer Annäherung an Europa, wie die Türkei sie fordert, natürlich nicht vereinbar. Ich hoffe, dass mein Prozess nur ein kleiner Unfall ist. Aber ich glaube, dass Europa sich zu Recht Fragen stellt, denn die Türkei ist derzeit vielleicht nicht bereit für eine EU-Mitgliedschaft. Euronews: Kommt dabei nicht auch der Europäischen Union, oder, besser gesagt, den Europäern eine gewisse Verantwortung zu? Wenn man mit Türken spricht, spürt man oft, dass sie sich von den Europäern missachtet fühlen. Sie sprechen von einem “christlichen Club”. Gürsel: Ja. ich glaube, dass die Türken diese Ablehnung kränkt, das verletzt gewissermaßen ihren Nationalstolz. Ich bin gegen den Nationalismus. Aber die Türkei klopft schon seit langem an das Tor der Europäischen Union, und es gibt immer wieder Vorwände, um eine Ablehnung zu rechtfertigen, so wie derzeit Frau Merkel und Herr Sarkozy es tun. Die Türkei ist ein muslimisches Land. Aber wenn die Türkei die selben Werte hat wie die Europäer, dann könnte eine türkische Mitgliedschaft eine Bereicherung für Europa sein. Aber das wollen die Europäer sich nicht recht eingestehen. Sie sagen es nicht offen, aber bei der türkischen Kandidatur stellt sich für Europa die Identitätsfrage. Das heißt: Europa bekräftigt dadurch seine eigene Identität und weist das Andere, das die Türkei darstellt, ab. Aber es muss eine Versöhnung der beiden geben. Euronews: Immerhin sind in den letzten Jahren in der Türkei Fortschritte in Bezug auf die Meinungsfreiheit gemacht worden. Man hat dem Dichter Nazim Hikmet die Staatsangehörigkeit wieder zuerkannt, und letztes Jahr ist der berüchtigte Artikel 301 des Strafgesetzbuches, der die Beleidigung des Türkentums unter Strafe stellt, entschärft worden. Es gibt allerdings Organisationen und Einzerpersonen, die all das als rein kosmetische Veränderungen ansehen. Sind Sie mit dieser Interpretation einverstanden? Gürsel: Sie haben Recht, auch den Fall Nazim Hikmet anzusprechen, einer der größten türkischen Dichter. Die Türkei hat sich ihm gegenüber sehr ungerecht verhalten. Hat ihn 16 Jahre ins Gefängnis gesteckt und dann ins Exil getrieben. 1963 ist er schließlich in Moskau gestorben. Unser Ministerpräsident hat kürzlich die Rehabilitierung von Nazim Hikmet verkündet. Dabei hat er auch versichert, die Türkei sei kein Land mehr, in dem man Schriftsteller vor Gericht stellt. Darüber war ich natürlich hoch erfreut. Aber mein Prozess widerspricht dieser Aussage natürlich. Sie haben gesagt, das seien nur kosmetische, unmerkliche Veränderungen… Vielleicht ist das so, aber immerhin. Die Demokratisierung der Türkei muss weitergehen – und ohne eine europäische Perspektive wird das nicht möglich sein. Euronews: Sie gehören zu den Unterzeichnern des Entschuldigungsbriefes, den eine Gruppe türkischer Intellektueller an die Armenier geschrieben hat. Manche Leute kritisieren diesen Brief, weil das Wort Völkermord darin nicht vorkommt. Gürsel: Ich bin der Ansicht, dass die Türkei eine echte Erinnerungsarbeit leisten muss. Was diese Petition angeht, die ich mitunterzeichnet habe, so halte ich sie für eine gute Sache, weil sie an Tabus rüttelt. Genau wie die Religion ist auch das Armenierproblem noch immer ein Tabu im kollektiven Gedächtnis der Türken. Mit der Kurdenfrage ist es das selbe. Noch vor zehn Jahren durfte man darüber nicht sprechen. Man durfte noch nicht mal das Wort “Kurde” aussprechen. Und jetzt sagt der Präsident der Republik, Abdullah Gül, das Kurdenproblem sei das wichtigste Problem des Landes. Es findet also ganz unbestreitbar eine Entwicklung statt. Euronews: Fühlen Sie sich im Exil? Gürsel: Es ist ein freiwilliges Exil. Ich fühle mich nicht im Exil, ich fahre oft in die Türkei. Meine Vorstellungskraft speist sich aus der Türkei, aus der Geschichte des Osmanischen Reiches. Ich habe historische Romane geschrieben und hänge sehr an Istanbul. Aber es hat eine Zeit gegeben – ich meine jetzt die Zeit nach dem Militärputsch vom 12. September 1980 – da konnte ich drei Jahre lang nicht in mein Land fahren. Damals war ich wirklich im Exil. Das ist der Grund, warum ich ein Buch mit dem Titel: “Die letzte Straßenbahn” geschrieben habe. Darin beschreibe ich, wie sich ein türkischer Schriftsteller im Exil fühlt: Seine Verlorenheit, seine Verbundenheit mit dem Vaterland, mit seiner Heimatstadt. Jetzt fühle ich mich nicht im Exil, ich bin sowohl in Istanbul wie in Paris zu Hause. Ich sage immer, dass ich mich wie die Brücke über den Bosporus sehe, die nicht nur die beiden Ufer miteinander verbindet, also das asiatische mit dem europäischen Ufer, sondern auch Menschen und Kulturen. Ich glaube, darin besteht die Rolle des Schriftstellers, denn Literatur ist universell, sie bringt die Menschen einander näher.