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Digitale Revolution in der Brustkrebs-Vorsorge

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Digitale Revolution in der Brustkrebs-Vorsorge

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Die digitale Revolution rollt nach und nach auch die Medizin auf – Beispiel Brustkrebs-Vorsorge. Wo digitale Mammographie, Kernspintomographie, Ultraschall in 3D – und ihre Zusammenschau auf einem Bildschirm schon funktionieren, nehmen auch die Früherkennungserfolge zu.

Mit vielen potentiellen Nutznießerinnen: Die Diagnose “Brustkrebs” trifft jedes Jahr mehr als 330 000 Frauen in Europa – und ist damit die häufigste Krebserkrankung bei Frauen. Nijemgen (Niederlande) – Diesen Termin sollte niemand sausen lassen. Alles zwei Jahre ist bei allen Niederländerinnen zwischen 50 und 75 eine Brustkrebs-Kontrolle fällig. Regelmässige Mammographien sind immer noch das wirksamste Mittel im Kampf gegen die häufigste Krebserkrankung bei Frauen. In den Niederlanden hat die digitale Mammographie die herkömmlichen analogen Aufnahmen bereits völlig verdrängt. Für die Patientinnen bleibt die Untersuchung die gleiche. Eingeklemmt zwischen zwei Platten, wird von jeder Brust eine Röntgenaufnahme gemacht. Die Patientin Janssen Hopmans kann keinen Unterschied zu früheren Untersuchungen erkennen. “Angenehm ist es nicht, es tut ein bisschen weh… aber es dauert ja nicht lang.” Die digitale Mammographie erzeugt ein elektronisches Bild der Brust auf dem Bildschirm. Das kann man nachträglich noch verbessern, zum Beispiel den Kontrast schärfen. Die Niederlande haben bereits ihr gesamtes Vorsorgeprogramm digitalisiert. Ard den Heeten – Director des LRCB, eines Trainings-Zentrums für Früherkennung: “Demnächst funktioniert der ganze Prozess papierlos – digitalisierte Arbeitsprozesse an digitalen Bildern. Die Ergebnisse werden zentral gespeichert und im ganzen Land arbeiten alle nach denselben Standards.” Die Digitalisierung hilft also beim Organisieren der Früherkennung. Acht von zehn Frauen machen mit. Aber verbessern sich auch die Resultate ? Eine geringere Sterblichkeit ist das nächste große Ziel. Ard den Heeten: “Schon jetzt entdecken wir signifikant mehr Erkrankungen als mit der alten Arbeitsweise – und das nicht nur in der frühen Form von Krebsherden, die sich oft durch Kalkablagerungen ankündigen – auch bei kleinen schnellwachsenden Tumoren.” Jahr für Jahr werden in der EU mehr als 330 000 neue Brustkrebs-Fälle diagnostiziert. Bis man die Ursachen präziser einkreisen kann, bleibt die Früherkennung das wirksamste Gegenmittel. Und hier eröffnet die Digitalisierung neue Möglichkeiten. In Bremen arbeitet das Fraunhofer-MEVIS – Institut an der sogenannten bildgestützten Medizin. Ziel der Forscher ist die Software von morgen. Ihre Arbeit ist wesentlich für das europäische Projekt “Hamam”, das den Röntgenärzten die möglichst eindeutige Auswertung der wachsenden Flut medizinischer Daten erleichtern soll. Horst Hahn vom Fraunhofer-MEVIS -Institut: “Der Radiologe hat die Aufgabe, aus der grossen Datenmenge genau die entscheidende Information herauszufiltern – und das in kürzester Zeit und mit grösstmöglicher Präzision. Den Computer kann er nutzen, um aus den vorhandenen Bildern neue zu kombinieren, um auf einen Blick die ausschlaggebende Information im Auge zu haben. Das geht aber schon los bei der reinen Datenverwaltung – der Arzt sollte auf seine Informationen mit einem Klick Zugriff haben.” Denn nicht nur Mammographien liefern Bilder. Sondern auch Untersuchungen per Ultraschall oder Kernspintomograph. Horst Hahn und seine Arbeitskollegen wollen die Analyse der verschiedenen Daten erleichtern: “Erst mal wollen wir alle Informationen an einem Arbeitsplatz zusammenbringen. Das spart Zeit, und die kombinierte Analyse bringt neue Erkenntnisse. Zum Beispiel, wenn dieselbe Patientin per Mammographie und Kernspintomographie untersucht wurde.” Zurück in die Niederlande. Wir sind in Nijmegen, am medizinischen Zentrum der Universität St Radboud. Hier kommt auch die Software aus Bremen zum Einsatz – zum Beispiel bei den Kernspin-Untersuchungen. Heute ist ein spezielles Vorsorgeprogramm an der Reihe – für Frauen mit genetisch bedingt erhöhtem Krebsrisiko. Eine dieser Patientinnen – 59 Jahre alt – wird jedes Jahr per Kernspintomograph untersucht. Die Methode ist teuer, liefert aber sehr wertvolle Früherkennungs-Ergebnisse. Radiologe Roel Mus: “Das Risiko liegt bei bis zu 80 Prozent, dass die Patientin irgendwann in ihrem Leben Brustkrebs entwickelt. Per Kernspin finden wir etwa 20 Prozent mehr Tumore als mit Mammographie und Ultraschall zusammen.” Unangenehme Begleiterscheinung: Die Methode löst öfter mal falschen Alarm aus. Anomalien werden entdeckt, die aber keine Tumore sind. Wo Licht ist, ist auch Schatten. Kein Wunder, dass Radiologen scharf sind auf alles, was ihre Diagnostik verfeinert, besonders bei den schwierigeren Fällen. Für bessere Ergebnisse ist ihnen jedes Untersuchungsmittel recht. Roel Mus: “Eine Technik allein reicht nicht. Kernspin liefert weit mehr Details als die Mammographie. Aber gleich taucht ein neues Problem auf: Brustkrebs kann sich in sogenannten Mikroverkalkungen äussern. Die sieht man wiederum nur auf dem Röntgenbild und nicht per Kernspin. Wenn es nun um Patienten mit mehreren Krebsherden geht, mit 3 oder 4 Geschwülsten, dann muss ich mir die Daten hier rüberschicken und drüben ansehen und wieder zurück. Alles übersichtlich an einem Arbeitsplatz – hier der Ultraschall, da die Mammographie, das wäre ein Riesensprung nach vorne.” Der forschende Radiologe Nico Karssemeijer arbeitet eng mit den Kollegen am Krankenhaus zusammen. Er probiert die Diagnosesoftware aus oder das Allerneuste an Technologie – wie etwa einen Ultraschallscanner. Nico Karssemeijer:“Sehen Sie, dieser extrabreite Messfühler hier wird an die Brust gedrückt und liefert eine Ultraschallaufnahme in 3 D. Das bringt mehr und geht viel schneller als mit dem üblichen Hand-Lesegerät. Das System hat Riesenvorteile: Es ist billiger als Kernspin und hat weniger Nebenwirkungen für die Patienten als die Mammographie – Schallwellen statt schädlicher Röntgenstrahlen. Mit unserem aktuellen Wissensstand können wir dem Krebs mit allen möglichen Aufnahmen möglichst früh auf die Spur kommen. Möglich, dass eines Tages für die Brustkrebs-Früherkennung ein Bluttest entwickelt wird oder ein anderer simpler Test. Wir rechnen auch mit weit wirksameren Behandlungsmethoden.” Bis es so weit ist, halten sich alle an ihre Bilder, neuerdings digitalisiert. Denn jede Früherkennung ist ein kleiner Sieg.

http://www.hamam-project.org