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Santiago Calatrava: "Unsere Bauten überleben uns."

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Santiago Calatrava: "Unsere Bauten überleben uns."

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Man liebt ihn oder man hasst ihn. Santiago Calatrava ist kein Mann der leisen Töne. Der spanische Architekt, der sich für seine Arbeit von der Natur inspirieren lässt.
Seine großen Bauten haben ihn international bekannt gemacht. Er baute den “Turning Torso” im schwedischen Malmö oder den neuen Flughafen Lyon Saint Exupery.
Ein Architekt ist ein Menschenfreund, sagte er Euronews im Interview. Früher baute man für die Ewigkeit, heute hat die Wegwerfgesellschaft auch auf die Städteplanung ihre Schatten geworfen.

Und doch: wenn von einer Zivilisation etwas bleibt, so ist es ihre Architektur und deshalb haftet ihr seit Menschengedenken etwas Heiliges an.

Euronews: “Wie kann man einem Ort etwas Heiliges geben und so vielleicht auch dem Leben?”

Calatrava: “Vitruvio, ein römischer Architekt, gab der Architektur drei Eigenschaften: Nützlichkeit, Schönheit, Beständigkeit.
Utilitas – Venustas – Firmitas.
Firmitas – das bedeutet das Bestehen über die Jahre, über die Zeit.
Unsere Sichtweise ist durch das Menschenbild der Bibel stark geprägt: jeder Mensch hat etwas Göttliches.

Wir glauben daran, dass jeder Mensch etwas Besonderes ist, und somit etwas Heiliges, etwas Göttliches. Diese Sichtweise erhellt die Art und Weise, die Architektur zu verstehen.
Das bedeutet natürlich auch, dass die Architektur nicht alleine bestehen kann. Wir sehen die Tradition, die Geschichte in der Architektur. Sie steht für die Erinnerung an eine Epoche.

Die Architektur hängt oft mit finanziellen und wirtschaftlichen Aspekten zusammen. Das Investment muss sich sozusagen lohnen, muss mindestens soviel einbringen, wie wenn der Investor es auf einem Bankkonto liegen hätte. Das ist eine lächerliche Herangehensweise, denn unsere Werke überleben uns.”

Euronews: “Was sagen Sie den Ländern, die den Bausektor als Möglichkeit sehen, die Wirtschaft wiederzubeleben?”

Calatrava: “Ich glaube, dass es wichtig wäre, jetzt in der Krise eine neue, moderne Infrastruktur zu bauen. Das ist eine einzigartige Möglichkeit, eine solche Infrastruktur an die unwahrscheinlichsten und weit entferntesten Orte zu tragen. Ein gelungenes Beispiel aus Spanien ist die Hochgeschwindigkeitsstrecke, die nicht etwa Madrid mit Barcelona verbindet, sondern sie verbindet Sevilla und Madrid. Der weniger entwickelte Süden wird so mit dem weiter entwickelten Norden verbunden. In dieser Richtung muss gearbeitet werden.”

Euronews: “Große Baustellen wie zum Beispiel die Brücke von Messina oder die Hochgeschwindigkeitsstrecke im Norden Italiens sind immer sehr umstritten. Was sagen Sie dazu?”

Calatrava: “Es gibt zwei Aspekte.
Zum Einen muss die Umwelt respektiert werden. Heute haben wir nicht mehr dieselbe Situation wie vor 30, 40 Jahren. Heute müssen wir schönere Bauten schaffen, und wir müssen sehr viel mehr darauf achten, wie sie die Umwelt beeinflussen. Was diese Bauprojekte kosten ist nichts verglichen mit den Millionen, ja den Milliarden, die ausgegeben werden, um wie es jetzt geschieht eine Wirtschaft auf dem Papier entstehen zu lassen, eine reine Verwaltungswirtschaft. Denken Sie daran, wie die Staaten den Banken Geld geben, um sie zu retten. Und was haben wir davon? Die Möglichkeit, wieder einen Kredit aufzunehmen? Dahingegen eine Brücke zu bauen, eine Autobahn, eine neue Hochgeschwindigkeitsstrecke, das ist etwas, das bleibt. Etwas, das der Bevölkerung dient, und es kostet weniger.”

Santiago Calatrava lebt in den USA und in Europa. In New York arbeitet er an der Verwirklichung des World Trade Center Transportation Hub.

Euronews: “Wollen Sie Europa als eine befestigte Burg oder wollen Sie ein Europa der multikulturellen Brücken?”

Calatrava: “Zweifellos möchte ich ein Europa der Brücken, denn das Brückenbauen ist mein Metier. Schon in der Vergangenheit hat sich Europa immer über Brücken definiert, von den alten Klöstern bis zu den Universitäten. Universitäten sind für mich wichtige Institutionen. Sie vereinen Wandel, Reisen und Austausch.”

Euronews: “Ist die Arbeit als Architekt leichter in Europa oder in den USA?”

Calatrava: “Hier in Europa leben wir in einer Art “Gemischter Salat”, es gibt Kirchen, da ist ein Teil romanisch, man findet sogar noch Steine, die auf die alten Römer zurückgehen, dann ist ein Teil gothisch, und an einem anderen Ort in derselben Stadt finden Sie Renaissance oder Barock. Wir in Europa leben in mehreren Jahrhunderten. In den USA ist alles viel zeitgenössischer – es ist aus unserer Zeit.”

Euronews: “Ground Zero, der Angriff vom 11. September, das war ein Angriff auf Menschen, aber auch auf Symbole der Architektur New Yorks.

Calatrava: “Der Mensch ist im Mittelpunkt der Architektur. In den Türmen waren Menschen. Andere Menschen haben Flugzeuge auf diese Türme zugesteuert in dem vollen Bewusstsein, dass dort Menschen drin waren. Das ist eine unglaubliche Menschenverachtung.

So etwas kann nur mit Liebe geheilt werden, mit Großzügigkeit und mit Glauben. Und mit Respekt gegenüber den anderen. Mit diesem Respekt gegenüber anderen soll die Architektur arbeiten, damit sie für kommende Generation eine Erinnerung bleiben kann.”