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Laurent Garnier: "Wenn Du heute kein Internet hast, bist Du erledigt."


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Laurent Garnier: "Wenn Du heute kein Internet hast, bist Du erledigt."

Electro-Sound bewegt die Massen. Kaum ein anderes Genre repräsentiert derzeit so treffend Europa wie elektronische Musik. Der französische DJ Laurent Garnier mischt seit über 20 Jahren an vorderster Front. Wie sieht der unermüdlich reisende Musiker Europa? Aus Anlass der Wahlen zum Europäischen Parlament hat euronews den Star-DJ befragt.

euronews: Ist Europa für Sie als Vielreisender immer noch Inspirationsquelle? Laurent Garnier: Natürlich. Aber nicht nur Europa, die Welt ist meine Inspirationsquelle. Tatsächlich verbringe ich mehr Zeit in Europa als anderswo. Seit immerhin zwanzig Jahren düse ich um die Welt. Ich arbeite sehr viel in England, in Deutschland, in Belgien, in Holland. Ich habe viel Zeit in Spanien und Italien verbracht, auch in Ost-Europa. Natürlich ist das eine Inspirationsquelle. Aber es ist auch mein Alltag, immer auf Tour. euronews: Führt viel Reisen dazu, dass man sich europäisch fühlt? Fühlen Sie sich europäisch oder französisch? Laurent Garnier: Ich fühle mich vollkommen europäisch, ich habe mich noch nie französisch gefühlt. Das ist ganz klar. Ich bin mit achtzehn Jahren nach England gegangen. So, wie das eben läuft, man verlässt das Elternhaus und beginnt, sein eigenes Leben. Ich habe das Gefühl, mein eigenes Leben, als Erwachsener, als “großer Junge”, begann in England. Es gab niemanden mehr, der mir sagte: “das darfst Du machen – und das nicht! Mach dies, mach das!” Ich fühle mich eindeutig mehr wie ein Europäer als wie ein Franzose. Für mich ist das eine Absurdität. Wenn man mir sagt: “Du bist Franzose”, antworte ich: nein, ich fühle mich eher als Europäer, denn als Franzose. euronews: Wo steht elektronische Musik aus Europa im internationalen Vergleich? Laurent Garnier: Vor gut zwanzig Jahren erkannte man sofort, dass Musik aus Belgien kam, aus England oder den USA, man erkannte sogar, aus welcher Stadt in den USA sie stammte. Es gab den für Chicago typischen Stil, es gab Detroit, New York. Jedes Land hatte seinen eigenen, spezifischen Sound. euronews: Und jetzt immer weniger? Laurent Garnier: Immer weniger, in der Tat. Die Grenzen verschwimmen, es gibt keine länderspezifischen Eigenschaften mehr. Dafür gibt es Musikstile, die in immer wieder neuen Wellen aufkommen. Derzeit zum Beispiel, ist der French Touch in aller Munde, ein bestimmter, französischer Sound. Dabei stammt quasi die Hälfte der auf französischen Plattenlabels herausgebrachten Alben von Musikern aus dem Ausland. euronews: Hat die Globalisierung auch im Bereich der elektronischen Musik stattgefunden? Laurent Garnier: Es gibt keine Schranken. Von Anfang an, außer vielleicht in den allerersten Momenten, waren die Akteure der elektronischen Musik, die Produzenten und DJs, Menschen, die viel unterwegs waren. Es ging nicht darum, Musik nur für das eigene Land zu machen. Für uns existierte Europa bereits seit sehr langem. Europa, das bedeutet für mich meine Familie, mein Zuhause. Ich lebe nicht in Frankreich, um es ganz klar auszudrücken, ich bin nicht franko-französisch, das ist mir völlig egal, ich bin sogar ziemlich gegen derartige Dummheiten eingestellt. Ich reise durch die ganze Welt und habe nicht das Gefühl, dass die Grenzen geschlossen sind. Das ist im Übrigen das Merkwürdige an meinem Job, wenn ich in ein anderes Land reise, sagen wir die USA, und dort 20 Minuten hängen bleibe, um die Grenzkontrolle zu passieren. Ich finde das ziemlich schockierend. euronews: Vor kurzem wurde in Frankreich ein kontroverses Gesetz zum Schutz der Urheberrechte im Internet verabschiedet, das unter anderem vorsieht, Nutzern, die wiederholt illegal Musik herunterladen den Zugang zum Internet zu kappen. Die Loi Hadopi steht teilweise im Widerspruch zu einer Abstimmung im europäischen Parlament, wonach Internetsperren nur per Gericht verfügt werden können. Ist ein Internetsurfer in dem Moment, in dem er einen Musiktitel oder einen Film herunterlädt, sofort ein Krimineller? Laurent Garnier: Oh nein, also kriminell ist ein zu starker Ausdruck. Ich glaube aber, die Menschen sollten sich darüber im Klaren sein, wenn sie gratis Musik oder Filme aus dem Internet herunterladen, dass zum Beispiel an der Herstellung eines Films zwischen 200 und 300 Personen beteiligt sind. Und wenn sich nun jemand diesen Film im Web heraus sucht und sagt: “Ist mir egal, ich lade ihn trotzdem”, dann ist das nun mal schlicht und ergreifend Diebstahl. Ich mache Musik, das ist mein Beruf. Allein mein kleiner Name ermöglicht zehn bis zwölf Mitarbeitern die Existenz. Ich spreche nicht mal von der Plattenfirma. Ich habe Musiker, Tonmeister, einen Beleuchter, der sich um die Lichtregie kümmert, einen Konzert- und Tourneeleiter und einen Manager. Wenn ich von heute auf morgen keine Platten mehr verkaufe, sind all diese Menschen arbeitslos. Ich mache seit 20 Jahren Musik, es ist mein Lebensunterhalt, das ist nicht immer einfach. euronews: Demnach sind Sie mit dem französischen Gesetz eher einverstanden ? Laurent Garnier: Was ich an diesem Gesetz nicht mag und was mich daran stört, ist die Bestrafung, die darin besteht, jemandem den Internetzugang zu sperren. Das ist genauso idiotisch, wie jemandem das Wasser, die Heizung oder das Gas abzustellen, weil er etwas Verbotenes getan hat und ihm zu sagen : “Nun hast Du keine Heizung mehr und wirst im Winter frieren, das soll Dir eine Lehre sein”. Das kann man nicht machen, das ist nicht normal. Ebenso wenig darf man heute jemandem den Internetzugang kappen. Das ist eines der wenigen noch existierenden Kommunikationsmittel. Die Menschen schreiben sich keine Briefe mehr, sie kommunizieren über das Internet, sie arbeiten im Internet, telefonieren oder verabreden sich. Wenn Du heutzutage kein Internet hast, bist Du erledigt. Ich weiß auch nicht, was man stattdessen machen sollte. Vielleicht denen, die herunterladen sagen: “Ok, dafür stellen wir Dich zurück auf eine geringe Bandbreite, wie am Anfang von Internet, der Donwload eines fünf Minuten langen Stücks dauert drei Tage. Dann wirst Du schnell begreifen, dass Du das nicht tun darfst.” Man muss nach Lösungen dieser Art suchen. euronews: Interressieren Sie sich für Politik? Laurent Garnier: Ja und nein. Ich halte mich auf dem Laufenden. euronews: Gibt es Geschehnisse, die einen direkten Einfluss auf Sie und Ihre Arbeit haben? Laurent Garnier: Es kommt vor, dass ich politische Ereignisse in meiner Musik aufnehme. Ich glaube, mein letzter großer Wutanfall war während der französischen Präsidentenwahlen 2002, als Jean-Marie Le Pen beim ersten Wahldurchgang durchkam. Ich hatte einen Schlagzeuger, der Amerikaner war und Schwarzer. Er schrieb auch Songtexte. Und nach dem ersten Wahldurchgang bat ich ihn, mir zu beschreiben, wie er sich fühlte, als Ausländer und noch dazu Farbiger in einem Land, das sich anschickte, vielleicht einen Typen wie Le Pen zum Präsidenten zu wählen. Ich habe ihn gefragt: “Das muss doch weht tun, oder?” Er hat angefangen zu reden, zehn Minuten lang, ohne aufzuhören. Ich habe alles aufgenommen und ein Stück daraus gemacht, es heißt “First Reaction”. Jeder Musiker ist zu einem bestimmten Zeitpunkt von dem beeinflusst, was um ihn herum geschieht. Das können politische Ereignisse sein oder etwas, dass in seinem Leben, seiner Familie geschieht. Das alles hat einen Einfluss auf uns. euronews: Sie sind Vater und 44 Jahre alt. Laurent Garnier: 43! euronews: 43, pardon. Wie sehen Sie die Zukunft Ihrer Kinder, werden Sie sie dazu anhalten, im Ausland zu leben, durch Europa zu reisen? Laurent Garnier: Also, das ist ganz klar für meine Frau und mich. Wenn er 16 oder 17 Jahre alt ist, werden wir sagen: “Mach Dich auf die Socken, Du bist alt genug, geh nach Paris oder nach England, wohin Du willst, aber fahr los”. Aufgrund der Tatsache, dass wir eine Familie mit doppelter Staatsbürgerschaft sind, sprechen wir schon jetzt darüber, dabei ist er erst fünf! Er reist schon jetzt sehr viel. Er wird ein richtiger Europäer, das ist sicher.
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