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Lagarde: "Wenn das Haus brennt, schaut man nicht auf die Wasserrechnung."

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Lagarde: "Wenn das Haus brennt, schaut man nicht auf die Wasserrechnung."

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Christine Lagarde – die französische Finanzministerin. Eine starke Frau in den Korridoren der Macht, die bisher Männern vorbehalten waren. Die 53-jährige Anwältin leitete eine internationalen Kanzlei in Chicago, bevor sie in die Politik in Paris einstieg. Seitdem kennt sie im Wesentlichen nur ein Thema: den Kampf gegen die Krise.

Euronews: “Die Ursachen der Krise, das sind zuviel Schulden und ein zu niedriger Zinssatz. Und man antwortet der Krise mit noch mehr Schulden und einem noch niedrigeren Zinssatz. Finden Sie das nicht eigenartig?”

Lagarde: “Die Analyse der Krise, die Sie abgeben, ist ein wenig einseitig. Die Krise, das ist ein Zuviel in vielen Bereichen: Vorher gab es zuviel Liquidität, dann einen zu niedrigen Zinssatz. Die Krise, das ist auch ein makro-ökonomisches Ungleichgewicht zum Beispiel zwischen China, dem es an vielem fehlt und den USA, wo der Konsum eine unglaubliche Rolle spielt.

Die Krise, das sind auch außer Rand und Band geratene finanzielle Transaktionen, bei denen der Investor selbst oft gar nicht mehr wusste, wo er jetzt wie investiert hat und wie riskant das war.

Die Krise, das sind völlig unverhältnismäßige Bonuszahlungen an Manager. Vorstandsgehälter, die in keinem Verhältnis mehr stehen. Solche Dinge haben die Krise noch verschlimmert.

All das sind Teile dieser Krise, in der wir uns befinden. Und wir antworten auf die Art und Weise, die wir als am wirksamsten ansehen. Und was ist am wirksamsten? Nun, das Eingreifen des Staates.

Die Geldpolitik, die wir verfolgen, also niedrige Leitzinsen, diese Politik musste eingeschlagen werden, um den Markt wieder mit Liquidität zu versorgen. Einen Markt, der immer weiter schrumpfte, der einfach kein Geld mehr hatte, – in dem sich die Banken gegenseitig nichts mehr leihen konnten.”

Euronews: “Der G20-Gipfel hatte soviel Hoffnung gebracht, was eine Reform des Finanzsystems angeht. Wo stehen wir heute?”

Lagarde: “Der G20-Gipfel hat deshalb soviel Hoffnung gegeben, weil sich die Chefs der Länder, die für 85 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der Welt stehen, geeinigt hatten. Und zwar auf eine Sache: darauf, dass die Finanzmärkte stärker kontrolliert werden müssen. Wir haben – unter französischer Führung – die Domainen festgelegt, wo dieses Prinzip angewandt werden muss.

Was die Steuerparadiese angeht: das war ein schwieriger Kampf der G20, aber wir haben es geschafft, drei Listen zu erstellen, eine schwarze Liste mit den Ländern, die einfach nicht kooperieren, eine graue Liste mit denen, die sich zwar willig zeigten, aber nichts unternahmen, und eine Liste der Länder, die ihre Informationen zugänglich machten.

Was haben wir heute als Ergebnis? Auf der schwarzen Liste steht heute niemand mehr. All die, die auf der schwarzen Liste waren, haben zumindest die Absicht geäußert, zu kooperieren.
Was die graue Liste angeht, also Länder wie Luxemburg und Belgien und ich hoffe, auch bald die Schweiz und Liechtenstein, sie haben zugesagt, dass sie sich an die Regeln halten werden.”

Euronews: “Bei all diesen Finanzfragen … die große europäische Einigkeit herrschte da nicht. Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang das Verhältnis Berlin-Paris?”

Lagarde: “Alle Europäer sind sich nicht ständig einig. Es geht darum, die Partner zu überzeugen. Die Axe Berlin-Paris funktioniert. Bei den Steuerparadiesen, bei den Hedgefonds, und was die Kontrolle der Banken angeht. Dass wir uns in Europa nicht immer einig sind, ist nicht verwunderlich.

Es gibt die Länder der Eurozone, dann die ohne den Euro – hier denke ich besonders an Großbritannien. Das Land ist enorm wichtig innerhalb der internationalen Finanzpolitik und liegt außerhalb der Eurozone. Das macht es machmal schwierig, zu einem Konsens zu kommen, und manchmal muss man sich eben mit einem Kompromiss zufrieden geben.

Euronews: “Die Staatsschulden von heute legen die Steuern von morgen fest. Macht sich die französische Regierung eigentlich Gedanken darüber, wie sie die Staatsschuld verringern könnte?”

Lagarde: “Wissen Sie, wenn das Haus brennt, schaut man nicht auf die Wasserrechnung. Wir machen das, worum die EU uns gebeten hat, worum der Internationale Währungsfonds uns gebeten hat. Kurzum: wie machen das, was die Finanzexperten uns sagen. Wir sind dabei, ein riesiges Konjunkturprogramm umzusetzen. Die einzige Möglichkeit, dies zu finanzieren, ist, Schulden zu machen.”

Euronews: “In Frankreich und anderswo verbreitet sich der soziale Unmut immer mehr, je mehr Menschen ihre Arbeit verlieren. Was also tun, um aus der Krise zu kommen?”

Lagarde: “Der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit – das ist das täglich Brot der französischen Regierung. Ich persönlich bin geradezu besessen von dem Gedanken, die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. Denn diese Krise kam in drei Etappen: zuerst erreichte sie den Finanzsektor, dann die Wirtschaft und zuletzt den sozialen Sektor. Dort wird sie die schlimmsten Spuren hinterlassen und dort wird sie die Bevölkerung am meisten treffen.

Die Unternehmen, die unter der Krise leiden, entlassen ihre Mitarbeiter. Zeitverträge werden nicht mehr erneuert, Überstunden nicht mehr autorisiert. Die Folgen der Kündigungen werden noch lange zu spüren sein, auch wenn sich die Wirtschaft wieder erholt, die Erholung wird sich auch im sozialen Sektor zeigen, aber mit Zeitverzögerung.”

Euronews: “General Motors – ein Wahrzeichen der amerikanischen Autoindustrie, steht unter Gläubigerschutz. Viele sehen das als das Ende einer Epoche. Sind Sie auch dieser Meinung und wie sehen Sie die neue Epoche für die Autobranche und die gesamte Industrie?”

Lagarde: “Für mich bedeutet das nicht, dass eine neue Epoche anbricht, wenn ein Unternehmen Gläubigerschutz nach Kapitel 11 beantragt. Das heißt ja im Grunde genommen nur, dass die Zahlungen an die Gläubiger momentan eingestellt werden dürfen und der Konzern weiter arbeiten kann. Dasselbe ist doch zum Beispiel mit United Airlines passiert – also im Luftfahrtsektor.

Was für mich vielmehr für eine neue Epoche spricht, das ist die Rolle, die die amerikanische Regierung spielte. Eine amerikanische Führung, die nicht zögert, einen Riesenkonzern zu verstaatlichen, die nicht zögert, dem Konzern eine Frist von 90 Tagen zu geben, um zu restrukturien und zu versuchen, einiges wieder ins Lot zu bringen. Die Tatsache, dass eine amerikanische Regierung interveniert, dass haben wir lange nicht gesehen.”