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Natalia Morari: "Alle jungen Moldawier wollen weg"

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Natalia Morari: "Alle jungen Moldawier wollen weg"

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Chisinau, die Hauptstadt Moldawiens, das oft als ärmstes Land Europas bezeichnet wird. Seit dem 3.Juni steht Moldawien vor Neuwahlen, nachdem die Kommunistische Partei keine Mehrheit im Parlament für ihren Kandidaten erhalten hat.

Diese regiert seit acht Jahren das Land, aus dem jährlich Tausende, vor allem junge Moldawier, auswandern. Ihnen fehlen wirtschaftliche Perspektiven, aber auch Meinungsfreiheit und Demokratie. Die Frustration entlud sich nach der letzten Parlamentswahl im April. Tausende demonstrierten gegen angeblichen Wahlbetrug nach dem der erneute Sieg der Kommunisten verkündet worden war. Auf den Wahllisten sollen sich unter anderem 200.000 Tote befunden haben. Die anfangs friedlichen Proteste eskalierten später und Teile der Demonstranten stürmten das Parlament und den Sitz des Präsidenten. Die Polizei nahm Hunderte Protestierer fest, mindestens drei Menschen starben bei den Zusammenstössen, viele der Festgenommen gaben später an, in Gewahrsam misshandelt worden zu sein. Natalia Morari hat die friedlichen Proteste organisiert, zusammen mit einigen Freunden. Sie arbeitete zuvor in Russland als Journalistin, bis sie aufgrund kritischer Artikel ausgewiesen wurde. euronews hat sie in Chisinau getroffen, wo sie nach den Protesten unter Hausarrest stand und mittlerweile angeklagt ist, für die Ausschreitungen verantwortlich zu sein. euronews: “Natalia, zu aller erst Danke schön, dass Sie sich für dieses Interview Zeit genommen haben. Die Kommunistische Partei Moldawiens hat nun nicht die nötige Mehrheit erhalten, die sie brauchte um einen neuen Präsidenten zu wählen. Ist dies auch ein Erfolg der Protestbewegung, die sie mit angestossen haben?” Morari: “Es ist nicht nur der Erfolg der Protestbewegung, sondern des ganzen Landes. Dass die Opposition nicht für einen Kommunisten stimmte, war eine Prüfung, die unser Land ablegen musste. Und es hat diese Prüfung bestanden.” euronews: “Können Sie etwas genauer erklären, warum grosse Teile der moldawischen Jugend die Kommunistische Partei und ihre Regierungsarbeit so massiv kritisieren?” Morari: “Ich persönlich kenne viele Menschen, die erst das Wahlergebnis abwarteten und sagten: wenn die Opposition gewinnt, dann bleibe ich und mache mein Geschäft oder meine Studien weiter. Aber wenn die Kommunisten wieder gewinnen, dann verlasse ich dieses Land für die nächsten vier Jahre. Wir haben allein schon deshalb keine fairen Wahlen, weil wir nicht für alle Parteien denselben Zugang zu den Medien haben. Jemand, der nicht in Chisinau, sondern nur 30 Kilometer weg wohnt, hat nicht die Möglichkeit, die Opposition im Fernsehen zu sehen. Er sieht die Kommunisten von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Und wenn so jemand einmal die Opposition zu Gesicht bekommt, dann heißt es, das sind Kriminelle, sie haben dies und jenes verbrochen, oder einfach sie schliefen im Parlament, – nichts anderes.” euronews: “Anfangs waren die Proteste friedlich, doch dann kam es zu Ausschreitungen und auch zu Todesopfern. Bereuen Sie manchmal, die Proteste organisiert zu haben?” Morari: “So wie jeder, der Veranwortung für die Zukunft unseres Landes verspürt, tut es mir Leid, dass es zu all dieser Gewalt gekommen ist. Auch wenn ich nicht persönlich dabei gewesen wäre, täte es mir Leid.” euronews: “Moldawien ist vielen Europäern, wenn überhaupt, bekannt als verarmtes Land. Wie ist die Situation für junge Moldawier wirklich?” Morari: “Alle jungen Menschen wollen weg. Das ist sehr traurig. Ja, wir haben einige Geschäfte, wir haben verschiedene Sachen, aber da sind eine Menge “Aber”. Gerade wenn dein Geschäft anfängt, einen Gewinn abzuwerfen, freu dich nicht zu früh. Denn einer wird vor der Tür stehen und dir sagen, – wenn du dein Geschäft behalten willst und du nicht im Gefängnis landen willst, dann gib uns einen Teil. Und diese Person hat gewöhnlich etwas mit der grossen Familien zu tun, die an der Macht ist.” euronews: “Sie selbst haben Moldawien 2002 verlassen. Warum?” Morari: “Meine Geschichte steht für die vieler junger Frauen aus Moldawien. Da die Kommunisten an die Macht kamen, glaubte ich nicht, dass ich irgendetwas hier erreichen könnte.” euronews: “Zwischen 2002 und 2007 haben Sie fünf Jahre lang in Russland gelebt und gearbeitet, doch 2007 war damit ziemlich abrupt Schluss. Wieso?” Morari: “Als ich nach einem Auslandsaufenthalt wieder nach Russland einreisen wollte, wurde ich festgenommen. Man sagte mir: Tut uns Leid. Sie dürfen nicht mehr in Russland leben und auch nicht mehr einreisen. Mir wurden keine Erklärungen gegeben. Sie sagten mir nur, sie kämen von einer Behörde. Sie sagten mir nicht, wer sie waren. Aber sie sagten, sie hätten ein Dokument vom russischen Geheimdienst.” Natalia Morari hatte eine ganze Reihe von Artikeln über Korruptionsfälle und Geldwäsche veröffentlicht, die auch hochrangige Mitarbeiter des russichen Geheimdienstes FSB betrafen. In Russland ist sie nun Persona Non Grata, aber sie sagt, auch wenn sie könnte, würde sie dort nicht mehr leben wollen. Moldawien ist ein bilinguales Land, in dem sowohl rumänisch als auch russisch gesprochen wird. Das Land hat starke kulturelle und sprachliche Verbindungen mit Rumänien, was auch bei den Protesten zum Ausdruck kam. Nicht wenige in Moldawien fordern eine Vereinigung mit Rumänien. Natalias Muttersprache ist russisch, und sie sagt sie fühlt sich weder als Rumänin noch als Russin, sondern als Moldawierin. euronews: “Viele junge Moldawier haben das Land verlassen und werden es auch in naher Zukunft verlassen? Warum wollen Sie hier bleiben?” Morari: “Der eine will in Manhattan leben, der andere will ein Kinostar werden, und wieder ein anderer will Arzt werden. Und ich will eben die Dinge um mich herum verändern. Solche Menschen gibt es auch und ich gehöre dazu. Vielleicht wird es eine Veränderung geben, wenn es genügend kritische Menschen gibt, die aus Moldawien ein anderes Land machen wollen.” euronews: “Moldawien wird oft als vergessenes Land bezeichnet, obwohl es an die Europäische Union grenzt. Haben Sie eine Botschaft an das politische Europa?” Morari: “Ich verstehe, dass es nicht die Aufgabe der EU ist, unsere Probleme zu lösen. Warum sollte sie das tun? Ich verstehe die EU. Wir werden natürlich immer versuchen, irgendwie in die EU zu kommen, – wegen der Jobs. Es ist jedoch im Interesse Europas, einen normalen Nachbarn zu haben. Die EU-Behörden sollten nicht nur offiziellen Politikern Moldawien Gehör schenken, sie sollten öfter hier her kommen und auch mit NGOs sprechen, mit den Medien, mit unterschiedlichen Menschen, die hier leben, kein offizielles Amt innehaben.” euronews: “Ist Chisinau ein attraktiver Ort, eine Stadt, in der es sich zu leben lohnt?” Morari: “Das hängt von uns ab. Wir können aus Chisinau eine echte europäische Hauptstadt machen. Daran glaube ich. Geben Sie uns 30 Jahre und es gibt eine ganz andere Stadt auf dieser Welt. Das versichere ich Ihnen.”