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Semprun: "Wir haben der Jugend Europas nichts zu bieten"

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Semprun: "Wir haben der Jugend Europas nichts zu bieten"

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Der spanische Schriftsteller Jorge Semprun gehört zu den wichtigsten Zeitzeugen des 20. Jahrhunderts. In Madrid geboren, hat er den Großteil seines Lebens in Paris verbracht, wo der 85-Jährige auch heute lebt. Als Mitglied der Résistance wurde Semprun 1943 von der Gestapo verhaftet, ins KZ Buchenwald verbracht und erst 1945 befreit. In den fünfziger Jahren kämpfte er gegen General Franco. Von 1988 bis 1991 war Semprun Kulturminister in Spanien. Semprun ist vielfach ausgezeichnet worden; 1994 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

euronews: Die Wahlen zum Europaparlament sind nun einen Monat her. Die Linke, die Sozialisten haben dabei ein sehr schlechtes Ergebnis erzielt. Woran liegt das Ihrer Ansicht nach? Semprun: Das ist schwer zu erklären. Ich will dafür ein bisschen ausholen. Denn dieses Problem betrifft nicht nur Frankreich oder Spanien, es ist kein nationales Problem. Denn es sieht fast so aus, als befänden wir uns uns am Ende eines Zyklus, in dem die Linke und die Sozialdemokratie bei den Europawahlen die Mehrheit hatten. Ich lasse jetzt mal die extreme Linke aus, die für Europa nie wichtig und entscheidend gewesen ist. Woher kommt diese Krise? Das ist paradox, denn man könnte ja vermuten, dass in Zeiten, in denen sich das kapitalistische System wetlweit in der Krise befindet, die sozialdemokratische Option wieder in den Vordergrund rückt, also eine Option der Gleichberechtigung und des Ausgleichs. Aber jetzt, wo man sie am dringendsten bräuchte,verschwindet diese Option immer mehr. Dieses Phänomen wird sicherlich große historische Auswirkungen haben und es ist unklar, wohin das führen wird. euronews: Hat die hohe Wahlenthaltung etwas mit dem Stimmenverlust der Linken zu tun? Schließlich verliefen die Stimmenverluste der Linken fast parallel zum Rückgang der Wahlbeteiligung… Semprun: In Europa und weltweit ist das System des Parlamentarismus schon seit Jahren in der Krise. Das zeigt sich an mehreren Faktoren: Die politische Klasse allgemein wird geringgeschätzt, und vor allem geht die Wahlbeteiligung in ganz Europa langsam aber stetig immer weiter zurück. Dies gilt fuer alle Wahlen und natürlich auch für die Europawahlen. Denn die Leute haben offenbar fälschlicherweise den Eindruck, dass die Europawahlen weniger wichtig sind als Regional- oder Parlamentswahlen. Bei den Europawahlen ist die Enthaltung in gefährlichem und beunruhigendem Maße gestiegen. euronews: In Ihrem Buch : “Was es heißt, Europäer zu sein”, das Sie zusammen mit dem ehemaligen französischen Minister Dominique de Villepin geschrieben haben, heißt es: Die größte Gefahr für Europa ist der Überdruss. Befinden wir uns in einer Phase des Überdrusses? Semprun: Leider kehren wir zu einer Zeit des Überdrusses zurück. Dieser Satz stammt von dem deutschen Philosophen Edmund Husserl, aber er ist immer noch gültig. Die größte Gefahr liegt im Überdruss, in der Enttäuschung und der Gleichgültigkeit. Und die Gefahr besteht darin, dass wir der europäischen Jugend ideologisch nichts zu bieten haben, Wir bieten ihnen zwar interessante, praktische Dinge an: Die Erasmus-Stipendien, den universitären Austausch, vielerart Reisen… aber all das ist sehr alltäglich und pragmatisch. Wir haben ihnen aber kein Gemeinschaftsprojekt anzubieten: Wozu brauchen wir Europa, was bedeutet Europa… Man muss ihnen mehr bieten als nur Erasmus-Reisen. euronews: Im Zweiten Weltkrieg gehärten Sie zu den Opfern. Sie waren in einem Konzentrationslager. Die Erinnerungen, die Sie haben, wie viele aus Ihrer Generation, die verlieren sich mit den neuen Generationen… Semprun: Die Erinnerung an diese Ereignisse verliert ihren wichtigsten Träger, nämlich die Opfer. Bald wird es niemanden mehr geben, der sagen kann: Ich habe es gesehen – um mit Goya zu sprechen, der das auf einige seiner Stiche geschrieben hat. Diese Erinnerung wird zu Geschichte. Daran ist ja nichts Schlechtes, dass sie als Geschichte weiter existiert. Aber jetzt müssen wir weiter gehen. Ich glaube, dass wir kein europäisches Projekt gründen können, das sich auf die Vergangenheit bezieht. Man muss die Jugend mit etwas Positivem konfrontieren, also nicht mit Erinnerung, sondern mit der Zukunft, und das ist das Dilemma. euronews: Sie sind ja gewissermaßen auch ein Opfer des Frankismus, denn seit Ihrer Jugend haben Sie in Frankreich im Exil gelebt. Vor zwei Jahren hat die sozialistische Regierung in Spanien ein Gesetz zur historischen Erinnerung verabschiedet, das heftige Debatten ausgeläst hat, denn durch dieses Gesetz sollen die Opfer des Frankismus rehabilitiert werden. Was halten Sie von diesem Gesetz? Semprun: Ich sehe mich nicht als Opfer des Frankismus. Opfer sind Leute, die passiv unter der Unterdrückung gelitten haben. Vielleicht wirkt diese Klarstellung ein bisschen übertrieben, aber wenn man gekämpft hat, ist man kein Opfer, sondern Akteur des historischen Geschehens, und dann sieht man sich selbst nie als Opfer. Der Wiederaufbau der Demokratie in Spanien hat den demokratischen Werten wieder zum Triumph verholfen, also den Werten der Verlierer des Bürgerkriegs. Es muss wieder ein Gleichgewicht hergestellt werden, damit wir alle, die Opfer, die Angehörigen der Verfolgten, die Familien der Ermordeten ein Recht auf Erinnerung haben und historisch präsent sind. Das ist nicht einfach, es ist ein komplizierter Prozess, aber es ist absolut notwendig. Wir haben eine lange Zeit der Amnesie und der Amnestie gebraucht, um die Demokratie wieder aufzubauen. Aber heute ist die Demokratie stark und stabil genug und kann sich den Luxus einer vollständigen Erinnerung erlauben, der Erinnerung an das Gute und Böse der Einen und der Anderen… euronews: Der spanische Untersuchungsrichter Baltasar Garzón hat versucht, einen Prozess gegen die Verantwortlichen der Franco-Diktatur zu eröffnen. Das hat in Spanien enorm Staub aufgewirbelt, denn viele meinen, dass solche Prozesse neue Wunden schlagen statt alte zu heilen. Semprun: Ich glaube, dass man mit diesem Problem sehr vorsichtig umgehen muss. denn in der Tat kann man neue Wunden aufreißen, wenn man bei dieser Rekonstruktion der Erinnerung nicht richtig vorgeht. Ich glaube allerdings, dass die direkten Wunden vernarbt sind, es ist ja viel Zeit vergangen. Ich glaube, so wie man früher die Amnesie brauchte, also das gewollte Vergessen, so brauchen wir nun das Erinnern.