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Jean-Claude Trichet: "Noch einmal werden die Bürger uns nicht verzeihen"

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Jean-Claude Trichet: "Noch einmal werden die Bürger uns nicht verzeihen"

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Seine Unterschrift ist auf den Euroscheinen. Sein Name steht für die europäische Geldpolitik, er kennt sich aus in der Welt der Hochfinanz: Jean-Claude Trichet, der Chef der Europäischen Zentralbank. Unter seiner Ägide will es die EZB mit dem rekordniedrigen Zinssatz von einem Prozent aus der Krise schaffen.

Euronews: “Unflexibel. So beschreiben manche Analysten die Europäische Zentralbank. Am Donnerstag haben Sie wie erwartet das Zinsniveau beibehalten. Obwohl zum Beispiel die OCDE zu einem niedrigeren Leitzins aufgerufen hatte. Was wäre denn das Risiko, wenn Sie den Leitzins weiter senken würden?” Trichet: “Wie Sie sicher wissen, haben wir eine Reihe unkonventioneller Entscheidungen getroffen. So pumpen wir zur Zeit auf das Jahr gesehen 440 Milliarden Euro in die Geschäftsbanken der Eurozone. Niemals zuvor hat eine Notenbank den Banken soviel Liquidität zur Verfügung gestellt. Daher sage ich Ihnen: Das, was wir tun, ist mutig, sehr mutig. Gleichzeitig sage ich Ihnen heute, so wie ich es schon vor zwei Monaten und vor einem Monat gesagt habe: Wir haben nie die Entscheidung getroffen, dass wir mit dem Leitzins nicht tiefer gehen. Das haben wir nie getan. Das Leitzinsniveau hängt von Entwicklungen, Fakten und von Analysen ab. Aber im Moment ist der Leitzins angemessen.” Euronews: “Es gibt unter Analysten die Meinung, dass die EZB die Wirtschaft in der Eurozone nicht genug unterstützt. Dass die EZB das Risiko, das eine Deflation, ein steter Preisrückgang, birgt, unterschätzt. Im Juni war die Inflation in der Eurozone zum ersten Mal negativ. Sie selbst hatten dieses Risiko gering eingeschätzt. Halten Sie das Risiko heute immer noch für gering?” Trichet: “Ja. Denn wir sind in der Lage, die Preisentwicklung unter Kontrolle zu halten. Wir können sowohl die Risiken der Inflation als auch das Auftreten einer Deflation, also der negativen Inflation über einen langen Zeitraum, kontrollieren und uns dagegen schützen. Ich kann Ihnen sogar jetzt schon sagen: Wir rechnen mittel- und langfristig mit einer Inflationsrate von 1,9 Prozent. Das ist im Einklang mit unserer Definition von Preisstabilität: Unter zwei Prozent, aber nahe an der Zwei-Prozent-Marke. Ich möchte noch einmal betonen, dass es nicht stimmt, dass die Politik der Währungshüter der Europäischen Zentralbank eine ängstliche Politik ist. Im Gegenteil, wir waren bei vielen Maßnahmen die Ersten. Keine andere Notenbank hat ihre Banken mit 440 Milliarden Euro Liquidität ausgestattet.” Euronews: “Und Sie trauen den Banken? 442 Milliarden Euro zu einem Zinssatz von einem Prozent, das ist doch ein Festmahl für die Banken. Diese sollen ja eigentlich dadurch dazu angehalten werden, Kredite zu güngstigen Konditionen auszugeben. Aber, wenn man sich so anschaut, was die Finanzpresse schreibt, sieht es nicht unbedingt so aus, als ob die Banken dies auch tun.” Trichet: “Wir fordern die Banken auf, das, was sie von uns bekommen, an ihre gesamte Kundschaft weiterzugeben. Unsere Bemühungen sind beträchtlich. Wir fordern sie auch auf, auf ihre Bilanzen zu achten, von Möglichkeiten zu profitieren, die die Regierungen einzelner Länder zur Kapitalbildung anbieten. Wir fordern sie auf, nicht zu zögern, wenn sich auf dem Markt die Gelegenheit bietet, ihr Kapital aufzustocken. Denn all das ist unabdingbar, wenn der Finanzsektor wieder so gut wie möglich funktionieren soll.” Euronews: “Jeder hat eine andere Ansicht, was den Zeitpunkt angeht, wann es wieder bergauf geht. Die größten Optimisten sprechen von einem Ende der Rezession in den USA noch 2009. Sie, Herr Trichet, sprachen von 2010. Ist nicht sogar 2010 noch zu optimistisch?” Trichet: “Die Europäische Zentralbank ist sich bei diesem Thema mit quasi allen internationalen Institutionen sowie mit Finanzexperten von Regierungen und privaten Forschungsinstituten einig: Im ersten Quartal 2009 ging die Wirtschaftsleistung massiv zurück. Dieser Rückgang hat sich bereits verlangsamt und wird sich bis Ende 2009 weiter verlangsamen. Er wird zu einer Stabilisierung der Märkte und in der zweiten Hälfte 2010 zu Wachstum führen. Das ist das Szenario, von dem wir ausgehen. Dieses Szenario steht jedoch auf unsicheren Füßen. Die Wirklichkeit kann besser oder schlechter ausfallen. Die Zukunft ist nicht in Stein gemeißelt und hängt davon ab, was jeder einzelne tut und wie sich die privaten Haushalte in den einzelnen Ländern entwickeln.” Euronews: “Trotz Anzeichen einer Erholung an den Märkten, werden die Firmen ja nicht von einem Tag auf den anderen wieder Leute einstellen. Steigt das Heer der Jobsuchenden immer weiter? Müssen wir uns also auf weitere Jahre mit hoher Arbeitslosigkeit einstellen?” Trichet: “Das stimmt genau. Wir haben das aber auch schon gesagt. Die Zahl der Erwerbslosen wird in den Industrieländern, also auch in der Eurozone, weiter ansteigen. Das ist leider so und hängt mit der niedrigen Wirtschaftsaktivität zusammen und damit, dass sich positive Entwicklungen erst später am Arbeitsmarkt niederschlagen. Wenn die privaten Haushalte wieder Vertrauen fassen, steigt der Verbrauch, und die Firmen können wieder investieren. Vertrauen ist der Schlüssel.” Euronews: “Wenn es um eine Regulierung der Märkte geht, dann sind die G8-Staaten etwas geteilter Meinung: also Frankreich und Deutschland sind eher für eine harte Linie und Großbritannien will keine strikte Regulierung. Wo sieht sich die EZB in dieser Frage? Trichet: “Ich bin nicht sicher, ob diese beiden von Ihnen umrissenen Linien die aktuelle Situation richtig darstellen. Ich sehe viel eher einen gemeinsamen Willen, um sich schnell auf eine gute Regulierung zu einigen, die mehr Transparenz schafft, die diese Risikogeschäfte, die nur auf schnelle Gewinne aus waren, unmöglich macht, – sie waren es ja, die so eine zerstörende Wirkung auf die Märkte und die gesamte Wirtschaft hatten. Wir hatten eine Periode des Booms, und jetzt durchleben wir eine schwierige Periode, die im Grunde genommen negativ symmetrisch zu dieser Boomperiode ist. Ein solcher Boom war auch nicht normal. Wir müssen danach streben, dass das Auf und Ab nicht mehr so extrem ist. Da sind sich alle auf internationaler Ebene einig. Auch die EZB. So etwas darf nicht noch einmal passieren, dafür gibt es keine Entschuldigung. Die Bürger würden so etwas nicht noch einmal verzeihen. Und sie hätten Recht.”