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Gaddafi: "Vom G8-Gipfel erwarte ich nicht viel"

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Gaddafi: "Vom G8-Gipfel erwarte ich nicht viel"

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Die Staats- und Regierungschefs der sieben führenden Industrienationen und Russlands treffen sich ab Mittwoch in L’Aquila – im Erdbebengebiet in den Abruzzen. Die wichtigsten Themen: Die unendliche Finanz- und Wirtschaftskrise und -Afrika. 2005 hatten sie im schottischen Gleneagles versprochen, die Hilfen für Afrika bis 2010 um 25 Milliarden Dollar pro Jahr zu erhöhen. Bis 2008 habe man gerade einmal ein Drittel erreicht, so die Rechnung von Nichtregierungsorganisationen.

Als Gipfel-Gast aus Afrika mit dabei: Libyens Staatschef Muammar al-Gaddafi. Euronews: Die Armut in Afrika war das beherrschende Thema beim Gipfel der Afrikanischen Union, der vor wenigen Tagen zuende ging. Beim G8-Gipfel in Italien treten sie als erster afrikanischer Staatschef auf – welche Botschaft haben Sie für die Großen dieser Welt? Muammar al-Gaddafi: Erstens, dieser Gipfel ist nicht der erste mit afrikanischer Präsenz. Und die vorangegangenen G8-Gipfel endeten oft mit Erklärungen und Empfehlungen für den afrikanischen Kontinent – aber es blieb leider bei den Erklärungen. Und wenn Sie mich persönlich fragen, erwarte ich auch von diesem Gipfel nicht mehr. Ehrlich, ich hoffe es, aber ich glaube nicht dran. Euronews: Nochmal zu Italien: Sie sind kürzlich dahin gereist und wurden von der italienischen Regierung feierlich empfangen, allen voran von Silvio Berlusconi. Kann man davon sprechen, dass zwischen Libyen und Italien eine neue Seite aufgeschlagen wurde und eine neue Ära der Öffnung begonnen hat ? Al-Gaddafi: Ja, ich glaube schon, und eine neue Ära ist sowohl im Interesse Italiens und Libyens wie auch im Interesse des gesamten Mittelmeerraums, Europas, Afrikas, des Weltfriedens und der Zusammenarbeit zwischen den Staaten. Ein neues Kapitel nach einer schmerzlichen Vergangenheit – eine neue Ära der Zusammenarbeit, der Freundschaft. Man kann Worte der Entschuldigung finden für das, was geschehen ist und die entschädigen, die unter der Kolonialherrschaft gelitten haben. Und man hat sich entschuldigt für das, was passiert ist, Entschädigungen wurden beschlossen und wir haben sie akzeptiert. Besser hätte es nicht laufen können. Euronews: Andererseits hatten Sie in Italien demonstrativ das Foto von Omar al-Mukhtar an Ihre Kleidung geheftet, des libyschen Nationalhelden, der von Italienern hingerichtet wurde. Das wirkte provokativ. Was wollte uns Oberst Gaddafi damit sagen ? Al-Gaddafi: Da kann jeder denken, was er will. In Rom haben Journalisten das Gleiche gefragt. Und Sie – habe ich da gesagt – warum tragen Sie ein Kreuz? Ich habe sogar an ihrer Stelle geantwortet: Sie tragen das Kreuz, habe ich ihnen gesagt, weil Christen in der Regel glauben, daß Christus am Kreuz eines grauenvollen Todes starb, obwohl er ein Prophet der Liebe, des Friedens und der Barmherzigkeit ist und diesen schrecklichen Kreuzigungstod nicht verdient hat. Deshalb tragen Christen zum Andenken ein Kreuz. Dem Fragesteller habe ich gesagt – wir sind der Meinung, dass auch Omar al Mokhtar grausam getötet wurde, er wurde erhängt, nicht mal erschossen, weil er kämpfte für die Freiheit, die Würde seines Landes, seine Unabhängigkeit angesichts einer barbarischen ausländischen Invasion. Deshalb verdient er es, dass wir sein Bild genauso tragen wie Sie das Kreuz. Euronews: Ein Problem beunruhigt ganz Europa – nicht nur Italien, das ist die illegale Einwanderung. Es gibt eine Vereinbarung, wonach illegale Einwanderer nach Libyen zurückgeschickt werden. Kürzlich mussten wieder rund 90 Migranten vor der Küste Italiens kehrt machen. Was geschieht dann mit ihnen – wird ihnen Asyl gewährt, welches Schicksal erwartet sie ? Al-Gaddafi: Dies ist keine Frage von Asyl. Das Asylrecht ist gedacht für eine begrenzte Zahl von Personen, die aus politischen Gründen ihr Land verlassen müssen, wegen Kriegen oder Naturkatastrophen. Die immer neuen Migrationswellen in Richtung Europa haben einen anderen Grund: die allgegenwärtige Armut in Afrika. Die Afrikaner sind überzeugt, dass ihre Schätze geplündert wurden. Deswegen sind sie hinter diesen Reichtümern her. Wenn sie in Europa Arbeit suchen, fühlen sie sich im Recht – Europa profitiert schliesslich vom Reichtum Afrikas. Euronews: Oberst Gaddafi, bei einem Bummel durch die Straßen von Tripolis, habe ich gestern einen Werbespruch gesehen: “Da, wo Sie spazieren, herrscht das Glück” Glauben Sie wirklich, dass das libyschen Volk im Glück lebt – 40 Jahre nach der Revolution ? Al-Gaddafi: Also erstens habe ich diese Slogans bisher nicht gesehen und ich bin dafür auch nicht verantwortlich. Anders als Sie kann ich nicht frei auf der Straße herumlaufen und mir Zeit nehmen für irgendwelche Sprüche. Und wenn ich auf der Straße unterwegs bin, dann stecke ich in einem offiziellen Konvoi, also kenne ich den Slogan nicht. Aber gesetzt den Fall, es gibt ihn, dann sind die Leute, die ihn erfunden haben, guten Willens. Sie denken positiv über meine Herrschaft und ich freue mich darüber. Ich habe mein Bestes getan für ein glückliches und freies Volk. Euronews: Oberst Gaddafi, Sie tragen jetzt den Titel des Königs der Könige von Afrika, Sie sind auch der Doyen der arabischen Führer. Sie haben ein “Grünbuch” veröffentlicht, das Fragen der Demokratie, der Gesellschaft und Wirtschaft behandelt. Sie haben wichtige Projekte initiiert: Was bleibt noch zu tun für Oberst Gaddafi, sind noch Wünsche offen ? Al-Gaddafi: Ehrlich gesagt, ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass die arabische Einheit eines Tages das Licht der Welt erblickt. Um so mehr, als die Araber politische Zersplitterung nur zu gut kennengelernt haben in einer Welt aus Bündnissen und Großmächten. Sie sind politisch nicht mehr als Papierschnipsel, leicht wie eine Feder im Wind. Möglich, dass sie nun bereit sind zu einer – wie auch immer gearteten – arabischen Einheit. Und ich hoffe, dass ich das noch erleben werde.