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Vom Picknick zum Mauerfall - Sopron 1989

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Vom Picknick zum Mauerfall - Sopron 1989

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Im Wald von Sopron steht heute ein Denkmal. Marmor-weiß – ein schöner Gegensatz zu Erinnerungsstücken aus jener Zeit, an die das Denkmal erinnern soll, an verrosteten Stacheldraht und eine rot-weiß-grüne Grenzschranke.

Am 19. August 1989 ging diese Grenzschranke hoch zwischen dem – dem Namen nach noch “sozialistischen” – Ungarn und dem westlichen Österreich. Es ist das erste Mal, dass der im Kalten Krieg der Systeme installierte “Eiserne Vorhang” ein Stück weit gelüftet wurde. Die Idee, einmal versuchsweise das Tor zu öffnen, stammte vom westdeutschen CSU-Europaabgeordneten Otto von Habsburg. “Paneuropäisches Picknick” nannte er die Veranstaltung, bei der die Menschen ein paar Stunden lang zwischen Ungarn und Österreich sollten hin- und herspazieren können. Die vielen DDR-Bürger, die auf Gerüchte hin, hier käme man durch in den Westen, nach Ungarn gefahren waren, wollten aber nur weg. So auch Dietmar Poguntke, der 20 Jahre später sagt: “Ich laufe denn da durch, durch dieses Loch, und dann steht da ein Österreicher und meint, herzlich willkommen in der Freiheit. Okay, mit so einem Stück Stacheldraht, das er mir hinhält wie eine Rose.” So hat es der ehemalige DDR-Bürger erlebt. Daheim ließ Erich Honecker die Massenflucht mit der zynischen Bemerkung kommentieren: “Wir weinen ihnen keine Träne nach.” Jene, die so seinem Reich entkommen waren, weinten vor Freude. Der damalige ungarische Grenzpolizist Bela Arpad spricht von verrückten Szenen. “Die Leute rannten wie in Panik, rannten sogar noch, als sie schon in Österreich waren. Andere setzten sich dort erst einmal hin und weinten und lachten vor Freude. Es war ein ungeheurer Ausbruch von Gefühlen. “ Der Sommer hatte für DDR-Bürger mit dem Gerücht begonnen, über Ungarn käme man in den Westen, nachdem die Außenminister von Ungarn und Österreich im Mai symbolisch ein Stück Stacheldraht entfernt hatten. Also zogen sie in Scharen gen Süden. Um die 60.000 warteten im August in Ungarn auf die Lücke im Zaun. Hilfsorganisationen bauten in aller Eile Zeltlager auf für die Urlauber, die nicht mehr zurück wollten in das Land, das sie nicht als ihre Heimat ansahen – und für die vielen, die direkt wegen der Chance, in den Westen zu gelangen, sich irgendwie bis Ungarn durchschlugen. In dieser Situation kam Otto von Habsburg mit seiner “Picknick”-Idee. Die in den Lagern bei den Wartenden verteilten Flugblätter mit Hinweisen auf Deutsch taten ein Übriges. So wurde in Ungarn der Stacheldrahtzaun überrannt – knapp drei Monate, bevor in Berlin die Mauer fiel. Als Erinnerung blieben den Ungarn die vielen stehen gelassenen Trabis und das weiße Denkmal von Sopron. Es war der Anfang vom Ende vom Eingesperrtsein hinter Stacheldraht und Mauer des “real existierenden Sozialismus”.