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Kunststoff-Kunst: Erhalten - oder wegwerfen ?

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Kunststoff-Kunst: Erhalten - oder wegwerfen ?

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In den Museen rund um den Globus läuten die Alarmglocken: Kunst aus Kunststoff in ihren Sammlungen löst sich einfach auf.

“Es hat eine ganze Weile gedauert. Aber inzwischen steht das Thema bei vielen ganz oben auf der Dringlichkeitsliste,” sagt Brenda Keneghan, Polymer-Spezialistin im Victoria & Albert Museum, London. Plastik – dieser modernste Grundstoff von allen scheint uns unverwüstlich. Aber genau das Gegenteil ist wahr. Dazu Christopher Wilk, im Victoria & Albert Museum zuständig für Möbel, Textil und Mode: “Das Hauptproblem bei Plastik ist – es baut ab. Es zerstört sich selbst.” Tausende Skulpturen, Design-Ikonen und historische Filme sind in Gefahr. Bertrand Lavédrine, vom Forschungszentrum zur Konservierung von Dokumenten in Paris: “Alte Filme zersetzen sich und das riecht man sehr deutlich – sie stinken nach Essigsäure, wie Essig eben.” Paris und London sind Oasen für Kultur-Fans —- pulsierende Städte, mit bedeutenden Museen und Galerien. Ihre Sammlungen umfassen auch Objekte aus Kunststoff. Aber wie konserviert man die teuren Stücke ? Die Zeit läuft. Brenda Keneghan vom Victoria & Albert Museum in London, ist in die europäische Grundsatz-Forschung über alternde synthetische Materialien eingebunden: “Die Konservierung von Kunststoffen ist eine sehr knifflige Sache. Anders als Holz oder Metall können sie schlagartig abbauen. Manches Stück sieht jahrelang gut aus. Und dann, 6 Monate nach dem letzten Check, erkennt man es kaum wieder. Und wenn die Zerstörung erst mal begonnen hat, kann man kaum noch etwas dagegen tun. “ In der Nachkriegszeit flogen Designer förmlich auf das neue High-Tech-Material Kunststoff. Ihre Werke stehen im Museum, etwa die Stühle von Verner Panton, berühmt für die elegante Linie, oder der Stuhl von Joe Colombo – der erste aus einem einzigen Material, in diesem Fall ABS-Kunststoff. Brenda Keneghan: “So mancher Stuhl vergilbt. Und das liegt an der chemischen Struktur des Materials. Es absorbiert Sonneneinstrahlung oder Hitze, einfach jede Art von Energie. Die Struktur des Materials verändert sich und es dunkelt nach. “ Zyniker könnten nun sagen – dann geht doch einfach hin und kauft den gleichen Plastikstuhl wieder. Aber das widerspricht dem Museums-Ethos. Christopher Wilk: “Plastik ist beliebig verfügbar und reproduzierbar. Museen wollen aber Dinge, die beständig sind. Darin liegt ein Widerspruch. Trotzdem sammeln wir weiter Original-Objekte. Für uns ist das einfach nicht das Gleiche – ein Panton-Stuhl der 1960er Jahre und einer, den man Mitte der 2000er Jahre kauft, oder vielleicht im Jahr 2050.” Aber nicht nur Möbel-Ikonen und Designer-Hausrat bauen mit der Zeit ab, auch Filme, Trickfilm-Material und Fotos. Bertrand Lavédrine, Wissenschaftler aus Frankreich, sucht mit Kollegen in ganz Europa nach dem Schlüssel – warum und wie nagt der Zahn der Zeit an Kunststoffen: “Ich habe eine Serie von Zeichnungen untersucht, die man auch Zelluloids nennt. Sie dienten zur Produktion von Zeichentrickfilmen. Die Polymere haben sich schon zersetzt, sind verzogen. Letzten Endes lösen sich die Farb-Elemente nach und nach ab.” Die Schlüsselfrage: Warum zerfällt derselbe Kunststoff mal schnell, mal langsamer ? Bertrand Lavédrine: “In ein- und derselben Polymerfamilie bauen manche viel schneller ab als die anderen und wir haben keine Ahnung, warum. Da gibt es Zeichnungen und Zelluloids, die sind nach 40 Jahren noch wie neu. Andere, im Schrank nebenan, sind nur noch Schrott. Wo diese Unterschiede herrühren, kann bisher keiner sagen.” Ätzende Säuren, vergilbende Farben, bröselige Oberflächen, und über allem ein beissender Essiggestank – alterndes Plastik zu analysieren ist nicht immer angenehm. Aber wichtig, um zu ergründen, wie verschiedene Polymere sich verfärben, verfälschen und verschlechtern. Diese Werkstücke entstanden alle in den 1950er Jahren. Brenda Keneghan: “Das sind einfach hinfällige Materialien. Sie gehen wahrscheinlich selbst unter den besten Bedingungen kaputt. So mancher Gummi oxidiert, was im Grunde bedeutet, dass er sich an der Luft verändert. Er wird allmählich spröde und blättert ab. Und PVC ist lichtempfindlich. Da wo zum Beispiel eine Puppe Kleider anhatte, ist die Originalfarbe noch mehr oder weniger erhalten. Die Teile, die dem Licht ausgesetzt waren, sind stark nachgedunkelt. Und sie fühlt sich klebrig an. Das ist der Weichmacher, der sie beweglich macht. Der setzt sich mit der Zeit an der Oberfläche ab, alles echt klebrig. “ Die Wissenschaft vom Erhalt von Kunststoffen steckt noch in den Kinderschuhen. Eine Versuchsreihe soll Bertrand Lavédrine helfen zu verstehen, wie sich die chemische Struktur der Kunststoffe im Laufe der Zeit verändert: “In einem Spezialschrank simulieren wir eine beschleunigte Alterung durch Licht oder Wärme.” Erstes Ergebnis: Bereits nach zwei Wochen bei 90 Grad Celsius und 50% Luftfeuchtigkeit vergilbt Schaumstoff und wird brüchig. Bertrand Lavédrine: “Wir wollen verstehen, wie Temperatur und Wärme die Alterung beschleunigen und wie man den natürlichen Abbau durch besondere Behandlung oder Schutzmassnahmen bremsen kann – ob die Objekte nun im Museum stehen oder an der frischen Luft.” Ausstellungsstücke müssen auch gereinigt und gewartet werden. Und da kann Kunststoff ganz schön eigen sein. Viele Polymere reagieren hochsensibel auf Reinigungsmittel – Wasser inbegriffen. Oder ein Plastikobjekt gibt Chemikalien ab, die anderen Materialien in derselben Vitrine zusetzen. Das Plastikzeitalter – eine einzige Herausforderung für Museen. Brenda Keneghan: “Andere Sektoren wissen schon viel mehr über alternde Kunststoffe, zum Beispiel die Bauindustrie. Da werden die Teile einfach ausgetauscht. Aber das geht uns Museumsleuten gegen den Strich. Wir wollen nichts ersetzen. Wir wollen den Verfall der Originale stoppen und ihn womöglich umkehren. Aber ich fürchte, das ist unmöglich. Also im Grunde können wir nur versuchen, die Zerstörung aufzuhalten. “ Bertrand Lavédrine: “Das ist ein Riesenproblem – ein grosser Teil unseres kulturellen Erbes besteht aus Kunststoffen – Kino, Photographie. Auch ganze Kunstobjekte sind aus synthetischen Stoffen mit begrenzter Haltbarkeit.” Problem erkannt, aber trotz erster Erkenntnisse längst nicht bewältigt. Gelingt das nicht in absehbarer Zeit, dann werden die erhaltenswertesten Kunststoffobjekte zu Inbegriffen der Epoche, die sie hervorgebracht hat – der Wegwerfgesellschaft. website: http://popart.mnhn.fr/