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Marina Catena: "Die Burka verschwindet nicht sofort"

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Marina Catena: "Die Burka verschwindet nicht sofort"

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Wir stellen Ihnen heute Marina Catena vor. Italienerin, Europäerin, Soldatin, Chefin des Welternährungsprogramms der UNO in Paris und seit kurzem für ihren Einsatz im Kosovo und anderen Krisengebieten Trägerin des französischen Verdienstordens.

Marina Catena hat zwei Bücher geschrieben und setzt sich vor allem für leidende Frauen und Mädchen in dieser Welt ein.

Dulce Dias – euronews: “Marina Catena, Sie haben als Italienerin den französischen Verdienstorden bekommen. Was bedeutet diese Auszeichnung für Sie?”

Catena: “Das hat mich sehr berührt. Ich bin die erste italienische Soldatin, die diese Auszeichnung erhielt. Frankreich ist meine Wahlheimat, ich liebe die Sprache, ich war in Straßburg Erasmus-Studentin, und ich habe für Air-France als Stewardess gearbeitet. Ich war die erste Air-France-Stewardess, die nicht Französin war. Frankreich hat mich gelehrt, ohne Grenzen zu leben. Also erfüllt mich diese Auszeichnung mit Dank und Freude.” Dulce Dias – euronews: “Sie waren Erasmus-Studentin, Sie haben für die EU gearbeitet, Sie sprechen fünf Sprachen. Fühlen Sie sich als Europäerin oder als Italienerin? Und wie sehen Sie Europa?” Catena: “Ich fühle mich als Europäerin. Ich bin ein Produkt der 90-er Jahre. Ich war zum Beispiel die erste Italienerin, die am Erasmus-Programm teilnahm. – An Europa glaube ich. Es macht mich traurig, wenn ich sehe, dass manche Bürger das Konzept Europa einfach nicht verstehen.” Dulce Dias – euronews: “Von 1996 bis 1999 haben Sie in der Abteilung für humanitäre Hilfe der EU gearbeitet, in der Pressearbeit. Sie hätten doch eigentlich Ihre Karriere innerhalb der EU fortsetzen können?” Catena: “In Brüssel habe ich das Werkzeug erhalten, um eine internationale Karriere im Bereich der humanitären Hilfe zu beginnen. Ich wollte weg aus Brüssel und an die Orte, an denen die humanitäre Hilfe benötigt wurde. Ich war mit dem französischen Minister Bernard Kouchner im Kosovo, ich habe die Frauen dort gesehen, Opfer der Gewalt. Ich habe die Hilfe der EU direkt gesehen. Kosovo – das darf man nicht vergessen – baut auf EU-Hilfe auf.” Dulce Dias – euronews: “Wenn Sie sich doch so für die humanitäre Hilfe engagieren, warum waren Sie dann Soldatin?” Catena: “Das war ein Kindertraum von mir. Ich komme aus einem kleinen Ort in den Abruzzen. Dort gibt es einen Soldatenfriedhof für die Kanadier, die im Zweiten Weltkrieg fielen. Als Kind war ich oft dort. Ich finde übrigens nicht, dass sich Soldat sein und humanitäre Hilfe leisten widerspricht. Im Gegenteil. Beide Berufe ergänzen sich. Das habe ich im Kosovo gesehen. Der Dialog zwischen beiden Seiten ist noch schwierig, aber beide Seiten lernen dazu und sprechen miteinander. Die Hilfsorganisationen haben eingesehen, dass sie mit den Militärs zusammenarbeiten müssen. In allen Konfliktregionen läuft es auf einen Dialog zwischen Militär und Hilfsorganisationen hinaus.” Dulce Dias – euronews: “Sie haben sich immer besonders für die Frauen eingesetzt während Ihrer Zeit in der EU. Muss man eine Frau sein, um sich für Frauen in Konfliktzonen einzusetzen?” Catena: “Ich glaube, ja. Wir haben eine andere Sensibilität. Wir wissen, was Leiden bedeutet. Wir können uns eher vorstellen, was es bedeutet, als Frau in einer Konfliktzone zu leiden. Das könnten unsere Schwestern oder Töchter sein. Außerdem finde ich es wichtig, als Frau in einer maskulinen Welt präsent zu sein. Oder ein Beispiel aus dem Libanon: wenn ein männlicher UN-Soldat eine Schiitin anfasst, dann haben wir schon ein diplomatisches Problem. Dafür brauchen wir weibliche Soldaten. Die haben auch das Recht, mit Frauen in der Zivlbevölkerung zu sprechen.” Dulce Dias – euronews: “Sie sind oft die einzige Frau auf den Fotos mit Soldaten …” Catena: “Das stimmt. Ich war oft in meinem Leben die einzige Frau. Nur ein Prozent aller Soldaten ist weiblich. Es gibt eine UN-Resolution, in der gefordert wird, dass mehr Frauen bei den Friedensmissionen der UNO eingesetzt werden. Das wäre auch wichtig für die Bevölkerung vor Ort, dass mehr Frauen unter den Soldaten sind.” Dulce Dias – euronews: “Darf man als Soldatin Gefühle haben?” Catena: “Natürlich. Ich habe ja auch in meinem Buch darüber geschrieben, dass man sich auch in der Armee verlieben kann. Manchmal werden wir gerade als Frauen in der Armee auch von Schuldgefühlen heimgesucht, weil wir etwa unsere Familie zuhause zurückgelassen haben. Die Kinder, die wir fünf, sechs Monate lang nicht sehen. Aber Soldat sein, das hat viel mit Gefühl zu tun.” Dulce Dias – euronews: “Haben Sie einen Mann, haben Sie Kinder?” Catena: “Ich wollte nie heiraten. Ich bin zu unabhängig. Aber ich habe jemanden in meinem Leben. Dieser Mensch versteht mich, unterstützt mich. Ohne diese Unterstützung könnte ich nicht sein. Wir müssen ehrlich sein in unserem Leben, bei unseren Entscheidungen. Ich glaube, dass ich mein Leben nicht so führen könnte, wie ich es tue, wenn ich verheiratet wäre und Kinder hätte.” Dulce Dias – euronews: “Sie waren kürzlich in Zusammenhang mit dem G-8-Gipfel in L`Aquila in Italien – dort, wo das schlimme Erdbeben war.” Catena: “Ich habe schon so viele Orte gesehen, die von Kriegen verwüstet waren. Aber diese Verwüstung in meinem eigenen Land zu sehen, das hat mich zum Weinen gebracht. Beim G-8 mitzuarbeiten, war eine ganz besondere Erfahrung. Auch deshalb, weil dieses Treffen genau an dem Ort dieser Zerstörung durch das Erdbeben statt fand.” Dulce Dias – euronews: “Jetzt haben Sie ja als Direktorin beim Ernährungsprogramm der UNO eher einen Bürojob. Fehlt Ihnen der Einsatz vorort?” Catena: “Wenn man einmal ein solches Abenteuer gelebt hat, dann fehlt einem schon etwas, wenn man dann wieder sozusagen ein normales Leben führt. Der Adrenalinschub fehlt. Allerdings bin ich überzeugt, dass ich mich auch von meinem Büro in Paris aus für humanitäre Ziele sehr gut einsetzen kann. Von Paris aus kann ich gut kämpfen. Es ist ein täglicher Kampf gegen den Hunger in der Welt.” Dulce Dias – euronews: “Was hat Sie in Ihrem Leben am meisten schockiert?” Catena: “Der Anschlag auf unsere Soldaten in Nasiria im Irak am 12. November 2003. Einige Soldaten waren Freunde von mir, mit denen ich am Abend zuvor noch zusammen war. Und auch der Anschlag in Pristina im April 2000. Da wird einem klar, dass vieles im Leben einfach Schicksal ist.” Dulce Dias – euronews: “Und an was erinnern Sie sich am liebsten?” Catena: “Da gibt es viele schöne Erinnerungen. Zum Beispiel denke ich da an die Mädchen im Libanon in Al-Bazzuria. Das ist ein kleines Dorf. Dort sind Mädchen auf mich zugekommen und sie sagten mir, dass sie auch einmal Blauhelmsoldatinnen werden wollten. Ich gab ihnen meinen Blauhelm zum Aufsetzen. In diesen Ländern sind wir Soldatinnen auch Botschafterinnen für mehr Freiheit für Frauen. Wir können die Wahrnehmung der Rolle der Frau verändern. Aber das geht langsam. Von heute auf morgen wird die Burka nicht gegen eine Uniform ausgetauscht.”