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Fareed Zakaria: "Die Zukunft liegt überall"

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Fareed Zakaria: "Die Zukunft liegt überall"

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Fareed Zakaria ist eine einflussreiche Stimme in den USA. Der gebürtige Inder ist 45 Jahre alt: Der Politikwissenschaftler leitet die Weltausgabe der Zeitschrift Newsweek, schreibt regelmäßig für große amerikanische Blätter und hat seine eigene Fernsehsendung.

“Der Aufstieg der Anderen: Das postamerikanische Zeitalter” heißt sein jüngstes Buch. Es ist jetzt auch in Frankreich erschienen, wo wir Fareed Zakaria in Paris getroffen haben.

Johannes Bahrke – euronews: Ihr Buch beginnt mit den Worten: “Hier geht es nicht um den Fall der USA, sondern um den Aufstieg aller anderen”. Wer sind “alle anderen”, und was bedeutet das für die USA?

Fareed Zakaria: Die letzten fünf oder sieben Jahre bin ich um die Welt gereist, immer mit dem Gedanken an das Buch. Was mir vor allem auffiel: Wieviele es in der Welt gab, die endlich ihre Wirtschaft und auch ihre politischen Verhältnisse in den Griff bekamen – wieviele Länder jetzt also am Aufsteigen waren. Natürlich sind das vor allem China, Indien, Brasilien, Russland – aber auch Südafrika, Indonesien, die Türkei, Argentinien, Chile: Es sind viel mehr, als man denken würde. Es geht hier um die Veränderung in der Machtstruktur: Das bedroht Amerika, und es bedroht den Westen, weil wir seit vierhundert Jahren in einem westlichen System leben. Wo wird die größte Fabrik der Welt gebaut? In China. Die größte Raffinerie – in Indien. Das höchste Gebäude – in Dubai. Wo lebt der reichste Mensch? In Mexiko. Wo ist das größte Spielcasino? In Macao, China. Für Amerika lag die Zukunft doch immer in Amerika: Jetzt aber begreift man auf einmal, dass die Zukunft überall liegt. Nehmen wir mal Handelsgespräche: Vor zehn Jahren hätten Inder, Chinesen, Brasilianer jedes Zugeständnis gemacht, um auf westliche Märkte zu kommen. Jetzt sagen sie: Ihr braucht uns genau so wie wir euch. Das ganze Wesen von Politik und Wirtschaft ändert sich. Johannes Bahrke – euronews: Gerade hatten wir das G-20-Treffen von Pittsburgh: Die G-20 mit den Schwellenländern haben ja inzwischen die G-8 ersetzt. Muss es nicht so auch weitergehen? Fareed Zakaria: Natürlich, genau so. Im Grunde sind die G-20 das Bild zu meinem Buch. Ich glaube, letztlich kommt das durch die Wirtschaftskrise: Jetzt mussten die Länder die neue Wirklichkeit anerkennen und sagen: Moment mal! Wenn wir da wieder rauskommen wollen, dann geht das nicht ohne China, nicht ohne Brasilien, nicht ohne Indien. Wir brauchen jeden im Klub – und daher rührt diese dramatische Veränderung.

Johannes Bahrke – euronews: Auch sonst kommt man oft ohne diese Länder nicht aus, wie im Kampf gegen den Klimawandel. Pittsburgh war da wohl etwas enttäuschend, und vor Kopenhagen macht sich auch nicht gerade Zuversicht breit.

Fareed Zakaria:Die beiden wichtigsten Länder bei der Erderwärmung sind jetzt die USA und China. Sie stoßen die größten Mengen an Kohlendioxid aus. Übrigens denken viele fälschlich, die USA wären die Nummer Eins, aber das stimmt gar nicht: Das meiste Kohlendioxid verursacht China. Beide sind aber auch die Länder, die hinterherhinken. Europa liegt hier vorne. Wenn wir irgendein grundlegendes Abkommen hinkriegen könnten zwischen Europa, den USA und China, in dem sich China zu konkreten Zielen verpflichtet – dann hätten wir eine Menge erreicht. Ich sehe da nicht so schwarz: Die Chinesen haben sich in Pittsburgh und bei der UNO durchaus zu einigen konkreten Sachen verpflichtet. Und ich glaube, auch in den USA wird man eine dramatische Verlagerung sehen, hin zu neuer, alternativer Energie. Die Obama-Regierung konnte zwar im Kongress nicht bekommen, was sie haben wollte: Aber sie geht bemerkenswert voran bei der Förderung von Sonnen- oder Windenergie. Das geht aber alles gerade erst los und wird ein paar Jahre dauern. Aber ich glaube, wenn man das beides erreicht: Mehr Schwung in Amerika und mehr Schwung in China, dann kann das zum Vorbild werden.

Johannes Bahrke – euronews: Die Gefahr durch Terroristen halten Sie für viel geringer, als wir das empfinden.

Fareed Zakaria:Terrorismus funktioniert nur, wenn wir uns terrorisieren lassen. Wir müssen dagegen ankämpfen. Ein Terrorakt ab und zu darf uns nicht lähmen und uns auch nicht zu dummen Dingen treiben, wie einem Einmarsch in andere Länder.

Johannes Bahrke – euronews: Müssen wir Angst vor Iran haben?

Fareed Zakaria:Wir müssen uns über Iran Sorgen machen, aber das ist ein gutes Beispiel. Es ist ein kleines Land, die Regierung ist unbeliebt und hat große innere Probleme, die Wirtschaft liegt am Boden – Iran kann ja nicht mal das Benzin selbst herstellen, das es braucht. Vor dem Hintergrund ist es schon ein Land, das Ärger bereitet. Es versucht, in der Region Ärger zu machen – und wir sollten versuchen, das zu verhindern und dagegen anzugehen. Aber das ist nicht der Dritte Weltkrieg, es ist nicht der Weltuntergang. Einen Iran mit Kernwaffen werden wir in Schach halten: Er wird immer in der Defensive sein, weil alle Mächte in der Region gegen ihn sind – Israel, Ägypten, Saudiarabien zum ersten Mal gemeinsam. Die Zeit spielt für uns. In 25 Jahren hat das iranische Regime noch mehr Probleme und ist noch unbeliebter – wenn es dann nicht sogar schon tot ist. In 25 Jahren ist dagegen jede westliche Regierung genauso wie heute. Wir sollten darauf vertrauen, dass wir den längeren Atem haben. Sie sind ein kleines Problem, aber sie sind schon ein Problem.

Johannes Bahrke – euronews: Die USA bleiben stark, der Rest wird stärker, wo bleibt da Europa?

Fareed Zakaria:Gute Frage: Wenn man die Anteile an der weltweiten Wirtschaft ansieht, die Vorhersagen für das Bruttoinlandsprodukt – dann bleibt das in den nächsten zwanzig Jahren für die USA gleich, Asien steigt an, und Europa fällt ab. Und das liegt daran, dass sich Europa der grundlegenden Herausforderung im weltweiten System nicht richtig stellt: Die neue Wettbewerbsfähigkeit dieser Länder, ihre neue Energie. Für Europa bedeutet das eine sehr schmerzhafte Strukturreform. Was ihr in Europa machen müsst, ist ja kein Geheimnis: Man braucht dazu nur den politischen Mut.

Johannes Bahrke – euronews: Aber was heißt das politisch? Nimmt Europas Einfluss in der Welt ab?

Fareed Zakaria:Noch nicht, aber Europa hat es noch in der Hand. Europa, das sind immer noch vierhundert Millionen Menschen, 27 Länder. Aber es hat keine gemeinsame Stimme in der Außenpolitik. Militärisch ist es machtlos. Und ein “global player” zu sein, aber ohne alle Mittel der Macht zu haben – das ist eine Wunschvorstellung. Man muss militärische Macht zeigen können, wirtschaftliche Macht, kulturelle Macht. Das funktioniert nicht, wenn nur die USA das mit der militärischen Macht regeln und ihr macht die netten Sachen, wie Schulen bauen. Sowohl Europa als auch Amerika müssen sich dieser Herausforderung stellen und sich anpassen.