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Ismail Kadare: "Ich habe die Diktatur ausgebremst"

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Ismail Kadare: "Ich habe die Diktatur ausgebremst"

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Der bekannteste albanische Schriftsteller Ismail Kadare erhält in diesem Jahr den spanischen Prinz-von-Asturien-Preis für sein Werk. Seit fast 40 Jahren ist er auch international anerkannt. 1990 als im Zuge des Mauerfalls auch das albanische Regime schwankte, verließ er sein Land, um nach Paris zu gehen. Die Jury des Asturien-Preises schreibt sein Engagement sei in der Tradition der griechischen Literatur verwurzelt und sie beschreibt seine Werke als “offene Verurteilung jeder Art des Totalitarismus” und als “Verteidigung der Vernunft”. Der Autor empfing euronews in seiner Wohnung unweit des Jardin du Luxembourg. Ein Interview von Olaf Bruns

euronews: Sie waren 10 Jahre alt, als der spätere Diktator Enver Hoxha sein totalitäres Regime in Albanien errichtete. Sie sind also in diesem System aufgewachsen. Um zu beschreiben, wie sie die Freiheit entdeckt haben, sagten sei einst, sie seien “von der Literatur zur Freiheit gekommen”. Ismail Kadare: Das ist ganz einfach und auch logisch: Ich habe früh begonnen, zu schreiben, mit 11 Jahren. Wenn Sie in diesem Alter in der Literatur ihre ersten Schritte tun, dann haben sie da keine politischen oder ideologischen Gründe für. Und dann hat mich das Schreiben zur Freiheit gebracht. Das heißt: ich habe ohne Verständnis der Freiheit zu schreiben begonnen. Später, als ich Student war, habe ich natürlich vieles begriffen! Sehr klar und sehr direkt. Und das zeigen ja auch meine Werke. euronews: Wie sind Sie sich des totalitären Regimes bewusst geworden? Kadare: Das war nicht schwierig ! Man stellt sich heutzutage manchmal vor, dass das eine große Entdeckung war… Nein! Das war ganz einfach zu verstehen, dass Albanien ein Land mit einem großen Manko war: Es gab keine Freiheit! In Albanien konnte man Radio aus dem Westen empfangen und auch Fernsehen. Man kann heute nicht sagen, wir hätten nichts gewusst, wir seien blind gewesen. Nein! Wir in Albanien waren nicht blind! Selbstverständlich, war das Regime sehr hart, sehr stalinistisch – die Unterdrückung war furchtbar, aber das ist etwas anderes. Das Wissen drüber fehlte nicht! euronews: Wir feiern jetzt 20 Jahre Mauerfall, aber 1989 war auch das Jahr des Massakers auf dem Tian’anmen-Platz. Sie kommen aus einem Land, dass nacheinander mit der Sowjetunion und dann mit China verbündet war, bevor es sich völlig isolierte. Wie haben Sie diese beiden Ereignisse vor 20 Jahren erlebt? Kadare: Das waren natürlich Ereignisse, die direkt mit dem Schicksal meines Landes zusammenhingen. Nicht nur ich, sondern ganz Albanien hat diese Entwicklungen beobachtet – und seine Schlüsse daraus gezogen. euronews: Sie haben 1990 Albanien verlassen, um nach Paris zu gehen. Warum zu diesem Zeitpunkt ? Kadare: Das hatte ein ganz klares Ziel : Albanien schwankte zwischen dem Westen und der Diktatur – zwischen dem Geist der Freiheit und der Sklaverei. Ich hatte damals etwas erfahren, das kaum jemand wusste: dass das ein ganz verlogenes Spiel des Regimes war. Das Regime wartete darauf, sich wieder mit der Sowjetunion zu verbünden – und zwar nicht mir der Sowjetunion von Gorbatschow, sondern mit der der Putschisten. Schon damals bereiteten sich stalinistische Putschisten darauf vor, die Macht zu ergreifen. Ich musste damals stark auftrumpfen: Albanien verlassen – ich, der bekannteste Schriftsteller des Landes. Ein Mikrophon finden und offen und laut verkünden, dass das Regime immer noch lügt. Kurz: Ich habe der Demokratie auf die Sprünge geholfen – und die Diktatur ausgebremst. euronews: Sie haben sich in den vergangenen Jahren sehr für ein anderes albanisch-sprachiges Volk eingesetzt : die Kosovaren, die jetzt einen eigenen Staat haben. Spanien aber, das Ihnen nun einen seiner großen Literaturpreise verleiht, gehört zu den Ländern, die das Kosovo noch nicht anerkannt haben. Was möchten Sie den Spaniern dazu sagen? Kadare: Ich habe die Freiheit des kosovarischen Volkes verteidigt – etwas, das ich auch für alle anderen Völker hätte tun sollen. Das war nichts besonderes, nur weil ich Albaner bin. Für mich war das ein klares Anliegen: Es war ein Skandal, dass mitten in Europa ein Volk unter Kolonialherrschaft lebt. Mein Ruf als Schriftsteller konnte dadurch in Mitleidenschaft gezogen werden: Es ist nicht einfach, für einen Schriftsteller darauf zu bestehen, dass Jugoslawien für die Unterdrückung im Kosovo bestraft wird. Wissen sie.. diese Clichés die Schriftsteller immer haben: Sie sind gegen Bestrafungen, vor allem gegen Bombardements… Bezüglich Spanien… ich weiß nicht genau, wie Spanien rechtfertigt, den Kosovo nicht anzuerkennen. Die haben da wohl innere Probleme ihres Landes auf den Balkan übertragen! euonews: Sollen sich Albanien und das Kosovo sich eines Tages vereinen ? Kadare: Ja, eine Sehnsucht dazu gibt es schon. Aber das ist eine gefühlsmäßige, eine romantische Sehnsucht. Das ist nichts organisiertes, von Parteien oder Parteiprogrammen… Man kann aber auch nicht sagen, dass die Albaner die Idee, dass wir eine Nation sind, abgeschrieben hätten. Doch mit dem Eintritt in die europäische Union wird das viel weniger dramatisch. Schon heute ist es nicht mehr wie früher, als das Kosovo von Albanien abgetrennt und Teil eines anderen Landes war, das ihm völlig fremd war. Heute streben sowohl Albanien als auch das Kosovo in die Europäische Union!