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Laridschani: Wir bauen Raketen zur Abschreckung

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Laridschani: Wir bauen Raketen zur Abschreckung

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Während die Verhandlungen zwischen dem Iran und der internationalen Atomenergiebehörde weitergehen, werden die Vorwürfe zwischen Teheran und den westlichen Ländern lauter. Bei der 121. Versammlung der Interparlamentarischen Union in Genf warf der iranische Parlamentspräsident Ali Laridschani den USA “Staatsterrorismus” vor. In einem Exklusiv-Interview mit unserem Euronews – Reporter Mohamed Abdel Azim beansprucht Laridschani für den Iran das Recht zur zivilen Nutzung der Nukelartechnologie. Mit der Rückendeckung aus Moskau und Peking spielt der Iran ein gefährliches Spiel gegen Washington, Paris und London – inmitten einer in sich gespaltenen Sechser-Gruppe. Die Verhandlungen stocken und drohen sogar, zu scheitern.

euronews :
Wir haben den Eindruck, dass die Welt in der Frage des iranischen Nuklearprogramms geteilter Meinung ist.

Ali Laridschani :
Wir arbeiten unter der Aufsicht der Internationalen Atomenergiebehörde. Was sollen wir sonst machen? Was uns manche Länder, zum Beispiel die USA, sagen, ist, dass wir nicht einmal Zugang zur friedlichen Nutzung von Atomenergie haben sollten. Daher blasen sie das iranische Atomprogramm derart auf, dass sie uns von der friedlichen Nutzung abhalten.

euronews :
Obama versucht, die Iran-Politik zu verändern. Weg von der Bush-Doktrin, der Achse des Bösen, hin zu einem Dialog zwischen Obama und dem Iran. Wie sehen Sie die Zukunft?

Ali Laridschani :
Ja. Obama sagte, er werde dem Iran die Hand reichen. Aber nach Terrorattacken im Iran ist diese Hand nun blutbeschmiert.

euronews :
Im Westen heisst es, der Iran sei kurz davor, eine Atombombe zu bauen.

Ali Laridschani :
Was meinen Sie mit “kurz davor”? Sie meinen, wir arbeiten derzeit am Bau einer Atombombe? Das ist eine Lüge. Sogar Berichte des amerikanischen Geheimdienstes zeigen, dass wir uns nicht in diese Richtung bewegen. Allerdings, und das verheimlichen wir auch nicht: wir haben nukleares Know-How. Der Iran ist ein Land, das nach religiösen Ansichten und Werten regiert wird. Der religiöse Führer des Iran hat eine Fatwa, also einen religiösen Erlass, herausgegeben, der besagt, dass der Zugang zu Massenvernichtungswaffen verboten ist. Das betrifft nicht nur Atomwaffen, sondern auch chemische und biologische Waffen. Lassen Sie mich eine Sache fragen: Haben die Amerikaner Atomwaffen, ja oder nein?

euronews :
Ja, haben sie.

Ali Laridschani :
Wie sieht es mit Israel aus?

euronews :
Niemand kann mit Sicherheit sagen, ob Israel Atomwaffen hat. Das entspricht doch der israelischen Doktrin, der sogenannten nuklearen Ambiguität. Glauben Sie, dass Israel iranische Atomanlagen bombardieren wird?

Ali Laridschani :
Lassen Sie uns das nicht ernst nehmen. Meine Frage ist: Hat Frankreich Atomwaffen? Was ist mit Grossbritannien? Sollten wir nicht Angst davor haben? Warum werden diese Länder nicht gestoppt? Warum hat die Weltgemeinschaft vor ihnen keine Angst? Sobald es um den Iran geht, sagen alle, der Iran werde künftig Atomwaffen herstellen. Wissen Sie…haben Sie einen Zauberspiegel, der Ihnen verrät, dass der Iran irgendetwas in dieser Richtung besitzen wird? Wie können Sie jemanden verurteilen allein aufgrund der möglichen Absichten, die jemand hat.

euronews :
Aber Sie testen doch Trägerraketen. Wir sprechen hier von russischen Raketen. Können Sie bestätigen, dass Sie russische S-300 Raketen auf iranischem Grund und Boden haben?

Ali Laridschani :
Ja natürlich. Es besteht kein Zweifel daran, dass wir uns entsprechend aufrüsten werden. Aber das ist doch kein Geheimnis. Wir geben das doch bekannt. Wir bauen und entwickeln Raketen als Mittel zur Abschreckung. Wenn wir bedroht werden, dann werden wir auch mehr Raketen herstellen müssen. Israel droht uns. Wir müssen also vorbereitet sein, wir müssen uns verteidigen. Aber wir bedrohen niemanden.

euronews :
Sie sprechen ja nun auch über Terrorismus. Im Iran sind vor einigen Tagen Sprengsätze explodiert. Der Iran beschuldigt ausländische Kräfte, dahinterzustecken. Könnten Sie genauer sagen, wer diese Länder sein sollen?

Ali Laridschani :
Nun, einer der Führer einer solchen terroristischen Gruppe, die hinter den Explosionen steckt sagte öffentlich, er habe Kontakte und Treffen mit Leuten aus den USA gehabt. Leider haben die USA sowohl im Irak als auch in Afghanistan mit diesen Leuten zu tun.

euronews :
Sie beschuldigen also ganz klar die USA?

Ali Laridschani :
Ja. Ich habe gehört, dass sie es abstreiten. Ich glaube, sie haben nicht gerade das Richtige getan.

euronews :
Aber Washington beschuldigt Sie, Aufständische und terroristische Gruppen im Irak zu unterstützen.

Ali Laridschani :
Haben die USA dafür irgendwelche Beweise? Die Amerikaner wissen doch sehr genau, woher die Terroristen im Irak kommen.
Die meisten kommen doch aus Ländern, die mit den USA befreundet sind. Und wir haben Informatioenn darüber, dass der US Botschafter im Irak, Khalil Zadeh, sich mit den Terroristen getroffen und mit ihnen verhandelt hat.

euronews :
Lassen Sie uns auch über Hizbollah und Hamas sprechen. Ist das Vorgehen dieser beiden Gruppen legal?

Ali Laridschani :
Natürlich. Und diese beiden Gruppen unterscheiden sich von anderen Organisationen. Die Schuld an deren Image liegt doch bei den westlichen Medien. Sie wollen Hizbollah und Hamas einfach mit Terrorismus gleichsetzen.Und das ist eine grosse Lüge.

euronews :
Im Westen bedauern viele Menschen, dass der Iran Hizbollah und Hamas unterstützt

Ali Laridschani :
Wir sind stolz darauf. Wir verheimlichen unsere Unterstützung auch gar nicht. Wir verteidigen Hizbollah und Hamas. Wir sind nicht wie andere Länder, die das eine behaupten, und das andere tun.Israel setzt seinen Siedlungsbau fort. Es bombardiert und attackiert die Palästinenser. Gaza ist immer noch blockiert. Anderthalbmillionen Menschen haben keinen Zugang zu medizinscher Versorgung oder Nahrung. Jetzt wird es langsam Winter und die Menschen haben keine Häuser, in denen sie leben können. Ist das die Art und Weise, wie die USA die Menschenrechte verteidigen und über die sie zahlreiche Konferenzen abhalten?

euronews :
Die iranische Menschenrechtsaktivistin Shirin Ebadi hat von den USA verlangt, diplomatisch im Iran einzugreifen und fortschrittliche Kräfte im Land zu unterstützen. Was sagen Sie zu Menschenrechtsverletzungen im Iran?

Ali Laridschani :
Die Frage der Menschenrechte ist ausgesprochen wichtig und muss weltweit vorangetrieben werden. Das begrüssen wir. Alle Länder sollten sich ernsthaft mit dieser Frage beschäftigen. Aber: was ist denn in Abu Ghraib passiert? Was in Guantanamo? Das sind doch keine Sachen, die man einfach ignorieren kann. Menschenrechtsverletzungen müssen, wo auch immer, geahndet werden. Aber, und diese Bitte ist an Sie, die Medienvertreter gerichtet: Menschenrechte sollten nicht für politische Zwecke missbraucht werden, um andere Länder unter Druck zu setzen.