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Margaret Chan: "Impfstoff eine Geldfrage"

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Margaret Chan: "Impfstoff eine Geldfrage"

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Kurz vor Winterbeginn macht der H1N1-Virus, oder umgangssprachlich die Schweinegrippe, wieder von sich Reden. Wohl einer der Gründe für die Auswahlkommission des Prinz-von-Asturien-Preises die diesjährige Auszeichnung in der Sparte internationale Zusammenarbeit an die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu verleihen. Stellvertretend nahm sie deren Chefin Margaret Chan, eine studierte Ärztin, in Oviedo in Empfang. Euronews-Reporterin Anne Glemarec hat Margaret Chan in Oviedo getroffen.

euronews: “Margaret Chan, Danke, dass sie unsere Einladung angenommen haben.” Margaret Chan: “Danke, dass Sie mich eingeladen haben.” euronews: “Sie sind hier in Oviedo, um den Prinz-von Asturien-Preis für internationale Zusammenarbeit entgegenzunehmen. Was sind die größten Errungenschaften der WHO? Sie reisen um die Welt, oder?” “Ja, das mache ich. Wenn Ihnen zum Beispiel ein Arzt etwas verschreibt, dann sind Sie in der Lage, die gleiche Medizin in Spanien, in einem anderen Land, in Afrika oder in Asien zu bekommen. Deshalb haben die Experten der WHO einen Standard entwickelt, einen Namen für alle Präparate, um das sicherzustellen. Das ist Harmonisierung und Normalisierung. Was ich im Hinblick auf die Zukunft für problematisch halte, das sind “Lifestyle-Krankheiten”. Sie werden eine große Last für jedes Land. Dabei ist Prävention extrem wichtig. Wir müssen uns bis zum Ausgangspunkt vorarbeiten und mit verschiedenen Ministerien und Regierungen zusammenarbeiten.” euronews: “Wenn eine Gesundheitsbedrohung auftaucht, sind die Empfehlungen der WHO zunächst nur Empfehlungen. Es liegt dann an den Regierungen, sie umzusetzen oder nicht. Wie stehen Sie dazu? Sollten die Empfehlungen der WHO bindend sein? Chan: “Sie sprechen da eine sehr wichtige Frage an. Es gibt bestimmte Dinge, die bindend sein sollten, etwa internationale Gesundheitsregulierungen. Wenn wir etwa das Auftauchen des H1N1-Virus in diesem April betrachten. Mexiko war als erstes Land betroffen und machte darauf aufmerksam, weil es Pflicht für ein jedes Land ist, solche Informationen rechtzeitig mitzuteilen. Jetzt, sechs Monate später, kann ich sagen, dass alle Länder in der WHO ihren Verpflichtungen nachgekommen sind. Das ist ein Beispiel dafür, dass unsere Arbeit verbindlich sein sollte oder vielleicht sogar verpflichtend. Andererseits respektieren wir die nationalen Autoritäten und lassen sie ihre eigenen Entscheidungen treffen.” euronews: “Wie tödlich war das H1N1-Virus bislang?” Chan: “Wenn Sie sich die Zahl der Todesopfer bis jetzt ansehen, sie ist nicht hoch. Aber wir sollten die Auswirkungen des Virus nicht nur an der Zahl der Todesopfer messen.” euronews: “Haben Sie deshalb entschieden, im Mai eine Pandemie auszurufen? Es wurde entschieden, dass nicht mehr die Zahl der Toten ausschlaggebend ist. Warum?” Chan: “Die Definition einer Pandemie liegt am Auftauchen eines neuen Influenza-Virus. Und dieses Virus kann sich auf der ganzen Welt ausbreiten. Das ist sehr ernst und hat eine extrem wichtige Dimension. Der Schweregrad ist wichtig, aber nicht das einzige Kriterium, um zu entscheiden, ob wir eine Pandemie ausrufen. Wir müssen es machen, wenn wir ein neues Virus entdecken, dass sich auf der ganzen Welt verbreiten könnte.” euronews: “Ich glaube, dass eine Pandemie der Stufe 5 oder 6 notwendig ist, um die Pharma-Industrie zur Produktion von Impfstoffen zu bewegen. Die maximale Alarmstufe wurde im Juni ausgerufen, gerade als sich die Pandemie ein wenig beruhigt hatte. Ihre Kritiker haben daraufhin ihre moralische Integrität öffentlich angegriffen. Sie haben Sie beschuldigt, das Spiel der Pharma-Industrie zu spielen. Was antworten Sie darauf? Chan: “Natürlich höre ich verschiedenen Leuten zu. Aber wenn wir eine Empfehlung aussprechen, bleibt die WHO unabhängig. Wir lassen uns von keinem Sektor beeinflussen. Dies ist die erste Pandemie in der Geschichte der Menscheit, die wir erkennen, bevor sie ein Chaos anrichtet.” euronews: “Würden Sie den Regierungen immer noch empfehlen, Imfstoffe zu lagern?” Chan: “Die Regierungen haben schon Tamiflu und andere Impfstoffe gelagert. Aber das bezieht sich nur auf Länder, die sich das auch leisten können.” euronews: “Und was ist mit den armen Ländern?” Chan: “Ich gebe zu, dass viele Länder auf dieser Welt nicht die Mittel haben, um Impfstoffe zu kaufen. Ist das nicht ernüchtiernd? Gut 100 Länder weltweit haben keinen Zugang zu Impfstoffen. Wir müssen uns die Frage stellen, in welcher Welt wir leben.” euronews: “Was würden Sie den Menschen im Westen sagen, die sich sorgen, dass diese Impfungen nicht sicher genug seien, weil sie in aller Not hergestellt wurden?” Chan: “Ich verstehe, dass manche Leute Zweifel an der Sicherheit dieser Impfstoffe haben. Bislang kommen die Erfahrungen aus Ländern, die eine Impfkampagne bereits eingeführt haben. Bislang deutet es darauf hin, dass der Impfstoff sich verhält, wie bei einer normalen, saisonalen Grippe. Der Unterschied ist, dass weitaus mehr Menschen damit geimpft werden, viel viel mehr als bei einer normalen Grippe. Es ist also nicht ungewöhnlich, dass es dabei Nebeneffekte gibt.” euronews: “Wie schlimm ist das H1N1-Virus im Vergleich zu einer normalen Grippe?” Chan: “Wir sehen, dass der Schaden besonders bei jungen Leuten groß ist. Die normale Grippe ist besonders schlimm für schwache, ältere Menschen. Dieses Virus löst Lungenentzündungen aus und kann tödlich auch bei gesunden, jungen Erwachsenen sein, bei Kindern unter zwei Jahren und bei schwangeren Frauen. Das sind unsere Sorgen.” euronews: “Denken Sie, dieses Virus könnte eine Art Wendepunkt in unseren Gesellschaften im Hinblick auf Hygiene-Gewohnheiten werden?” Chan: “Ich bin jetzt seit 30 Jahren im öffentlichen Gesundheitssektor tätig. Es ist eine ernüchternde Erfahrung, wenn nur angesichts eine neuen Krankheit die Menschen Wert auf persönliche Hygiene und auf ihre Umwelt legen. Wenn, wissen Sie, wie soll ich sagen…? Die Aufmerksamkeit geht wieder zurück, und die Menschen kehren zu ihren alten Gewohnheiten zurück. euronews: “Wenn die Zuschauer von euronews eines von diesem Interview behalten sollten, was wäre das?” Chan: “Wissen Sie, die Gesundheit liegt in Ihren Händen. Viele Krankheiten, gegen die wir kämpfen, gegen die die Welt kämpft, sind vermeidbar.” euronews: Frau Chan, vielen Dank fèr dieses Interview.