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Delors: "Der Fall der Mauer war ein Schock"

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Delors: "Der Fall der Mauer war ein Schock"

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“Der Fall der Mauer war ein Schock. Es war gar nicht sicher, dass sich das alles friedlich abspielen würde.”

“Die, die aus der Nacht des Totalitarismus kamen, haben wir mit offenen Armen willkommen geheißen.” Vor zwanzig Jahren fiel die Berliner Mauer. Für Jacques Delors, der damals Kommissionspräsident der Europäischen Gemeinschaft war, kam dies wie ein Schock. Im Euronews-Interview spricht er noch einmal über die Zeit vor zwanzig Jahren, diese aufregenden Wochen im Jahr 1989, die für immer das Gesicht Europas veränderten und zu einem wiedervereinten Deutschland führten. Euronews: “In wenigen Tagen feiern wir den 20. Jahrestag des Mauerfalls. Sagen Sie uns, wie die Stimmung damals vor zwanzig Jahren genau zu dieser Zeit, wenige Tage vor dem Mauerfall war.” Jacques Delors: “All unsere Aufmerksamkeit war auf die Entwicklung dort gerichtet. Polen machte schon Schritte in Richtung Demokratie. Die Demonstrationen in Ost-Deutschland, also besonders in Leipzig; die Ostdeutschen, die über Ungarn nach Österreich kommen wollten. All das war ja nur durch Gorbatschow möglich.” Euronews: “Am 9. November fiel die Mauer. Wo waren Sie da gerade? Wie haben Sie davon erfahren? Wie hat Sie das als Mensch berührt und wie als europäischen Kommissionspräsidenten?” Jacques Delors: “Das war ein Schock. Es war ja gar nicht von vorne herein klar, dass sich das friedlich abspielen würde. Wir konnten nicht einschätzen, wie explosiv das Ganze möglicherweise wird, wie die Ordnungskräfte reagieren, wie die hochrangigen Kommunisten. Kurzum: Wir waren wachsam. Was wirklich wichtig war, das waren die Wochen danach. Kanzler Kohl hat den Kontakt mit Gorbatschow und Bush, also Bush-Senior, intensiviert, mit dem Ziel, eine Eskalation zu vermeiden, die zu Tausenden Toten hätte führen können. Wir Staats- und Regierungschefs, wir haben uns im Elysee-Palast versammelt – Frankreich hatte ja damals die Präsidentschaft inne, und da musste erst einmal den Mitgliedern der Europäischen Gemeinschaft die Angst genommen werden, die Angst vor einer deutschen Wiedervereinigung, vor einem großen Deutschland. Im April 1990 war es allen damaligen Mitgliedern dann klar, dass dies der Ruf des Schicksals war: ein wiedervereinigtes Deutschland.” Euronews: In Ihrer Eigenschaft als Kommissionspräsident, was taten Sie konkret? Jacques Delors: “Am 12. November sagte ich im west-deutschen Fernsehen, dass die Ostdeutschen ihren Platz in Europa haben werden. Ich war der erste, der dies in aller Deutlichkeit im Westen so ausgesprochen hat. Gleichzeitig wandte ich mich an Kanzler Kohl und sagte zu ihm: Die Ostdeutschen haben nicht euren Lebensstandard, sie sind in vielen Bereichen nicht auf demselben Niveau, ich könnte innerhalb der Gemeinschaft vorschlagen, dass ein Teil der Bürde auch von uns getragen wird. – Kohl sagte Nein. Das würde bei den europäischen Partnern nur für Unmut sorgen, es sei schon schwer genug, sie davon zu überzeugen, dass ein vereintes Deutschland die europäische Politik nicht maßgeblich verändern würde. Also haben wir vorgeschlagen, dass wir in unsere Finanzierungsprogramme zur Entwicklung der Regionen die neuen Bundesländer miteinbeziehen. Ich reiste damals selbst nach Ostdeutschland und im Juli/August 1990 hatten wir die Programme für die neuen Bundesländern fertig und das ist von allen gut aufgenommen worden.” Euronews: “Es gab also innerhalb der Gemeinschaft echte Bedenken gegen ein wiedervereintes Deutschland?” Jacques Delors: “Bestimmte Länder stellten sich eben gewisse Fragen. Um das heute zu verstehen, … die Fragen gingen in diese Richtung: Wird Berlin Europa genauso gegenüber stehen wie Bonn?” Euronews: “Was haben Sie aus dieser Zeit gelernt?” Jacques Delors: “Die Art und Weise, wie die Wiedervereinigung über die Bühne ging, die fand ich gefährlich, – sehr teuer für Deutschland. Allerdings finde ich die Entscheidung, die Kanzler Kohl in Bezug auf das ostdeutsche Geld damals traf, gut. Ich habe Europa, das kleine Europa, immer so gesehen, dass es auch in der Lage sein muss, sich den Herausforderungen der Geschichte zu stellen. Ich freue mich darüber, dass wir die, die aus der Nacht des Totalitarismus kamen, mit offenen Armen willkommen geheißen haben.” Euronews: “Wenn Sie jetzt nach zwei Jahrzehnten zurückblicken, bereuen Sie etwas, bedauern Sie bestimmte Entscheidungen?” Jacques Delors: “Es wäre mein Wille gewesen, dass die Gemeinschaft einen größeren Teil der Last mitgetragen hätte. Aber wie ich Ihnen schon sagte, … Kanzler Kohl wollte das nicht. Außerdem wäre mir lieber gewesen, wenn in diesem Haus, ich nenne die Gemeinschaft jetzt mal so, erst einmal aufgeräumt worden wäre, bevor zehn neue Länder aufgenommen werden. Damit habe ich mich nicht durchsetzen können. Ich hatte das 1992 beim Gipfel in Lissabon vorgeschlagen, aber ich biss auf Granit. Das ist also etwas, was ich bedaure: Dass vorher nicht aufgeräumt wurde, dass man sich nicht überlegt hat, als man die Erweiterung beschloss, was ein Europa mit 25 oder 27 Mitgliedsländern wirklich bedeutet.” Euronews: “Jetzt hat die EU ja 27 Mitglieder, eventuell bald schon mehr. Sie steht vor einer neuen Ära, jetzt, wo die Iren gerade per Referendum über den Vertrag von Lissabon abgestimmt haben. Dieses neue Kapitel für Europa, wie sehen Sie die Entwicklungen?” Jacques Delors: “Wenn 27 zusammen leben wollen oder gar noch mehr, dann muss die Leitung stimmen und die einzelnen Insitutionen müssen ihre Verantwortung übernehmen.” Euronews: “Also, für Sie geht der Lissabon-Vertrag nicht unbedingt in die richtige Richtung?” Jacques Delors: “Nein, ich habe mit Ja gestimmt, aber ich habe Bedenken, was diese geplante dauerhafte Präsidentschaft im Europäischen Rat angeht. Die ideale Lösung wäre, dass sich die Mitgliedsländer erneut darauf besinnen, wozu die Kommission da ist, und dass der Rat sich nicht in alles einmischt, dieses Gremium der Staats- und Regierungschefs, sondern dass man ihm zwar eine Orientierung vorgibt, oder großzügig Möglichkeiten skizziert, aber auf eine einfache Art und Weise, – denn dann könnte das Ganze funktionieren. Allein etwas zu tun, reicht nicht. Wie man es tut, ist genauso wichtig.”

Die Berliner Mauer: de.euronews.net/1989-2009