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Wojciech Jaruselski: "Wir waren die ersten"

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Wojciech Jaruselski: "Wir waren die ersten"

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Hier kommt ein alter Mann, der Geschichte geschrieben hat. Wojciech Jaruselski. Im Dezember 1981 rief er als Regierungschef und General in Polen das Kriegsrecht aus. Er rechtfertigt seine Entscheidung bis heute damit, so einen sowjetischen Einmarsch wie in Prag 1968 verhindert zu haben. Dem letzten der kommunistischen Führer Polens – am Ende aufgrund eines Kompromisses mit der Opposition auch Staatsoberhaupt des neuen Polens – wird seit 2008 der Prozeß gemacht.

euronews: Können Sie sich noch erinnern, was Sie gerade taten, als in Berlin die Mauer fiel? Wojciech Jaruselski: Wo ich mich genau befand, daran erinnere ich mich nicht mehr. Ich werde wohl in meinem Büro gewesen sein, als mich diese Nachricht erreichte, noch bevor Sie offiziell bestätigt wurde. Ich muss gestehen, dass ich nicht sehr überrascht war, denn ich hatte den 6.und 7. Oktober in Berlin verbracht. Ich stand ebenso wie Gorbatschow auf der Tribüne, bei der von Honecker organisierten Demonstration der Jugend zum 40. Jahrestag der DDR. Und ich hörte, wie die vorbeiziehenden Demonstranten riefen: Gorbi, Gorbi hilf uns!” Ich ging zu Gorbatschow und sagte zu ihm: “Es ist vorbei. Das ist das Ende.” Er bestätigte diese Ansicht. Und damit war der Fall der Mauer doch nur noch eine Frage der technischen Abwicklung. euronews: Welches war die schwerste Entscheidung, die Sie je zu treffen hatten? Wojciech Jaruselski: Das war zweifellos die Ausrufung des Kriegsrechtes. Diese Entscheidung wurde aber nicht von einem Moment auf den anderen getroffen. Ihr gingen mehrere schwerwiegende Ereignisse voraus. Ich habe bereits Monate, Wochen, Stunden vorher darüber nachgedacht, bis zum letzten Moment war die Entscheidung offen. Getroffen habe ich die Entscheidung dann am 12. Dezember 1981 um 14 Uhr. Diese Tage waren ein Albtraum. Ich hatte vielerlei Befürchtungen. Ich traf eine Entscheidung, die ich lieber vermieden hätte. Ich weiss, das war ein Drama, auch für mich persönlich. Diese Entscheidung lastet auf meinem Gewissen bis an das Ende meiner Tage. euronews: Hatten Sie Mitte der 80er Jahre eine Vorstellung davon, wie sich die Geschichte entwickeln könnte? Wojciech Jaruselski: Mitte der 80er Jahre hielt ich kommende tiefgreifende Reformen schon für möglich. Das Auftreten von Gorbatschow schien mir auf eine solche Möglichkeit hinzudeuten. Wir Polen hatten ja eigentlich schon diesen Weg eingeschlagen und Gorbatschow erwähnte unsere polnischen Reformen auch einige Male in seinen Reden, natürlich ohne zu jener Zeit auf Demokratie und Marktwirtschaft einzugehen. Er nannte sie eine Art Laborversuch für seine Perestroika. euronews: Was denken Sie heute über die kommunistische Epoche? Wojciech Jaruselski: Der Kommunismus, seine Bibel, das “Kommunistische Manifest”, wurde nicht an der Wolga sondern von Marx und Engels am Rhein geschrieben. Es enthält viele schöne und ehrenwerte Ideen. Es ist eine Utopie, die so meiner Meinung nach für immer eine philosophische und moralische Denkrichtung bleiben wird. Allerdings ist die Idee des Kommunismus durch den Stalinismus verfälscht worden. euronews: Wo sehen Sie die Gründe für das Ende des Kommunismus? Wojciech Jaruselski: Gestürzt ist der Kommunismus über seinen Mangel an Demokratie, die Gesellschaften einfach brauchen, vor allem die modernen Zivil-Gesellschaften. Und dann sind da auch wirtschaftlichen Notwendigkeiten, und jene von Reformen, die die Wirtschaft erst effrektiv und kreativ machen. Die hat das alte System nicht hergegeben. Das wurde erst nach einem Systemwechsel möglich. Es ist möglicherweise schwer verständlich, dass ich, ein Mann des alten Regims, bei all meiner Überzeugung heute diesen Wandel als absolut notwendig bezeichne, nutzbringend für Polen und für ganz Europa. euronews: Herr Jaruselski, war das Jahr ´89 ein Jahr der Wunder? Wojciech Jaruselski: Es war ein Jahr des großen Wandels vor allem für Polen, aber auch für die gesamte Region. Ich kann sagen, ich bin stolz darauf, an diesem Prozeß beteiligt gewesen zu sein. Es klingt paradox – aber ich, der das Kriegsrecht ausgerufen hat, ich habe auch als Ko-Autor an den Veränderungen in den 80er Jahren mitgewirkt, die nicht nur für Polen von Bedeutung waren. Es gibt eine Art Kettenreaktion der Veränderungen – die “samtene Revolutuion” in der Tschechoslowakei, der Fall der Mauer in Berlin – wir aber waren die ersten. euronews: Was haben die letzten 2 Jahrzehnte für Polen gebracht? Wojciech Jaruselski: Ich betrachte das als einen der besten Momente in unserer schwierigen Geschichte. Die Erde unseres Landes ist ein großer Friedhof für die Toten der fremden Heere, die von Ost nach West und von West nach Ost über uns hinweggezogen sind. Zum ersten Mal fühlen wir uns heute sicher. Und dann sind da die wahrhaft großen Möglichkeiten der Entwicklung – vor allem im Rahmen der Europäischen Union – von deren Erfahrungen unser Land nun profitiert, von den Ländern, die Polen in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht voraus sind. euronews: Gibt es etwas das Sie bereuen? Wojciech Jaruselski: Da werde ich wohl nicht ihre Erwartungen erfüllen, denn die Ausrufung des Kriegsrechts bereue ich nicht. Das war ein bitterer Akt der Verteidigung, ein dramatischer, den ich nicht bedauere, weil ich darin die Rettung Polens sehe. Ich beklage allerdings – und das habe ich schon mehrfach getan – dass es nach der Ausrufung des Kriegsrechts so viele gesetzeswidrige Operationen der verschiedenen Kräfte im Staatsapparat gab, wovon ich nichts wusste und was ich bedauere. Dafür habe ich mich schon mehrfach öffentlich entschuldigt. Ich habe das auch in Gegenwart Verantwortlicher gesagt – wenn ein Polizist einen Menschen schlägt, dann bin ich, der ich eine viel höhere Funktion bekleide, dafür moralisch verantwortlich.

Die Berliner Mauer: de.euronews.net/1989-2009