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Momper erinnert sich an 9. November

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Momper erinnert sich an 9. November

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Der frühere Bürgermeister Westberlins, Walter Momper, ist eine der Schlüsselfiguren im Zusammenhang mit dem Fall der Mauer. Zwar war die Stadt im Herbst 1989 auf einen Sturm der Mauer vorbereitet, doch die Ereignisse überstürzten sich. Am 9. November kündigten die Behörden der DDR an, den Bürgern Reisefreiheit zu gewähren – und zwar unverzüglich. EuroNews sprach mit Walter Momper, der vor kurzem stellvertretend für die Stadt Berlin den Prinz-von-Asturien-Preis für Eintracht entgegennahm.

Euronews: Herr Momper, haben Sie zum Fall der Mauer beigetragen? Stellen Sie sich vor, durch ein Versehen gelangen Sie in die Hölle. Da gibts einen langen Tisch, da sitzen zwei Kerle an dem Tisch, der eine trägt einen Schnurrbart und heißt mit Vornamen Adolf, der andere trägt auch einen Schnurrbart und heißt mit Vornamen Josif Wissarjonowitsch. Und nun werden Sie für schuldig befunden. Was hätten Sie dazu zu sagen? Walter Momper: Na ja, ich bin ja nicht schuldig, sondern im Gegenteil: Ich habe der Öffnung der Mauer ein wenig den Weg geebnet und damit auch einen kleinen Beitrag dazu geleistet, dass Deutschland und Berlin und Europa wieder vereinigt werden konnten und da ist man nicht schuldig. Sondern darüber freuen sich alle Deutschen immer noch und darüber freue ich mich auch und bin ganz stolz darauf und deshalb brauche mich nicht zu rechtferigen.

euronews:

Begann der 9. November wie andere Tage auch? Walter Momper: Das war ein ganz normaler Tag. Nun waren alle diese Tage in der zweiten Jahreshälfte 1989 mit sehr vielen Veränderungen verbunden, in der DDR vor allem: die Bürgerbewegung, die Freiheitsbewegung, alles das kam. Und es wurde auch relativ dramatisch, weil die Fluchtzahlen aus der DDR über Ungarn und über Budapest sehr hoch waren, so dass man immer darauf warten musste, dass etwas passiert. Was wir eigentlich erwarteten, war der Sturm von hinten über die Mauer, dass die Leute es sich nicht mehr gefallen lassen würden, dass sie über Prag oder über Budapest ausreisen mussten. Warum nicht über die Grenzübergänge? Euronews: Wann und wo erfuhren Sie, dass Günter Schabowski, der damals zur Führungsspitze der DDR gehörte, in einer Pressekonferenz verkündet hatte, alle dürften reisen? Walter Momper: Ich war im Springer-Hochhaus zu einer Preisverleihung und dann sagte mir der Fahrer, ich solle ins Rathaus von Schöneberg kommen, also zum Sitz der Regierung, es war ziemlich dringlich. Und dann hörte ich von dem Chefredakteur einer Berliner Zeitung, die dort im Hause hergestellt wurde, die “Berliner Morgenpost”, dass er ein Video hatte, nicht von der gesamten, also auch von der gesamten Konferenz, die hat ja zwei Stunden gedauert. Am Ende dieser Pressekonferenz verliest er den Zettel mit der Reiseregelung. Dann hat er mir es gezeigt und ich habe gesagt, ja, das ist das was uns der Schabowski schon am 29. Oktober bei einem Treffen erzählt hatte, dass sie eine Reiseregelung machen wollen, dass sie auch Reisefreiheit geben wollen. Und nun mussten wir ein wenig Dynamik da reinbringen, damit er nicht wieder zurückkann. Sonst sagt er eine halbe Stunde später, dass alles ein Irrtum gewsen oder er hätte den falschen Zettel bekommen oder so irgend etwas. Euronews: Aber was tut in einem solchen Augenblick der Bürgermeister von Berlin, Sie? Walter Momper: Ich dann in den Sender Freies Berlin, also unseren Stadtsender gefahren und dort liefen noch die Abendnachrichten, die Lokalnachrichten. Damals – die privaten Sender gab es ja noch nicht – sahen ungefähr 75 Prozent der Menschen in Ost und West diese Abendnachrichtensendung. Und in dieser Abendnachrichtensendung habe ich das dann interpretiert, also einfach gesagt: “Das ist der Tag auf den wir 28 Jahre lang gewartet haben, das ist ein ganz historischer Tag! Wir freuen uns darüber und alle aus Berlin und der DDR können jetzt kommen und uns besuchen! Und bedenken Sie, wenn Sie jetzt kommen können, können Sie auch in vier Tagen oder vier Wochen kommen!” Und dann habe ich in dieser Sendung noch gesagt: “An alle, die zu uns kommen werden: Wir freuen uns auf Sie, Sie sind uns herzlich willkommen, aber bitte lassen Sie die Trabis und die Wartburgs zuhause”, also deren Autos, “kommen Sie mit U- und S-Bahn.” Euronews: Haben sie das auch getan? Walter Momper: Ja, überwiegend, natürlich nicht alle, es war trotzdem Land unter am Abend und am nächsten Tag, weil viele mit dem eigenen Auto kamen. Aber es hat dazu geführt, dass die Leute das gesehen haben. Dann sind sie so ab Abend acht Uhr an die Grenzübergänge gegangen und haben dann dort mit den Grenztruppen, also mit den Grenzern diskutiert und haben gesagt: “Hier, der Schabowski hat gesagt, wir können rüber, nun wollen wir rüber!” Und dann haben die gesagt: “Wie, haben Sie ein Visum? Wenn Sie kein Visum haben, können Sie nicht!” Und dann haben die Leute gesagt: “Der Momper hat das auch gesagt!” – also sozusagen der westliche Politiker mit der höheren Glaubwürdigkeit. Und wird es ja so, dass es im Laufe des Abends immer mehr Menschen werden, so bis gegen 23 Uhr. Und nach 23 Uhr, kurz nach 23 Uhr wird an der Bornholmer Straße, an dem Grenzübergang, der Druck der ungefähr 3-4000 Menschen, die dort waren, zu groß und die Grenze wird geöffnet. Euronews: War Ihnen die Tragweite dieser Entscheidung klar? War Ihnen klar, dass der Mauerfall das Ende des Unrechtsstaates DDR einläutete? Walter Momper: Also wie sich das entwickeln würde, ob mit oder ohne Wiedervereinigung, das wussten wir damals auch noch nicht. Aber klar war, dass, wie Sie sagen, der Unrechtsstaat zuende war. Weil es war ja wie ein Gefängnis, es konnte keiner raus und alle, die versuchten, rauszukommen, wurden entweder totgeschossen oder wieder zurückgebracht. Und das war damit zuende und damit war klar, dass der ganzen Freiheits- und Bürgerrechtsbewegung die Bahn richtiggehend geöffnet war. Also die DDR hatte diesen repressiven Charakter damit verloren. Aber wie das weitergehen würde und dass von da an gerechnet in weniger als einem Jahr die Wiedervereinigung da war, das haben wir damals, zu dem Zeitpunkt nicht abgesehen und auch nicht angenommen. Euronews: Heute ist der Mauerfall ein Symbol für das Ende der kommunistischen Diktaturen in Mittel- und Osteuropa und ein Symbol für das Ende der Teilung Europas. Wie denken Sie daran zurück? Walter Momper: Dass wir die Einheit Europas wiedererlangt haben, dass die kommunistische und die sowjetische Herrschaft weg sind, dass auch Russland ein mehr oder minder demokratisches Land ist, das ist schon eine großartige Sache. Und man sieht ja, dass alle Völker Ostmitteleuropas, die so schwer gelitten haben unter der sowjetischen Besatzung, dass die richtig aufgelebt sind: Die baltischen Staaten, aber auch Ungarn, Polen, die Tschechen und die Slowaken. Und dass ein freies Europa wieder erstanden ist, von dem der größte Teil inzwischen in der NATO und in der Europäischen Union ist, das ist schon eine großartige Entwicklung und über die bin ich sehr froh. Euronews: Wende oder friedliche Revolution? Walter Momper: Das Erstaunliche für Deutschland ist erstens, dass die Revolution erfolgreich war und zweitens, dass sie so friedlich war. Das hat man ja selten. Also in allen gesellschaftlichen großen Veränderungen auch anderer Staaten läuft das ja meist doch irgendwo mit Blutvergießen oder mit Gewalttaten ab und das war hier überhaupt nicht der Fall und deshalb finde ich, sind wir Deutschen ja immer noch ein glückliches Volk, dass wir unsere Einheit und die Freiheit für den anderen Teil des Landes so friedlich erreicht haben. Euronews: Welches war die Botschaft jener Tage? Walter Momper: Die Botschaft jener Tage die hat ja mal, ich glaube Sindermann, einer von den DDR-Oberen, gesagt. Er hat gesagt: Wir waren darauf eingerichtet, dass die mit Waffen und sonstwas kommen würden, also die friedlichen Revolutionäre, aber nicht dass sie mit Kerzen kamen! Und das ist eigentlich die Botschaft: Dass wenn man sich einig ist und es auch konsequent friedvoll macht, dass man die Welt verändern kann und auch Revolutionen anzetteln kann mit Kerzen in der Hand! Herr Momper, vielen Dank für dieses Gespräch! Momper: Bitteschön!

Die Berliner Mauer: de.euronews.net/1989-2009