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Arbeiten auf Abrackwerften

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Arbeiten auf Abrackwerften

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Hunderte Schiffe, die zu alt sind, um auf See zu fahren, enden jedes Jahr an den Küsten verschiedener Länder. Sie abzuwracken ist eine schwierige Arbeit, gefährlich für Menschen und Umwelt. Oft ist es aber die einzige Möglichkeit für Menschen aus armen Regionen, um Geld zu verdienen. Wie kann das Abwracken also sicherer gemacht werden und gleichzeitig wirtschaftlich lukrativ bleiben?

Es ist die letzte Station für viele europäische Schiffe, die zu alt sind, um noch auf See zu fahren. Täglich wracken hunderte Arbeiter grosse Schiffe ab – hier, in Aliaga, einer Türkischen Provinz im Herzen des alten Aeolien. Die Schiffe werden an Land gezogen und Stück für Stück auseinander geschnitten. Der Betonboden soll verhindern, dass übrig gebliebener Treibstoff oder giftige Abfälle den Boden verseuchen oder ins Wasser laufen.

Fein sortiert werden ganze Stapel Altmetall zu den Schmelzöfen geschickt. Dieses Stahl macht drei Prozent an der Stahlproduktion in der Türkei aus. “Die Schiffe werden älter und müssen entsorgt werden,” sagt Dimitris Ayvatoglu, der Eigner der Abrwackwerft in Aliaga. “Der richtige Weg, dies zu tun, ist, sie zu recyceln. An Bord dieser Schiffe gibt es eine Menge Stahl, Schiffe sind ja hauptsächlich aus Stahl gefertigt, aber es gibt eben auch andere wiederverwertbare Materialien.”

Jedes Jahr werden weltweit zwischen 200 und 600 große Schiffe auseinandergebaut. Viele gehören europäischen Unternehmen. Die Europäsische Union befasst sich nun mit den Auswirkungen dieser Industerie auf Mensch und Natur. Um das Abwracken von Schiffen sicherer und umweltfreundlicher zu machen, unterstützt die EU ein entsprechendes Forschungsprogramm. DIVEST koordiniert die Arbeiten von Forschern und Unternehmen aus neun Ländern. Dabei wird jeder Aspekt des Abwrackens beleuchtet, sei es der soziale, der technische, wirtschaftliche oder umwelttechnische.

Das Innovative an dem DIVEST-Projekt sei der holistische, also ganzheitliche Ansatz, sagt DIVEST Koordinator Jean-Christophe Saint-genies. Dieser Ansatz “beruht auf bestehenden Untersuchungen, etwa Untersuchungen, die in der Vergangenheit im Kreis der Gemeinschaft erarbeitet wurden, oder auch auf öffentlichen Untersuchungen. Es sind Untersuchungen, die sich mit ganz verschiedenen Aspekten befassen, mit den verschiedensten Dimensionen des Abwrackens.” Trotz der Bemühungen, einheitliche Standards für das Abwracken von Schiffen einzuführen, unterscheiden sich die Methoden und Arbeitsbedingungen von Land zu Land teils massiv. Experten versuchen nun, eine Datenbank mit verlässlichen Informationen über verschiedene Arbeitsweisen zu erstellen, um so die Grundlage für mögliche Verbesserungen zu legen. “Zunächst muss man das Problem kennen, dann beobachten und verstehen. Dann beginnt man damit, Daten zu sammeln und auszuwerten. Wenn man in der Lage ist, die Daten zu messen, kann man handeln. Wenn man nicht misst, eben nicht. Diese Lücke wollen wir schliessen, indem wir Messungen anstellen. Das ist eine der Hauptmotivationen hinter dem Projekt – messbare Daten zu sammeln.” Die europäischen und türkischen Abwrackwerften machen nur einen kleinen Teil am Gesamtmarkt aus. Mehr als 80 Prozent der Schiffe werden in Indien, Bangladesch oder Pakistan zerlegt. Die Arbeit ist hier billig und das bedeutet, die Schiffseigner machen mehr Geld mit dem Stahl der Schiffe. Hier gibt es keine undruchlässigen Böden, keine schwere Maschinerie: Die Schiffe werden an Sandstränden zerlegt, unter einfachen und gefährlichen Bedingungen. Der Mangel an Sicherheitsvorkehrungen führt zu einer hohen Anzahl von Unfällen, Gesundheitsrisiken und einer weitreichenden Verschmutzung der Küsten mit gefährlichem Material. Andererseits schafft dieser Industriezweig tausende von Jobs in armen Regionen der Erde. Außerdem ist die Handarbeit auch sorgfältiger – jeder Gegenstand von Wert wird vorsichtig aus dem Schiff genommen um wiederverwertet zu werden.

“Hier in Indien wracken wir nicht einfach ab. Wir recyceln Schiffe. Darin unterscheidet sich unsere Arbeit von der Arbeit in anderen Abrackwerften – jedes mögliche Teil wird auf die eine oder andere Weise wiederverwertet.“Wissenschaftler gehen davon aus, dass der Preis der entscheidene Faktor für Schiffseigner ist: es ist rund zehnmal lukrativer, Schiffe in Bangladesch abzuwracken als in Europa, da die Sicherheitsstandards hier am niedrigsten sind.

Bei regelmässigen DIVEST Konferenzen stellen die Forscher ihre Ergebnisse vor, um die Daten dann für die gesamte Industrie verfügbar zu machen. In einem Trockendock im schwedischen Göteborg liegt die “Full City”. Der chinesische Öltanker war in einer stürmischen Nacht vor der Norwegischen Küste auf Grund gelaufen. Die Stahlhülle wurde schwer beschädigt, auslaufendes Öl verschmutzte die Küste.

Bevor das Schiff zurück nach China fahren kann, müssen die Schäden beseitigt werden. Dafür ist viel Schweißarbeit nötig. Dies gibt den Wissenschaftlern die Gelegenheit, einige der typischen Risiken des Abwrackens zu untersuchen. Die schwedischen Wissenschaftler Gunnar Rosen und Ing-Marie Andersson haben versucht, eine geeignete Methode zu entwickeln, um den Grad der Gefährdung zu messen, der die Arbeiter ausgesetzt sind. Etwa Verpuffungsgase, die beim Metallschneiden entstehen.

Mit einer Videokamera werden die Arbeiten aufgenommen, gleichzeitig werden die Abgase mit tragbaren Sensoren gemessen. “In diesem Rucksack haben wir ein Instrument, um Staub und Partikel zu messen, wir haben hier ebenso ein Gerät zur Fernmessung, das die Signale an unseren Computer dort hinten schickt. Hier, in die Atemzone, werden wir eine Schlauch einführen, so dass wir genau dieselbe Luft untersuchen können, die er einatmet.”

In Schweden tragen die Arbeiter Atemmasken, um sich vor den Dämpfen zu schützen. In südasiatischen Ländern hingegegen sterben zahlreiche Werftarbeiter an den giftigen Gasen. Die Risiken dieser Arbeit sind für Sonny Nilson nichts Neues. Er hat dreißig Jahre auf der Werft in Göteborg gearbeitet: “Man kann sich verbrennen, man kann von weit oben herabstürzen, besonders im Winter, wenn es rutschig ist, und natürlich kann einen jeden Moment irgendein Gegenstand am Kopf treffen .Ich denke, wir sind die letzte Generation von Arbeitern hier. Es ist ein dreckiger und gefährlicher Job. Und die Kinder heute wollen doch lieber an ihren Computern arbeiten.“Eine gründliche Untersuchung der Arbeitsvorgänge kann dazu führen, die giftigen Gase zu reduzieren – ein potentiell lebensrettendes Wissen. Auf diesem Fernsehbildschirm sehen wir die Arbeiter, die wir beobachten. Dieser rote Balken ist mit dem Messinstrument verbunden. Je höher der Balken, umso mehr sind die Arbeiter den Gasen ausgesetzt. Das hier zeigt Staub und Rauch an. Wir haben auch Instrumente zur Lärmmessung, für Lösungsmittel, wir können auch die Muskeltätigkeit und den Herzschlag messen. Was auch immer, so lang es eben von Interesse ist.” Die Regierungen Südasiens benötigen diese Daten, um die Arbeitsbedingungen auf den Abrwackwerften verbessern zu können.

Von allen Ländern, in denen Schiffe abgewrackt werden, hat bislang nur Indien in den letzten Jahren eine Art Infrastruktur für die Gefahrgutentsorgung, die Ausbildung der Arbeiter und die Gesundheitsvorsorge entwickelt. Bangladesch und Pakistan hängen hinterher. Aber auch hier wächst der Wille zu Veränderungen. “Ich kann Ihnen versichern, überall gibt es Veränderungen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Sie sehen, wie sich die Lage Jahr für Jahr verbessert.”

www.divest-project.eu