Eilmeldung

Eilmeldung

Gorbatschow: "Die Vergangenheit kommt nicht wieder"

Sie lesen gerade:

Gorbatschow: "Die Vergangenheit kommt nicht wieder"

Schriftgrösse Aa Aa

“Von der Parteien Gunst und Hass verwirrt schwankt sein Charakterbild in der Geschichte.” Schillers Worte passen schon auf ihn Michael Sergejewitsch Gorbatschow. Er war einmal D E R Hoffnungsträger der Welt.

Als er 1986 sein Programm verkündete für eine Erde, die im Jahr 2000 frei sein sollte von Atomwaffen, ging ein Aufatmen um die Welt. Nicht nur Kriegsgefahr könnte gebannt werden. Es würden auch Mittel frei werden für das Wohlergehen der Menschen. Es kam anders. euronews-Reporterin Maria Pineiro versucht im Interview einige Gründe zu erhellen. euronews Sie wollten die Sowjetunion reformieren mit ihrer berühmten Politik von “Glasnost” und “Perestroika”. Bitte erklären Sie uns zunächst, wie diese Begriffe gemeint waren. Michael Gorbatschow “Glasnost” meinte zuallererst Freiheit, Meinungs- und Pressefreiheit. Wir hofften, dass unsere Bürger nun Informationen im weitesten Sinne nutzen würden. Das war sehr wichtig, weil jemand, der keinen Zugang zu Informationen hat, kann sich nicht an der Politik beteiligen, steht außerhalb des realen Lebens. “Perestroika” bedeutet “Umbau” . Gemeint war das Projekt eines Wandels, den wir in der Sowjetunion als unabdingbar erkannt hatten . Und ohne “Glasnost”, also ohne informierte Menschen, konnte es nicht gelingen. Ich meine damit, ohne Glasnost konnte es keine Perestroika geben. Perestroika geht nur, wenn das Volk beteiligt ist. Und dafür muss es gut informiert sein. Es geht um Diskussion, um Dialog in der Gesellschaft. Die Macht wird offen ausgeübt – eben Glasnost – und dafür gibt es Pressefreiheit. Auf diese Weise sind Glasnost und Perestroika eng miteinander verbunden, eben wie die beiden Seiten einer Medaille. euronews Hatten Ihre Reformen Einfluß auf den Fall der Berliner Mauer? Michael Gorbatschow Ich denke, dass wir an diesem Einsturz beteiligt waren, weil sich die UdSSR zu jener Zeit auf dem Weg von tiefgreifenden Reformen befand, in der Politik, der Wirtschaft und auf anderen Gebieten. Die Tatsache, dass die Mauer fallen konnte, bestätigt, dass die Sowjetunion nicht den Wunsch hatte, sich in die Entscheidungen der anderen Staaten des “Warschauer Vertrages” einzumischen. Sie wollte ihnen die freie Entscheidung lassen über ihr eigenes politisches System, ihr eigenes Modell. Es gab im “Warschauer Vertrag” “samtene Revolutionen” , die Völker dieser Länder trafen ihre Wahl – und nirgendwo haben wir eingegriffen. Es wäre schon seltsam gewesen, Deutschland anders zu behandeln, etwa wie ein Land der Aussätzigen. Das wäre ungerecht gewesen gegenüber diesem Land und seinem Volk. Die Leute dort hörten doch nicht mehr auf zu demonstrieren, Tag für Tag. Uns war klar, das sich da etwas anbahnt, das zu großen Veränderungen führt. Drei Monate vor dem Mauerfall war ich auf Staatsbesuch in der BRD. Da wurden wir beide, Herr Kohl und ich gefragt, ob wird auch über die “deutsche Frage” gesprochen hätten. Wir antworteten, ja, natürlich. Daraufhin fragte man uns recht ungeduldig, was wir denn entschieden hätten. Wir konnten nur sagen, “ja, wir sind uns bewußt, dass man diese Fragen gesondert behandeln muss, sie wegen ihrer historischen Dimesionen möglicherweise ins 21. Jahrhundert verschieben.” Es vergingen drei Monate und alles war erledigt. Wir hatten uns als schlechte Propheten erwiesen, die Geschichte hatte uns eine Lektion erteilt. euronews Wo waren Sie in dieser Nacht des 9. November 1989? Welche Erinnerungen haben Sie? Michael Gorbatschow Ich war in Moskau. Es war Nacht, ich habe geschlafen. Unser Botschafter weckte mich früh am Morgen und informierte mich. Ich sagte: Irgend so etwas war zu erwarten, weil die Deutschen ja schon Breschen in die Mauer geschlagen haben. Wenn das nicht ausreicht, werden sie sie ganz abreissen. Innerhalb der ersten drei Tage haben drei Millionen Deutsche diese Öffnungen passiert, hin und her, in beide Richtungen.Wir können diese Nation verstehen, die 40 Jahre lang getrennt war, wo die Leute ihre Verwandten nicht treffen konnten. Das war ein echtes Drama. Ich denke, man muss die Politiker loben, ihnen ein “bravo” zurufen, die in jener Zeit nicht gezögert haben. Es gab erbitterte Diskussionen mit Monsieur Mitterrand, der zum Beispiel sagte, er liebe Deutschland so sehr, dass er zwei davon besser finde als nur eines!. Frau Thatcher wollte keine Wiedervereinigung. Ich hatte den Eindruck, vielleicht nicht nur ich, dass diese beiden die Wiedervereinigung zu hintertreiben versuchten – sie meinten, es sei Gorbatschow, der diese Entscheidung getroffen habe. Ich sagte aber: Nein, weil ich das nicht so sah. Wir haben so reagiert, wie es uns die Situation diktierte. Verantwortungsbewußt angesichts dessen, was sich da in Europa und in der Welt abspielte. euronews Nach wenig mehr als einem Jahr als Präsident der Sowjetunion wurden Sie durch einen Staatsstreich zum Rücktritt gedrängt. Kurz darauf war auch die Sowjetunion am Ende. Warum ist Ihr Projekt gescheitert? Michael Gorbatschow Zuerst möchte ich sagen, dass ich Ihre Einschätzung, unser Projekt sei gescheitert, nicht teile. Im Gegenteil. Der große Erfolg der demokratischen Reformen konnte noch in der Sowjetunion beginnnen. Nach dem Auseinanderbrechen der UdSSR, im heutigen Russland, wird diese Entwicklung fortgeführt. Mit Marktwirtschaft, mit Pluralismus auf vielen Gebieten wie Politik, Ideologie, Religion u.s.w…. Mehr noch, wir haben heute das Resultat jener Veränderungen auf einem solchen Niveau, dass nichts mehr zurückgedreht werden kann. Selbst als die Perestroika mit Gewalt unterbrochen wurde. Keiner kann heute das Land in die Vergangenheit zurückstoßen. Also hat die Perestroika doch gewonnen! In diesem Punkt bin ich anderer Meinung als Sie! Verloren habe ich als Politiker ….aber so kann´s kommen Ich muss auch betonen, dass diese ganze Veränderung fast ohne Blutvergießen abgelaufen ist. Es gab Opfer, aber ein Blutbad konnte vermieden werden. Das ist auch ein Sieg der Perestroika. euronews Haben Sie Fehler gemacht? Michael Gorbatschow Ja, und das nicht zu knapp. Mit der Reform der Kommunistischen Partei etwa haben wir viel zu spät begonnen, auch mit dem Reformieren des Staates Sowjetunion. Wir haben die gewaltigen sozialen Probleme nicht vorausgesehen. Als die Bevölkerung mehr zu verdienen begann, da hatte der Markt bei uns nicht die Produkte zu bieten, die die Verbraucher kaufen wollten. Die Schlangen vor den Läden wurden immer länger… Ich stimme denen zu, die meinen, dass an diesem Punkt die “Macher der Perestroika” einen Fehler gemacht haben. Aber damit wird nicht die entscheidende Rolle annuliert, die die Perestroika gespielt hat – in Russland, in Europa, in der ganzen Welt, weil sie eben die Wende in Mittel- und Ost-Europa ausgelöst hat. Sie hat auch den Abrüstungsprozeß in Gang gebracht und eine Reihe weitere Dinge. Wir haben unsere Beziehungen zu China erneuert. Nach 30 Jahren voller Feindseligkeiten gibt es nun freundschaftliche Beziehungen. Von den USA gar nicht zu reden, mit ihnen haben wir eine echte Partnerschaft erreicht. euronews Herr Gorbatschow, für die einen sind Sie ein Held – für die anderen der Schuldige an ihrem Unglück. Wie sehen Sie sich selbst? Michael Gorbatschow Normal. Die Schlußfolgerungen der Menschen hängen davon ab, was eine Sache für sie selber gebracht hat. Ich bin davon überzeugt, dass die heutige Geschichte und jene der Zukunft den Einfluß der Perestroika bestätigen werden Vielleicht klingt es nicht sehr bescheiden, wenn ich sage: Ich bin der einzig Verantwortliche für die Perestroika. Begonnen hat alles mit den progressiven Kräfte in der Sowjetunion, dann hat es sich ausgebreitet auf die Länder des Warschauer Vertrages. Die Beziehungen mit den großen westlichen Ländern haben sich verändert. Ich habe heute ein ruhiges Gewissen.

Die Berliner Mauer: de.euronews.net/1989-2009