Eilmeldung

Eilmeldung

Jiri Pehe: "Wir sind die Generation nach dem Fall der Mauer. Vielleicht braucht es noch eine, bis eine demokratische Kultur entsteht."

Sie lesen gerade:

Jiri Pehe: "Wir sind die Generation nach dem Fall der Mauer. Vielleicht braucht es noch eine, bis eine demokratische Kultur entsteht."

Schriftgrösse Aa Aa

“Der Mauerfall war ein Ereignis von grösster Symbolkraft”

euronews: Der Fall der Berliner Mauer vor zwanzig Jahren hat Deutschland stark verändert. Aber der Stein, der da ins Wasser geworfen wurde, zog weite Kreise – auch in der damaligen Tschechoslowakei. Welche Gefühle ruft dieses Jubiläum in Prag hervor ? Jiri Pehe ist Analyst und hat den ehemaligen tschechischen Präsidenten Vaclav Havel beraten. Herr Pehe, vielen Dank, dass sie hier mitmachen. Was sind Ihre persönlichen Erinnerungen an den Tag des Mauerfalls – wo waren Sie, welche Gedanken gingen Ihnen durch den Kopf? Jiri Pehe (Politischer Analyst und Präsidentenberater): Nun, ich war in der Tat in Deutschland zu dieser Zeit. Ich arbeitete für Radio Free Europe, Radio Liberty. Und das war ein sehr emotionaler Moment für mich – nicht nur, weil ich damals mit meinen deutschen Freunde zusammen war, die alle sehr emotional reagierten auf den Fall der Berliner Mauer. Alle weinten und lagen sich in den Armen. Für mich persönlich hiess das, dass ich nach mehreren Jahren der Emigration womöglich bald nach Hause zurückkonnte. Mir war klar – wenn die Mauer weg ist, kann ich auch wieder in die Tschechoslowakei reisen. Dann war es nur eine Frage der Zeit, wann die Revolution auch die Tschechoslowakei erreicht. euronews: Nun, jetzt wissen wir – weniger als einen Monat nach dem Fall der Berliner Mauer erlebte Ihr Land seine samtene Revolution. Auf dem Wenzelsplatz, wo sie jetzt stehen, wurde demonstriert. Wäre das kommunistische Regime in Ihrem Land auch so schnell gestürzt – ohne den Fall der Berliner Mauer ? Jiri Pehe: Nun, es hätte vielleicht etwas länger gedauert. Uns allen war klar, dass das kommunistische System im Grunde am Ende war, aber wann es kippen würde, wussten wir natürlich nicht. Wir waren darauf gefasst, dass sich das Regime noch mehrere Jahre hinschleppt, oder vielleicht ein Jahrzehnt. Gewiß, der Fall der Berliner Mauer war wichtig. Das war der Anfang vom Ende. Uns allen musste niemand die Symbolkraft der Ereignisse erklären, die die gesamte kommunistische Welt veränderten. Also: ja es war ein sehr wichtiges Ereignis. Zwar gab es schon vorher Veränderungen in Ungarn und Polen. Aber das war wirklich das Ereignis mit der grössten Symbolkraft, das gab dem Kommunismus in Osteuropa den Rest. euronews: Zwanzig Jahre ist das nun her. 1989 setzte viele Hoffnungen frei, viele Ziele schienen plötzlich erreichbar. Was denken Sie über die seither erzielten Fortschritte – sozial wie politisch? Jiri Pehe: Nun, die Fortschritte sind enorm. Ich denke, dass die gesamte Region eine sehr, sehr lange Wegstrecke zurückgelegt hat. Wir haben im Grunde die gesamte Gesellschaft verändert – politisch, wirtschaftlich, wir haben einen Rechtsstaat geschaffen. Auf der anderen Seite ging diese institutionelle Modernisierung so schnell, dass die andere Seite der Demokratie, die kulturelle Seite, nicht mitkam. Für mich sind das Demokratien ohne Demokraten. Klar, das ist etwas übertrieben. Aber ich denke, wir haben jetzt wirklich moderne, demokratische Institutionen. Die Marktwirtschaft ist perfekt eingerichtet. Was fehlt, sind die Leute, die demokratisch denken, die eingefleischten Demokraten – das ist vielleicht ein Generationen-Projekt. Das könnte schon zwei Generationen dauern. Wir sind also jetzt die Generation nach dem Fall der Mauer. Vielleicht braucht es noch eine, bis eine demokratische Kultur entsteht.