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Brent Scowcroft: "Mit Mauern löst man keine Probleme"

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Brent Scowcroft: "Mit Mauern löst man keine Probleme"

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Brent Scowcroft ist eine Schlüsselfigur der Amerikanischen Politik: Er war im weißen Haus tätig, als die Mauer fiel. Sowohl Präsident Gerald Ford, als auch seinem späteren Nachfolger George Bush Senior, stand er als Sicherheitsberater zur Seite. Trotz der Freundschaft zur Familie Bush war er gegen den Irak-Krieg und Barack Obama half er, sein Sicherheitskabinett zusammenzustellen. Anna Bressanin sprach mit ihm in Washington.

euronews: “Wie haben Sie vom Fall der Mauer erfahren?” Brent Scowcroft “Es gab verschiedene Berichte, widersprüchliche. War die Mauer gefallen oder nicht? Es gab viele Gerüchte: War die Mauer auch in Berlin auf oder nicht? Und mitten in all’ der Verwirrung kam der Pressesprecher, Marlin Fitzwater und sagte: ‘Sie müssen mit der Presse sprechen!’ Ich antwortete: ‘Wir wissen ja nicht einmal, was los ist, wie sollen wir da mit der Presse sprechen?’ Einer der Journalisten sagte dann: ‘Herr Präsident, Sie scheinen gar nicht begeistert! Ich dachte, Sie würden auf der Mauer tanzen wollen!’ Und der Präsident antwortete: ‘Ich bin nicht so ein überbordender Mensch…’ Was er damit ausdrücken wollte, war die Unsicherheit und da wollte er nicht ausgelassen wirken. Wir machten uns damals Sorgen um die mögliche Reaktion von Herrn Gorbatschow, aber auch darum, dass seine Stellung gefährdet sein könnte. Durch Hardliner im Kreml die denken, dass er die Sowjetunion aufgegeben habe.” euronews: “Wie haben die USA zum Fall der Mauer beigetragen?” Scowcroft “Ich denke, dass wir alle zum Fall der Mauer beigetragen haben indem wir der Sowjetunion gegenüber unnachgiebig gewesen sind. Als Präsident Bush sein Amt antrat, gab es eine Menge Leute, die sagten, der Kalte Krieg sei schon vorbei. Und es stimmt auch, dass Gorbatschows Auftreten ein ganz anderes war, vielversprechend und ermutigend. Aber der kalte Krieg, das war im Grunde die Teilung Europas, und die war noch nicht vorbei. In einem Gutteil Europas waren noch Sowjettruppen stationiert. Wir hatten uns als Ziel gesetzt, zu versuchen, die Sowjettruppen aus Europa verschwinden zu lassen. Und das ist uns gelungen: wir haben sie aus Ost-Deutschland bekommen!” euronews “Wie hat sich die Welt seit 1989 verändert?” Scowcroft “Es gibt die Gefahr eines Atomkrieges nicht mehr! In dieser Hinsicht hat sich die Welt dramatisch geändert! Und in einer anderen Hinsicht: es gibt nicht weiter ein Grundproblem in der Welt, die Teilung in zwei Blöcke. Statt dessen sind unsere Probleme nun kleiner im Maßstab – aber sie sind überall. Das ist eine sehr andere Welt!” euronews “Nach dem Fall der Mauer waren die USA die einzige Supermacht. Jetzt, zwanzig Jahre später kämpfen die USA im Irak und n Afghanistan. Bedroht diese Bedrouille die US-Macht?” Scowcroft “Die Globalisierung hat die Macht des Nationalstaats ausgehöhlt. Immer mehr weltweite Probleme können nur durch die Zusammenarbeit von Staaten gelöst werden. Ich glaube nicht mehr an eine US-Macht, wie in vergangenen Jahren, die sagt: ‘wir preschen los, und ihr andren, folgt uns!” Das funktioniert nicht mehr!” euronews “Sie waren gegen den zweiten Irakkrieg. Was ist ihrer Meinung nach die richtige Strategie in Afghanistan?” Scowcroft “Afghanistan ist ein sehr schwieriges Problem. Wenn wir nicht schon in Afghanistan wären, dann würden wir da jetzt sicher nicht hingehen! Aber wir sind nun einmal da und haben dadurch eine Realität geschaffen. Das heißt auch: wir können einfach nicht sagen: ‘das klappt nicht, lasst uns kehrtmachen und verschwinden.’ Aber ich denke, dass wir jetzt die richtige Strategie entwickelt haben: eine anti-Aufstandsstrategie statt einer anti-Terrorstrategie.” euronews “Wo sehen Sie den Unterschied genau, zwischen anti-Aufstandstrategie statt einer anti-Terrorstrategie?” Scowcroft “Lassen Sie mich Ihnen ein Beispiel geben: Wenn Sie eine anti-Terror Strategie verfolgen und irgendwo einen Taliban-Führer sehen, dann würden Sie ihn angreifen. Wenn dabei auch ein paar Zivilisten getötet werden, dann ist das schlimm, aber das gilt als Kollateralschaden. Wenn ihre Strategie gegen Aufständische gerichtet ist, und Sie sehen den gleichen Taliban-Führer, dann greifen Sie nicht an, weil der Tod von Zivilisten ihrer Sache mehr schadet, als es nutzt den Taliban-Führer festzusetzen. Das ist der Unterschied.” euronews “Welche Hauptfehler hat das Weiße Haus nach dem Fall der Berliner Mauer begangen?” Scowcroft “Einer der Hauptfehler war die Begeisterung über den Mauerfall, über das Ende des kalten Krieges… Wir hatten vergessen, dass das für das russische Volk eine nationale Erniedrigung war, ein psychologisches Trauma! Das haben wir völlig vernachlässigt. Und so haben wir Dinge getan, die das Gefühl der Erniedrigung noch verstärkt haben. Präsident Wladimir Putin scheint mir eine Folge davon. Ich habe gehört, wie er gesagt hat: ‘als wir am Boden lagen, seid ihr einfach über uns weg maschiert, ihr habt die NATO-Grenzen in Richtung Russland verschoben. Ihr habt den Vertrag zur Begrenzung von Raketenabwehrsystemen zunichte gemacht. Jetzt sind wir wieder stark und werden das nicht hinnehmen!’ Diese psychologische Haltung macht es immer schwieriger, mit Russland zu kooperieren, vor allem hinsichtlich der Themen, die uns wichtig sind: Iran, Terrorismus und so weiter. Ich denke, dass war einer unserer größten Fehler. Ein zweiter Fehler war folgender: Wir hatten unglaubliche Macht, so etwas hatte es seit dem Römischen Reich nicht mehr gegeben. Aber wir dachten, dass wir mit dieser Macht alles tun können und keine Hilfe brauchen. Das war ein anderer Fehler.” euronews “Werden jetzt andere Mauern fallen?” Scowcroft “Mir kommt nichts anderes in den Sinn, dass so symbolisch für den Kalten Krieg gestanden hat wie die Berliner Mauer. Das war physisches Symbol der Auseinandersetzung zwischen zwei Sichtweisen, wie die Welt organisiert sein soll.” euronews “Es gibt immer noch Mauern – in Israel zum Beispiel.” Scowcroft “Manchmal kann man argumentieren, dass Mauern helfen, weil sie Leute, die sich hassen, von einander trennen. Aber im Großen und Ganzen verhindern Mauern Austausch und Austausch ist der einzige Weg Probleme zu lösen. Mit Mauern löst man keine Probleme.”