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"Ein Amerikaner in Berlin - Der Journalist Marc Fisher erinnert sich an den Fall der Mauer"

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"Ein Amerikaner in Berlin - Der Journalist Marc Fisher erinnert sich an den Fall der Mauer"

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Gespräch mit Marc Fisher, Journalist der “Washington Post” über den Mauerfall.

euronews: Die Ereignisse am 9. November 1989, die ein Zeichen für das Ende des Kalten Krieges waren, hatten eine entscheidende Auswirkung auf die Gesellschaft. Marc Fisher war in jenen Tagen ein junger Reporter der Zeitung “Washington Post” und wurde nach Berlin geschickt, um die Ereignisse zu beschreiben. Herr Fisher, wir freuen uns, dass Sie zugeschaltet sind. Was haben Sie damals erlebt und wie haben Sie es empfunden? Marc Fisher, “Washington Post”: Eigentlich hatte ich damals gerade erst meine Arbeit als Büroleiter begonnen und nahm an dem Tag, bevor die Mauer fiel, an einem Sprachkurs in einem kleinen Ort in Westdeutschland teil. Meine Frau und ich waren essen gewesen, wir wohnten bei einem älteren Ehepaar. Als wir zurückkehrten, wartete der Mann auf uns und sagte in möglichst einfachem Deutsch: “Die Mauer ist gefallen, Washington hat angerufen, Sie müssen arbeiten.” Ich fuhr nach Berlin und sah die unmittelbaren Auswirkungen des Mauerfalls. Es war eine emotionale Wiedervereinigung nach der anderen. Jede Stunde dieser Zeit hat sich mir tief eingeprägt und ist auch zwanzig Jahre später unvergessen. euronews: Wie reagierte man in den USA darauf, nicht nur bei der “Washington Post” sondern auch in der amerikanischen Gesellschaft? Marc Fisher: Für viele Amerikaner aller Altersgruppen war es ein sehr bewegender Moment, insbesondere aber für die Generationen, die in der Zeit des Kalten Krieges herangewachsen sind, nach dem Zweiten Weltkrieg, in der Zeit der atomaren Spannungen der sechziger und der siebziger Jahre. Dass diese Generation die Menschen, die hinter dem Eisernen Vorhang versklavt und gefangen lebten, sah, wie sie mit Klugheit und aus eigener Kraft gegen einen unterdrückerischen Staat vorgingen, war großartig. Es war die Erfüllung einer Hoffnung und eines Traums vieler Amerikaner. euronews: Vom Berliner Mauerfall zum wiedervereinigten Deutschland, wie sahen Sie das? Marc Fisher: Weil ich in Deutschland war, habe ich die Wiedervereinigung ganz anders verstanden, als sie von der US-Regierung oder von einigen europäischen Regierungen dargestellt wurde. Aus deren Sicht war dies eine politische und diplomatische Angelegenheit, ein Erfolg der Nationen, die sich zu Verhandlungen zusammensetzten. Doch auf der Straße, in den Städten spürte man den Druck, der im Osten wie im Westen Deutschlands auf die Regierungen ausgeübt wurde. Aus dieser Perspektive war klar, dass es sich um eine Revolution von unten und nicht nicht um eine Revolution von oben handelte, wie sie in manchen Geschichtsbüchern dargestellt wird. euronews: Wie sehen Sie das heute, zwanzig Jahre später? Marc Fisher: Leider beginnen diese Ereignisse im kollektiven Gedächtnis der Amerikaner zu verblassen. Das hat teilweise mit dem Aufstieg des Internets und dem Niedergang der traditionellen Medien zu tun. Das Interesse am Auslandsgeschehen ist einfach geringer als vor zwanzig Jahren. Die Geschichte von der Berliner Mauer und vom Ende des Kommunismus erfahren junge Leute heute aus Geschichtsbüchern, sie sind zu jung, um das selbst erlebt zu haben. Doch sie scheinen interessiert und neugierig, denn zwischen dem Fall der Mauer und unserer eigenen Geschichte, der Gründung unserer Nation, gibt es starke emotionale Verbindung.