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"Für Demokratie muss man immer kämpfen, die Arbeit ist nie getan"

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Gespräch mit Jerzy Buzek, Präsident des Europaparlaments über den Mauerfall

euronews: Willkommen bei EuroNews, wir sprechen mit Jerzy Buzek, Präsident des Europaparlaments, früheres Mitglied der polnischen Gewerkschaft Solidarnosc und früherer Ministerpräsident Polens. Seit vergangenem Juli ist er der erste Bürger eines neuen Mitgliedsstaates, der an der Spitze einer europäischen Institution steht. Zuletzt setzte sich Buzek in Tschechien und in Irland für die Ratifizierung des Lissabon-Vertrages ein. Jerzy Buzek, Präsident des Europaparlaments: Guten Abend. euronews: Herr Buzek, welche persönlichen Erinnerungen verbinden Sie mit dem 9. November? Wie nahmen Sie die Nachrichten über den Fall der Berliner Mauer auf? Jerzy Buzek: Ich erinnere mich sehr gut an diesen Tag. Polen war erst wenige Monate zuvor ein freier Staat geworden, nachdem die Gewerkschaft Solidarnosc die Wahl gewonnen und mein Land eine nicht-kommunistische Regierung bekommen hatte. Kanzler Kohl besuchte damals Polen und fuhr für wenige Stunden nach Berlin, um beim Abtragen der Mauer dabei zu sein, danach kehrte er nach Warschau zurück, um den Besuch zu beenden. In Polen erinnern wir uns sehr gut an diesen Augenblick. euronews: Wird der Berliner Mauerfall heute in Polen gefeiert? Jerzy Buzek: Ja, warscheinlich wird in jedem Land Europas gefeiert. Am vierten Juni haben wir den Jahrestag von Soldarnosc gefeiert. Die Öffnung der ungarisch-österreichischen Grenze gehört dazu, die im gleichen Jahr stattfand. In Tschechien und in der Slowakei wird in einigen Tagen die Samtene Revolution gefeiert. Auch in Bulgarien und Rumänien gibt es Feierlichkeiten, wir begehen zwanzig Jahre seit den Veränderungen in unserem Teil Europas. euronews: Wie sieht man das aus der Perspektive des Präsidenten des Europaparlaments? Gibt es eine gemeinsame Wahrnehmung dieses historischen Ereignisses? Jerzy Buzek: Vermutlich gibt es eine gemeinsame Wahrnehmung, selbst wenn nicht 100 Prozent der Europäer in gleicher Weise denken. Unterschiede gehören dazu. euronews: Hat Europa heute kein gemeinsames Verständnis vom Kampf für Demokratie? Jerzy Buzek: Nein, vielleicht liegt hier ein Missverständnis vor. Ich sagte, dass wir darüber ein sehr ähnliches Verständnis haben. Notwendig ist, immer für Demokratie zu kämpfen, zu jeder Zeit, die Arbeit ist nie getan. Wir sollten täglich daran denken. Auch in der Europäischen Union sollte daran erinnert werden. Wir müssen sofort reagieren, für Demokratie, für Menschenrechte. Insbesondere im Europäischen Parlament tun wir das. Denn Menschenrechte und Demokratie sind für die Mitglieder des Europaparlaments von entscheidender Bedeutung. euronews: Vielen Dank. Jerzy Buzek: Ich möchte noch etwas hinzufügen, was die neuen Mitgliedsländer anbelangt. Ich glaube nicht, dass wir heute noch neue und alte Mitgliedsländer haben. Wir haben eine gemeinsame Verantwortung. Natürlich gibt es Unterschiede zwischen uns, doch wir haben eine gemeinsame Politik. Ein geeintes und starkes Europa kann helfen.