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"Wir wussten, dass die Öffnung der ungarisch-österreichischen Grenze die Mauer nutzlos machen würde"

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"Wir wussten, dass die Öffnung der ungarisch-österreichischen Grenze die Mauer nutzlos machen würde"

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Gespräch mit Laszlo Kovacs, EU-Kommissar für Steuern und Zollunion, über den Mauerfall

Sergio Cantone, euronews-Korrespondent: Laszlo Kovacs, heute EU-Kommissar für Steuern und Zollunion, gehörte 1989 zur ungarischen Führung und ist nicht nur Zeuge sondern auch einer der Akteure jener Tage. Ungarn gehörte damals zum Ostblock und spielte bei der Zerschlagung des sowjetischen Machtbereiches eine wichtige Rolle. Herr Kommissar, willkommen bei EuroNews! Was haben Sie in der Nacht getan, als die Berliner Mauer fiel? Laszlo Kovacs, EU-Kommissar für Steuern und Zollunion: Ich war in Budapest in meiner Wohnung und sah fern wie Millionen oder Hunderte von Millionen Menschen, denn der Fall der Berliner Mauer war der Fall des Symbols des Kalten Krieges und der Teilung Europas. Ich dachte in jenen Augenblicken an die Anfänge zurück. Denn Kanzler Helmut Kohl hatte gesagt, Ungarn habe als erstes Land einen Stein aus der Mauer entfernt, als es zwei Monate davor die Grenze zu Österreich öffnete. Bereits ein Jahr später wurden die beiden deutschen Staaten vereint. Es war wirklich ein Ereignis von historischer Bedeutung. euronews: Hatten Sie den Eindruck, dass damit das ganze System kollabierte, das sowjetische und sozialistische System? Laszlo Kovacs: Damals schon. Als wir allerdings zwei Monate davor die ungarisch-österreichische Grenze öffneten, konnten wir uns das noch nicht vorstellen. Wir wussten nur, dass wir die Mauer nutzlos machten. Sie fiel früher, als wir erwartet hatten. euronews: Galt das auch für die anderen Bürger Ungarns? Dachten sie in der Nacht des neunten November, dass alles vorbei war? Laszlo Kovacs: Ich glaube ja, denn der politische und wirtschaftliche Übergang hatte in Ungarn bereits Fortschritte gemacht. Wir bereiteten die ersten wirklich freien und demokratischen Wahlen vor. In Ungarn und in den meisten anderen Staaten des Ostblocks hatte es große Veränderungen gegeben. Allen voran war Polen, doch die anderen Staaten folgten. euronews: Wie hat sich Ungarn nach der Wende verändert, die nun zwei Jahrzehnte zurückliegt? Laszlo Kovacs: Die außenpolitischen Veränderungen habe ich aus nächsten Nähe miterlebt, denn nach den zweiten Wahlen, die die Sozialisten gewannen, wurde ich Außenminister. 2002 wurde ich erneut Außenminister, bevor ich nach Brüssel kam. Die wichtigsten außenpolitischen Veränderungen waren mit unserem Wunsch eines Beitritts zur EU und zur NATO verbunden, was wir auch geschafft haben. euronews: Herr Kommissar, einst gehörten sie der Führung der Kommunistischen Partei an, sie leiteten das Außenministerium. Heute gehören Sie ebenfalls einem Apparat an, dem Europas. Gibt es da einen Zusammenhang? Laszlo Kovacs: Natürlich gibt es Zusammenhänge, auch persönliche. Ich arbeitete in den frühen achtziger Jahren für die Partei, zählte zum Führungszirkel, wurde Staatssekretär im Außenministerium. Doch anders als Sie vorhin behaupteten, leitete ich das Ministerium nicht, sondern ich war nur stellvertretender Leiter. Ich war für die Beziehungen Ungarns mit den westlichen Staaten und mit den westlichen sozialdemokratischen Parteien zuständig. Viele meiner früheren Kollegen, die ich noch in der Jugendbewegung kennenlernte, haben heute hohe Funktionen als Chefs sozialdemokratischer Parteien überall in Westeuropa inne.