Eilmeldung

Eilmeldung

Witscheslaw Mostowoj: "Die Ereignisse überschlugen sich"

Sie lesen gerade:

Witscheslaw Mostowoj: "Die Ereignisse überschlugen sich"

Schriftgrösse Aa Aa

Die Sowjetunion war einer der Hauptverantwortlichen für das Drama in Berlin, das mit der Besetzung eines Teils der Stadt und Deutschlands durch sowjetische Truppen beginnt. Ein Drama, dessen Ende die Politik des letzten sowjetischen Präsidenten, Michail Gorbatschow, einläutete. Witscheslaw Mostowoj, der heute stellvertretender Chef eines großen russischen Fernsehkanals ist, leitete 1989 das West-Berliner Büro des sowjetischen Staatsfernsehens und -rundfunks.

Euronews: Was haben Sie am 9. November getan? Wie nahmen Sie an den Ereignissen teil? Mostowoj: Wir befanden uns in der inzwischen legendären Pressekonferenz Günter Schabowskis. Nachdem eine ganze Stunde lang langweilige Fragen und Antworten hin und her gingen, rief er plötzlich aus: “Wir ändern ab heute die Regelungen zum Grenzverkehr zwischen Ost und West”. Das kam so unerwartet, dass nur einige Journalisten, jene der Nachrichtenagenturen, sofort begriffen, worum es sich handelte. Sie stürmten hinaus, um darüber zu berichten. Erst nach weiteren Fragen verstanden wir die Bedeutung des Ereignisses, das dann geschehen sollte. Euronews: Zu jener Zeit arbeiteten Sie schon lange in Deutschland. Ahnten Sie, was geschehen könnte, so rasch und vor allem ohne Blutvergießen? Mostowoj: Die Ereignisse überschlugen sich. Viele Menschen hatten die DDR auf dem Umweg über Ungarn und die Tschechoslowakei verlassen. In der DDR selbst gab es regelmäßig Demonstrationen, in Leipzig und in Berlin auf dem Alexanderplatz am vierten November. Der Wandel kam, jeder wartete darauf, dass etwas geschah, doch niemand ahnte, wie schnell der entscheidende Schritt getan werden würde. Euronews: Wie nahmen die Menschen in der UdSSR diese Veränderungen, die Ereignisse vom 9. November auf, die Zuschauer, für die Sie aus Berlin berichteten? Mostowoj: Ich denke, dass die Menschen in der Sowjetunion darauf besser vorbereitet waren, als man meint. 1989 war der Höhepunkt von Glasnost und Perestroika erreicht, der Prozess der Demokratisierung war weiter vorangeschritten als in der DDR. Ich denke, dass die Nachrichten als solche aufgenommen wurden. Wenngleich jeder wusste, dass das Regime in der DDR stark war, solide – wie alle Dinge, die die Deutschen tun. Euronews: Umfrage zufolge, hat sich der Anteil der Russen im letzten Jahrzehnt verdoppelt, die nicht wissen, was sie über den Mauerfall denken sollen. Früher waren es etwa elf Prozent, heute sind es zwanzig. Auch denken etwa zehn Prozent der Russen heute, dass die Berliner die Mauer selbst errichteten. Und wie denken die Deutschen darüber? Mostowoj: Wissen Sie, die schlechten Erinnerungen verblassen schnell, das liegt in der Natur der Menschen. 1999 drehte ich für das russische Fernsehen einen Dokumentarfilm über den zehnten Jahrestag des Mauerfalls. Am Brandenburger Tor fragte ich zwei Schulmädchen, ob sie wüssten, wo die Mauer verlaufen sei. Sie waren erstaunt darüber, dass es überhaupt eine Mauer gegeben hatte. Die junge Generation lebt in der Zukunft. Doch viele Deutsche haben gemischte Gefühle über den Mauerfall. Die beiden deutschen Staaten sind nicht mehr voneinander getrennt, doch es gibt Unterschiede in der wirtschaftlichen Entwicklung und zwischen den Möglichkeiten in Ost und West. Viele denken, dass die wirtschaftliche Mauer und die Mauer im gegenseitigen Verständnis in den Köpfen und in den Seelen weiterbesteht.