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Der Original-Mauerfall - dokumentiert von "DOK Leipzig"

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Der Original-Mauerfall - dokumentiert von "DOK Leipzig"

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20 Jahre Mauerfall – die Deutschen durften nochmal jubeln, so mancher unbekannte oder vermeintliche Held wurde neu entdeckt. Aber die Arbeit geht weiter im “Steinbruch der Zeit” wie der deutsch-deutsche Sänger Wolf Biermann die Geschichte nannte. Wie war es wirklich ? Wie brüchig war die Mauer, bevor sie fiel ? Und wieviele – auch in anderen Ländern des ehemaligen Ostblocks – hatten sie in all den Jahren zuvor untergraben ?

“Transit ’89. Danzig-Leipzig-Bukarest” – zeigte Dokumentarfilme über die Ereignisse vor und nach dem Mauerfall auf dem Film-Festival DOK Leipzig. Sind die Originialaufnahmen pure “Ostalgie”, ein nostalgischer Blick auf die Vergangenheit in der ehemaligen DDR? Dazu Grit Lemke, Kuratorin des “Transit 89”-Programms. Sie ist Leipzigerin und hat die Montagsdemonstrationen vor 20 Jahren selbst erlebt: “Ne, gerade bei den Filmen geht es gar nicht um “Ostalgie”. Das Programm heißt ja “Transit” – das ist eine Phase des Übergangs, die es ja tatsächlich gab, eine Zeit der Utopie, wo alles möglich war. Ich glaube auch, dass Ostalgie eher missverstanden wird. Sehnsucht nach der DDR – ich kenne niemand, der die wirklich hat. Aber ich glaube, dass sich viele gern zurückerinnern an diese Phase, in der man dachte, dass eine andere Gesellschaft möglich ist. Und die Sehnsucht danach schüren diese Filme natürlich, weil die genau zeigen – einerseits die Aufgeregtheit, auch die Unsicherheit, und negative Gefühle, die damit verbunden waren – auch Trauer, aber auch einen Aufbruch, den es eigentlich jetzt gar nicht mehr gibt in der Gesellschaft. In Polen blies der Wind des Wandels lange vor dem Herbst `89. Das weckte bei vielen DDR-Bürgern große Hoffnungen. Woran sich heute nur wenige erinnern: Die Massenflucht, die die DDR erschütterte, ging nicht nur Richtung Budapest und Prag, sondern auch nach Warschau. Menschen liefen tagelang zu Fuss und schwammen durch die Neiße, um bei der deutschen Botschaft in der polnischen Hauptstadt um Asyl zu bitten – wie dieser Dokumentarfilm “Exit” aus dem Jahr 1990 zeigt. Welche Gedanken gehen der Programm-Kuratorin durch den Kopf, wenn sie diese Bilder sieht, die vor zwei Jahrzehnten entstanden ? Grit Lemke: “Na ja in erster Linie empfindet man, glaub ich, dass diese Filme zum Beispiel im Fernsehen nicht gelaufen sind in diesem Jahr, sondern dass eher sekundäre Bilder produziert werden über den Wandel vor 20 Jahren. Komischerweise sind die Filme, die authentische Bilder haben und vor 20 Jahren gedreht wurden, eigentlich nirgendwo zu sehen. Und diese Authentizität, die teilt sich schon mit. Die ist auch auch nicht durch Dokudramen zu ersetzen. Das war auch hier während des Programms zu spüren, dass es eine ganz andere Unmittelbarkeit hat, wenn man in den Ereignissen drin ist. Der Filmemacher ist involviert, ist Teil des Ganzen und das erzeugt eine ganz andere Ästhetik und Unmittelbarkeit.” Zum Beispiel die Bilder in “Workers ’80” von den Geburtsstunden der Gewerkschaft Solodarinosc im Jahr 1980 – vom jungen Lech Walesa, Streikführer auf der Danziger Lenin-Werft. Die Filmemacher sind dabei, wenn sich die Streikenden versammeln, wenn Broschüren gedruckt werden, wenn erbittert mit hochrangigen Parteifunktionären gestritten wird. Warum waren diese Originalaufnahmen kaum im Fernsehen zu sehen, als man 20 Jahre Mauerfall und Ende des Kommunismus feierte? Grit Lemke: “Das hat, glaub ich, mit Deutungshoheit zu tun, dass man vielleicht Geschichte anders schreiben kann nach 20 Jahren. In einem Symposium hat einer der Redner dazu gesagt:`Nach 20 Jahren kann man endlich so lügen, wie es einem passt.` Natürlich wird die Geschichte jetzt auf einmal ganz anders geschrieben – auf einmal ist sie voll von Helden, jeder war ein Held damals – das wird jetzt alles noch mal neu interpretiert. Und da wäre es ja eigentlich hinderlich, wenn man sich jetzt die authentischen Bilder anguckt.” Im offiziellen Sprachgebrauch heissen die Ereignisse von 1989 in Deutschland “friedliche Revolution”. Dabei wird leicht vergessen, dass die Wende nicht in allen ehemaligen kommunistischen Ländern ohne Blutvergießen möglich war. Der Dokumentarfilm “Timisoara, December 1989” rekonstruiert die blutigen Proteste, die das System in Rumänien zusammenbrechen liessen. Eine düstere, surreale, körnige Momentaufnahme der rumänischen Geschichte in Schwarz-Weiß über den Augenblick, als jeder Einzelne sich entscheiden musste. Ohne zu wissen, wie die Geschichte über ihn oder sie urteilen würde. Ohne den Preis der Freiheit zu kennen.