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Minarette - ja oder nein?

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Minarette - ja oder nein?

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Für diese Ausgabe von Agora reisen wir in die alemanische Schweiz, nach Muri. Wahrzeichen der Stadt ist das fast tausend Jahre alte Benediktinerkloster.

Am 29. November sind die Schweizer dazu aufgerufen für oder gegen das Bauverbot von Minaretten zu stimmen. Der Minarettstreit wirft viele Fragen auf, es geht nicht nur um die Türme sondern auch um Integration und Religionsfreiheit. Die Intiative zum Minarett-Verbot kommt von der SVP, der “Schweizerischen Volkspartei”, sie zählt zu den rechtspopulistischen Parteien Europas. In Muri, im Hotel Ochsen fand eine öffentliche Debatte zwischen Ulrich Schlüer und Yahaya Hassan Bajwa statt. Schlüer ist Mitglied des Nationalrats und gehört der “Schweizerischen Volkspartei” an. Der Schweizer Muslim Bajwa ist im Vorstand der Grünen. Schlüer: “Das Minarett ist bekanntlich vom derzeitigen türkischen Premierminister Erdogan auch schon als Bajonett bezeichnet worden. Er hat ja einmal diesen Dichter zitiert, wonach die Kuppeln der Moscheen die Helme seien, die Minarette die Bajonette und die Gläubigen seien die Soldaten! Das ist nicht eben ein friedliches Bild. Und das weist darauf hin, dass es um politische Machtansprüche geht, dass es um den Willen geht, etwas an der Demokratie vorbei hier Schritt für Schritt zu etablieren: nämlich die Scharia! Und das lassen wir nicht zu!” Bajwa: “Andererseits dürfen wir auch nicht vergessen, gerade Herr Erdogan hat davon gesprochen, als es einen Anschlag in der Türkei gab, dass alle drei Buchreligionen, das heißt Judentum, Christentum und auch der Islam gemeinsam gegen Terrorismus kämpfen müssen, denn Terrorismus hat mit Religion nichts zu tun!” Schlüer: “Der Islam ist einerseits Religion, – aber auf der anderen Seite verordnet er seinen Gläubigen ein gesellschaftliches Verhalten, eine gesetzliche Ordnung, die als Scharia bezeichnet, in wesentlichen Bereichen in diametralem Gegensatz steht zum Recht, das in unserem Land, in der Schweiz, existiert.” Bajwa: “Ich war in einer geheimen Spezialeinheit tätig, als Schweizer natürlich, aber auch als Muslim. Ich bin bereit an der Front zu sterben für mein Schweizervolk, Herr Schlüer, ich bin auch bereit an der Front zu sterben für die Schweizer Rechtsordnung, Herr Schlüer. Ich bin bereit an der Front zu sterben für ihre Meinungsfreiheit, Herr Schlüer, damit Sie hier ihre Behauptungen sagen dürfen. Ich bin aber auch bereit mich für die Religionsfreiheit, die mir das Schweizer Recht gegeben hat, einzusetzen, die sie mir nun wegnehmen wollen. Heute und hier geht es um eine Kriegserklärung von den Initianten gegen die Minarette, gegen die Muslime in der Schweiz. Das Minarett ist eine Projektionsfläche von diffusen Ängsten in der Schweizer Gesellschaft.” Schlüer: “Wir haben rund 17.000 Zwangsehen in unserem Land, also 17.000 Frauen, die gezwungen wurden, jemanden zu heiraten, den sie freiwillig nicht geheiratet hätten. Das widerspricht in jeder Beziehung dem Schweizer Recht, das darf es in der Schweiz nicht geben. Wir haben eine wachsende Zahl von Beschneidungen, von Beschneidungen von jungen Frauen, meine Damen und Herren, das steht im Widerspruch zu Schweizer Recht”. Bajwa: “Ich bin genauso wie sie gegen Zwangsheirat, auch als Muslim. Ich bin gegen die Beschneidung, auch als Muslim, aber auch als Schweizer Bürger. Also da könnten wir sicher vieles gemeinsam machen, vorausgesetzt, sie würden auch einmal in den interreligiösen Dialog eintreten. Minarett kann auch ein ganz anderes Symbol sein, nämlich der Offenheit der Schweizerischen Gesellschaft, Minarett kann auch bedeuten das Heraustreten, das Sichtbarwerden von Muslimen die schon längst wie schon immer wieder gesagt wird, in der Schweiz angekommen sind. Minarett kann auch bedeuten: sich versöhnen, sich verständigen, Anerkennen des anderen.” Schlüer: “Der Europäische Menschengerichtshof hat festgehalten: das christliche Kreuz darf in Zukunft in keinem öffentlichen Gebäude, in keinem öffentlichen Saal mehr aufgehängt werden. Es hat dort zu verschwinden. Der Europäische Menschengerichtshof wird aber auch als Zeuge dafür angegeben, dass wir nichts zu sagen hätten zu Minaretten. das Kreuz muss weg, die Minarette haben wir zu akzeptieren. Ich habe den Eindruck, daran kann man sehen, wie weit und tief uns dieses Islamismusproblem bereits betrifft.” Bajwa: “Die ersten Kirchen waren in Katakomben, da hat es keine Kirchtürme gegeben. Die erste Moscheen, zum Beispiel die Kabaa in Mekka, da gab es anfangs keine Minarette, die wurden nachträglich rundherum gebaut. Also von dem her ist es nicht unbedingt nötig, dass man ein Minarett zu einer Moschee baut, genauso nötig oder unnötig wie es einen Kirchturm für eine Kirche benötigt. Warum ich denke warum es keine Verbots-Initiative braucht: es braucht nicht ein Gesetz das sagt: Minarette sind verboten weil es nur eine Religionsgruppe rausholt. Das haben wir in Europa schon einmal erlebt!” Schlüer: “Wir wollen keine Zwangsehen, wir wollen keine Beschneidungen, wir wollen keine Steinigungen und alles was dazu gehört und wir unterscheiden auf den Friedhöfen zwischen reinen und unreinen. Das ist unsere Rechtsordnung. Und ein Symbol, das eine andere Rechtsordnung einführen will, müssen wir dann zurückweisen wenn wir noch können. Wir haben jetzt, meine Damen und Herren, vier Minarette. Vier, da können sie noch etwas machen. In Berlin, in Paris, in London haben Sie ganze Stadtteile wo eine andere Welt existiert, mit anderem Recht, anderen Sitten, anderer Ordnung. Das können sie nicht mehr korrigieren. Also wenn Sie sagen, wir warten jetzt mal bis wir hundert oder zweihundert Minarette haben, dann werden Sie es nicht mehr korrigieren können.” Bajwa: “Sehen Sie, es geht um den sozialen Frieden innerhalb der Schweizer Gesellschaft. Ich würde Ihre Initiative mitunterschreiben, wenn Sie mir garantieren können, dass damit sämtliche Probleme mit Muslimen die man in der Schweiz hat ausradieren kann. Dann bin ich und auch alle anderen Muslime sofort bereit mitzumachen. Sie machen aus etwas was kein Problem ist ein Problem. Wenn Sie mir beweisen können, dass mit dem Verschwinden der Minarette die Probleme verschwinden, dann werde ich noch heute Ihre Initiative unterstützen.”