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Rosario Crocetta: "Europa duldet die Mafia neben sich"

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Rosario Crocetta: "Europa duldet die Mafia neben sich"

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Seit sechs Jahren lebt der Europa-Abgeordnete Rosario Crocetta unter Polizeischutz – seit die Mafia ihm 2003 nach dem Leben trachtete. Damals war er Bürgermeister von Gela, einer Kleinstadt auf Sizilien. Dort hatte er einen Verein gegen Schutzgelderpressung gegründet, was den Bossen der Cosa Nostra natürlich nicht passte. Sie beschlossen, ihn zu töten. Seitdem wachen vier Polizisten Tag und Nacht über das Leben von Crocetta. Er selbst ist nur noch im gepanzerten Wagen unterwegs. Im Juni wurde Crocetta ins Europäische Parlament gewählt. Die Arbeit als Europaabgeordneter könnte ihn allerdings das Leben kosten, denn Belgien verweigert ihm den staatlichen Polizeischutz. Crocetta verhandelt noch darüber – auf sein Mandat will er nicht verzichten. Mit Crocetta sprach euronews-Reporterin Maria-Cecilia Cacciotto.
 
EN: In Italien stehen Sie unter Schutz; in Europa wird Ihnen dieser Schutz verweigert. Haben Sie den Eindruck, dass Europa die Angelegenheit egal ist, oder ist Ihr Fall sinnbildlich für die Anomalien dieses vereinten Europa?
 
Crocetta: Ich denke nicht, dass Europa sich über mich lustig macht und ich will mich auch nicht über die belgischen Behörden beklagen. Ich stehe den Institutionen loyal gegenüber und deshalb würde ich mir das nicht erlauben. Ich kann verstehen, dass sie einen anderen Standpunkt haben als ich. Mein Problem ist aber, dass ich von der Cosa Nostra zum Tode verurteilt wurde. Die Cosa Nostra ist eine kriminelle Organisation, die seit 1860 existiert und niemals zerschlagen wurde. Ich bin nicht Zielscheibe einer kleinen lokalen kriminellen Vereinigung, sondern einer Organisation mit einer gewaltigen Struktur, die in Sizilien immer noch sehr mächtig ist und Verbindungen zu anderen Mafia-Organisationen in Italien und im Ausland hat. Sie verfügt über ein internationales Netz und kann folglich in Belgien wie in Kolumbien zuschlagen.
 
EN: Warum genau hat die Cosa Nostra das Todesurteil über Sie verhängt?
 
Crocetta: Das hat mehrere Gründe. Ich habe angefangen, mich den Interessen der Mafia in den Weg zu stellen – der Mafia, die unerlaubte Geschäfte in Rahmen eines illegalen Systems macht, aber auch der Mafia, die legale Geschäfte in illegalem Rahmen macht.
 
EN: Wie haben Sie das gemacht?
 
Crocetta: In Gela wurde 1993 der Unternehmer Gaetano Giordano umgebracht, nach dem wir unsere Anti-Schutzgeld-Vereinigung benannt haben. Die Entscheidung, ihn umzubringen, war von den Mafiabossen völlig willkürlich getroffen worden. Sie wollten einfach einer Gruppe von Unternehmern eine Lehre erteilen, die die Manöver der Mafia angeprangert hatte. Und so wurde Giordano getötet.
Deshalb war es schwierig, die Unternehmer nach diesem Schock für die Zusammenarbeit mit unserem Verein zu gewinnen. Ich habe mit fünf Personen angefangen, wir haben uns über Monate im Kommissariat getroffen. Nach einem Jahr waren wir 15 Unternehmer, die Klage einreichten. So hat die Revolte angefangen. Aber all das war nur möglich, weil die Bürger hier gesehen haben, dass ich seriös bin, dass ich nicht ein Politiker bin, der bloß schöne Reden schwingt. 
 
EN: Sie haben eine Mitarbeiterin der Stadtverwaltung entlassen, weil sie mit einem Mafiaboss verheiratet war. Haben Sie in dem Moment nicht an die Konsequenzen gedacht?
 
Crocetta: Das war nicht nur ein Mafiaboss, das war einer der bedeutendsten Chefs der Cosa Nostra in Sizilien, einer der meistgesuchten und gefährlichsten Mafiosi in ganz Italien. Natürlich hatte ich Angst und ich habe viel darüber nachgedacht. Ich wusste, dass diese Entscheidung das Todesurteil für mich bedeuten würde, aber ich musste es tun, denn es war die richtige Entscheidung.
 
EN: Die Mafia ist nicht nur ein italienisches Phänomen. Ist Europa die internationale Rolle der Mafia wirklich bewusst?
 
Crocetta: Europa unterschätzt das Problem der Mafia. Ein Beispiel: Im Dezember 2003 haben wir ein Telefonat abgehört und dadurch von den Vorbereitungen für ein Attentat auf mich erfahren. Es war ein Gespräch zwischen einem Unternehmer, der der Mafia von Gela nahesteht, und einem anderen Unternehmer aus Litauen. Bei diesem Gespräch ging es um ein Treffen, das im Dezember 2003 stattfinden sollte, ich glaube es war ein europäisches Gipfeltreffen, das ihnen erlauben würde, wichtige Geschäfte zu machen. Ich habe das geprüft und tatsächlich haben die europäischen Staats- und Regierungschefs bei diesem Treffen den Beitritt Litauens beschlossen.
 
EN: Was schlagen Sie als Europaabgeordneter vor?
 
Crocetta: Vom ersten Tag an habe ich im Parlament die Schaffung eines Antimafia-Ausschusses angeregt. Ich denke auch, dass man eine Untersuchung über Geldwäsche starten und außerdem alle Vereinigungen unterstützen sollte, die für Bürgerrechte und Freiheit und gegen alle Mafiaorganisationen kämpfen. 
 
EN: Heute weiß man, das der italienische Staat früher mit der Mafia verhandelt hat. War es Ihrer Meinung nach legitim, am Ende mit der Cosa Nostra zu reden?
 
Crocetta: Absolut nicht! Das war eine dramatische Phase in der Geschichte unseres Staates. Es gab auch andere Phasen, in denen der Staat die Cosa Nostra neben sich geduldet hat. Warum ist die Cosa Nostra die einzige internationale Organisation, die bis heute nicht zerschlagen wurde? Die Antwort ist ganz einfach: Weil ein Teil der Institutionen die Existenz der Cosa Nostra hingenommen und sie sogar verteidigt hat. Ich denke, dass Europa heute wieder diese Haltung gegenüber der Cosa Nostra einnimmt. Ich sage nicht, dass Europa dabei ist, mit der Mafia zu verhandeln, aber es ignoriert sie und dadurch duldet es sie neben sich. Das ist ein schwerer Fehler, derselbe Fehler, den Italien begangen hat. Zum Beispiel hat die EU keine spezifischen Gesetze gegen mafiöse Strukturen erlassen.
  
EN: 2003, als die Polizei Ihnen mitteilte, dass sie einen Anschlag auf Sie vereitelt hat, haben Sie zuallerst an Ihre Mutter gedacht…
  
Crocetta: Meine Mutter hat immer gesagt: “Besser arm, aber ehrlich”. Sie unterstützt meine Entscheidung. Sie ist schon alt, aber sie lebt nicht mit mir zusammen, denn dadurch würde ich auch ihr Leben in Gefahr bringen. 
 
EN: Wer wird am Ende gewinnen? Sie, das ehrliche Sizilien, oder…?
 
Crocetta: Ich hoffe, dass das ehrliche Sizilien gewinnen wird, aber das ist nicht nur ein sizilianischer Kampf, denn das Geld der Mafia findet sich in Luxemburg, in Belgien, in anderen Ländern. Wenn wir es nicht schaffen, sie finanziell zu treffen, werden wir nicht gewinnen.