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Guterres gegen "Mauern in den Köpfen"

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Guterres gegen "Mauern in den Köpfen"

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Antonio Guterres ist Hochkommissar für Flüchtlinge der Vereinten Nationen. Seit Juni 2005 bekleidet der Portugiese dieses Amt. Früher war er Ministerpräsident in Portugal: Damals ging es ihm um das Wohl der zehn Millionen Portugiesen, heute stehen für den 60-Jährigen 42 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene im Mittelpunkt seiner Arbeit. 6000 EU-Angestellte arbeiten für und mit ihm in 115 Ländern. Euronews hat mit Antonio Guterres gesprochen.

EN: Im vergangenen Jahr konnten 17 Prozent weniger Flüchtlinge in ihre Heimat zurückkehren. Wie erklären Sie sich diese Zahl?

Guterres: Diese Zahl bezieht sich auf politische Flüchtlinge, auf Menschen, die ihr Land wegen der politischen Konflikte dort verließen. Was wir beobachten mussten, ist, dass sich viele dieser Konflikte im vergangenen Jahr nicht bewegt haben, dass sie nicht weniger geworden sind, so wie wir es erhofft hatten. Im vergangenen Jahr mussten viele große Rückkehraktionen zurückgefahren werden, denn in etlichen Ländern wie etwa Afghanistan steigt die Gewalt wieder an. Der Osten des Kongo ist sehr instabil, im Süden des Sudan toben ethnische Konflikte. Daher die geringere Zahl an Flüchtlingen, die heimkehren konnten. Aber wir konnten trotz allem 600.000 Menschen helfen. Die Rückkehraktionen sind sehr wichtig, denn die meisten Flüchtlinge wollen heim. Diese Vorstellung, dass sie einfach nur in ein reiches Land wollen, ist falsch. Die Mehrheit der Flüchtlinge will so schnell es geht nach Hause. Und wie ich schon sagte, vergangenes Jahr konnten wir eben nur 600.000 zurückführen. Das ist die niedrigste Zahl in zehn Jahren.

EN: Im Sommer forderten Sie Millionen für die Flüchtlinge in Pakistan. Sie warfen der internationalen Gemeinschaft vor, sich mehr um die Banken zu kümmern als um die humanitäre Krise dort. Kann es die Welt sich leisten, die Krise in Pakistan zu ignorieren?

Guterres: Die Welt ignoriert die Krise in Pakistan nicht. Die internationale Gemeinschaft unterstützt unsere Arbeit dort. Aber seien wir ehrlich: Wenn Trillionen in so kurzer Zeit locker gemacht werden konnten, um den Banken unter die Arme zu greifen, dann kann es doch nicht so schwer sein, Millionen – wir sprechen hier von einer viel kleineren Größenordnung – für die dramatischen, humanitären Herausforderungen bereitzustellen.

EN: Eine Reihe von Inseln ist bedroht, zum Beispiel die Malediven und Inseln im Pazifik. Was kommt da auf Sie zu?

Guterres: Der Klimawandel beschleunigt jene Faktoren, die Menschen zu Flüchtlingen machen. Es ist besonders dramatisch, dass tatsächlich bestimmte Inseln völlig verschwinden können, auch wenn das keine enorme Zahl von Menschen betrifft. Dies wird zum Problem der Staatenlosigkeit der dortigen Bevölkerung führen. Es gehört zu meiner Aufgabe, Staatenlosigkeit um jeden Preis zu verhindern. Jeder Mensch hat das Recht auf eine Nationalität, aber das Problem ist komplexer. Ich glaube, eine Nationalität für die Menschen zu finden, die ihre versinkende Insel verlassen müssen, ist die kleinste Schwierigkeit. Darum geht es eigentlich gar nicht. Aber wenn eine Insel verschwindet, verschwindet nicht nur der Staat, sondern mit ihm eine Kultur, eine Identität. Diese Werte gilt es zu erhalten. Die internationale Gemeinschaft muss sich diesem Problem stellen. Was tun wir, wenn es wirklich so weit kommt, dass diesen Menschen quasi der Boden unter den Füßen wegbricht? Was tun wir außer ihnen vielleicht einen neuen Pass anzubieten? Was tun wir, um ihre Identität und ihre Zukunft zu schützen?

EN: Beim Klimagipfel in Kopenhagen geht es hauptsächlich um Kohlendioxid-Emissionen. Ist dieser Schwerpunkt richtig?

Guterres: Die Emissionen herunterzufahren ist sehr wichtig, aber es wird nicht genügen. Denn heute schon zeigt der Klimawandel seine verheerendsten Auswirkungen in jenen Ländern, die am zerbrechlichsten sind. Viele arme Länder haben Gesellschaftssysteme, die anfällig für Konflikte verschiedenster Art sind. Sie trifft der Klimawandel am härtesten. Verhandeln ist gut, Emissionen senken ist gut, aber es ist nicht genug. Auf die Probleme dieser Länder muss speziell eingegangen werden, damit sie die Unterstützung bekommen, die sie brauchen, damit sie selbst Maßnahmen gegen den Klimawandel ergreifen können. Das muss jetzt geschehen. Leider haben das viele noch nicht begriffen, und dem Problem wird nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt.

EN: Was kann Europa da tun?

Guterres: Europa steht sowieso schon an der Spitze, wenn es darum geht, sich seiner Verantwortung zu stellen. Ich hoffe, dass Europa auch bei den Verhandlungsabschlüsssen eine treibende Rolle spielen kann.

EN: Viele befürchten, dass Kopenhagen scheitert. Was sollte unsere Botschaft im Namen der Flüchtlinge an die Politiker dort sein?

Guterres: Die Botschaft ist klar: Wenn die Spitzenpolitiker dieser Welt sich nicht auf eine Vereinbarung einigen können, dann müssen sie zumindest versprechen, dass sie alles tun werden, um in den nächsten Monaten eine Einigung zu erzielen. Wenn nicht, laufen wir alle in eine Katastrophe hinein und das wäre unverzeihlich.

EN: Es ist offensichtlich, dass die europäischen Mittelmeerländer ein enormes Flüchtlingsproblem haben. Wo sehen Sie Europas Antwort darauf? Haben Sie Vorschläge, wie die Situation entschärft werden könnte?

Guterres: Europa sollte sich als Ganzes zeigen und versuchen, die Asylpolitik der einzelnen Länder zu koordinieren. Die Last sollte eine geteilte Last sein. Momentan ist zu beobachten, dass der Druck auf Malta oder auf Griechenland größer ist als beispielsweise auf Portugal. Europa sollte sich gemeinsam dem Schutz der Flüchtlinge verpflichtet fühlen. Es sollte Solidarität zwischen den Ländern, die den ersten Aufprall abbekommen, und denen in zweiter Reihe geben. Es ist auch wichtig, dass Europa ein Ort für Asylsuchende bleibt, dass es denen, die Schutz suchen, sein Territorium öffnet. Natürlich hat ein Land das Recht auf seine eigene Einwanderungspolitik, aber diesem Recht darf nicht das Recht derer zum Opfer fallen, die Schutz suchen. Ein Pfeiler unserer Flüchtlingspolitik ist der Grundsatz des “Non-Refoulements”. Das heißt, niemand darf dorthin zurückgeschickt werden, wo ihm Verfolgung droht.

EN: Was ist für Sie derzeit die schlimmste Krise?

Guterres: Die schlimmste Krise läuft meiner Meinung nach in den Köpfen der Menschen ab. Die Wertschätzung der Toleranz ist in der heutigen Welt nicht mehr gegeben. Ohne Toleranz jedoch ist meine Aufgabe nicht machbar, können Flüchtlinge nicht geschützt werden. Toleranz ermöglicht es, einen Einwanderer menschlich zu behandeln, einem Ausländer Respekt entgegen zu bringen, dem mit Achtung zu begegnen, der anders ist. Doch die Intoleranz wächst. Rassismus und Fremdenfeindlichkeit sind auch in den entwickelten Ländern auf dem Vormarsch. Das schafft ein negatives Umfeld für den Schutz von Flüchtlingen. Wichtiger als die Krisen in bestimmten Regionen dieser Welt, sind die Mauern, die wir in unseren Köpfen errichten.