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Improvisation und Chaos in Haiti

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Improvisation und Chaos in Haiti

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In den Randbezirken der haitianischen Hauptstadt sollen Zelt-Siedlungen für die Obdachlosen entstehen, auch rief die Regierung den Notstand aus. Doch was geschieht konkret vor Ort? Wir sprachen darüber mit unserem Korrespondenten Luis Carballo.

Frage:
Es sieht so aus, als gelange die humanitäre Hilfe endlich tropfenweise zu den Notleidenden. Wegen mangelnder Sicherheit, mangelnder Organisation und einer fehlenden Infrastruktur war das bisher nicht möglich. Stimmt das oder trifft das Gegenteil zu? Sind die Hilfsgüter immer noch auf dem Flughafen blockiert?

Antwort:
Es gibt nach wie vor Koordinierungs- und Sicherheitsprobleme. Wir sind schon seit vier Tagen hier, eine Verbesserung hat es in keinem Bereich gegeben. Auf dem Flughafen türmen sich nach wie vor die Hilfsgüter. Ungelöst ist nach wie vor die Frage der Verteilung, denn noch befindet man sich hier in Phase eins, das heißt in der Phase der Suche nach Überlebenden. Bevor sie nicht abgeschlossen ist, kann man nicht mit der zweiten Phase beginnen, das heißt mit der Wiederherstellung der Häuser. Die Hilfsgüter könnten dann leichter verteilt werden. Das Problem besteht darin, dass die Stadt vollständig zerstört wurde und dass große LKW, mit denen humanitäre Güter transportiert werden, nicht durch die Straßen kommen. Wahr ist aber auch, dass man die Menschen bisher nicht dazu aufgefordert hat, an einem bestimmten Ort zusammenzukommen, um dort Hilfe in Empfang zu nehmen. Es wird improvisiert, was Chaos zur Folge hat.

Frage:
Die Sicherheitsprobleme halten an, Rettungsmannschaften haben beispielsweise zur Zeit Schwierigkeiten, ihre Arbeit zu tun. Ein spanisches Hilfsteam musste die Bergung einer jungen Frau vorübergehend einstellen. Hast Du mit Leuten aus dem Team gesprochen?

Antwort:
Ich habe heute mit Mitgliedern des Teams gesprochen. Es handelt sich um Feuerwehrleute aus der Region Kastilien und Leon, die von diesem Erlebnis in Schrecken versetzt worden sind. Sie waren dabei ein Mädchen lebend aus den Trümmern zu bergen, was so viele Tage nach dem Unglück außergewöhnlich ist. Unvermittelt gab es Übergriffe der lokalen Bevölkerung. Zufällig kamen kanadische Soldaten vorbei, die sofort eingriffen und die Rettungsmannschaft mitnahmen. Die Soldaten sagten den Feuerwehrleuten: ‘Entweder wir retten euch oder ihr rettet das Mädchen.’ Der Bergungsmannschaft blieb nichts anderes übrig, als den Ort zu räumen. Ein Arzt erklärte den Männern später, dass das Opfer selbst im Fall einer Bergung keine Überlebenschancen gehabt hätte.