Eilmeldung

Eilmeldung

Istanbul - Kulturhaupstadt 2010

Sie lesen gerade:

Istanbul - Kulturhaupstadt 2010

Schriftgrösse Aa Aa

“Wir stehen in Europa. Und das da drüben ist Asien …”, sagt der Musiker Mercan Dede, “ der Klang der Boote, zusammen mit den spielenden Kindern…Die ganze Geräuschkulisse ist einfach wunderbar. Die verschiedenen Ebenen, die sich übereinanderlegen und vermischen…alte Geräusche und moderne Klänge…Wolkenkratzer neben schönen, alten Moscheen. Für einen Künstler kann es nichts Inspirierenderes geben, als einen Ort, an dem Gegensätze aufeinander treffen.”

Mercan Dede ist einer der beliebtesten zeitgenössischen Künstler der Türkei.Als Musiker und DJ ist er international bekannt. Sein Potpourri aus traditioneller Musik und elektronischen Klängen begeistert ein erlesenes Publikum.

Seine Band setzt sich aus Musikern aller türkischen Ethnien zusammen. “Konservative Muslime lieben unsere Musik genauso aber auch moderne, urbane Weltbürger, Punks, Leute aus der alternativen Szene- Umweltschützer, Globalisierungsgegner…
Das ist die Grundidee des Sufismus: Die Menschen zu vereinigen, sie zusammen zu bringen. Und jetzt nutzen wir unsere Musik dazu. Nicht nur in der Türkei, sondern weltweit. Musik ist ein wundervolles Instrument, um verschiedene Kulturen und Ideen zusammen zu bringen”, so Dede.

In diesem Jahr ist Istanbul neben der deutschen Stadt Essen und dem ungarischen Pecs eine von drei offiziellen europäischen Kulturhauptstädten.

Eine gute Gelegenheit, die Schlüsselfiguren der modernen, türkischen Kunstszene zu treffen und mit ihnen die kulturellen Besonderheiten dieser Stadt kennen zu lernen.

Bennu Gerede, eine Mode- und Kunstfotografin ist nach zehn Jahren New York nach Istanbul zurückgekehrt. Für sie ist die Stadt eine Quelle der Inspiration. Als alleinerziehende Mutter von vier Kindern hat sie allerdings mit Vorurteilen zu kämpfen:

“Ich finde, viele Menschen hier in Istanbul leben in einer Blase. Viel hier ist einfach nur fake. Die Menschen wollen die Realität nicht sehen.”

In ihrer neuen Ausstellung beschäftigt sich Bennu Gerede mit den Themen Liebe und Ehrenmorde, die oftmals als Selbstmorde abgetan werden. Die Rolle der Frau und ihr Status in der Gesellschaft sind immer wiederkehrende Themen in ihren Werken.

“Es gibt Dinge, die die Menschen nicht wahrhaben wollen, gerade hier in Istanbul oder in der Türkei. Vor einigen Jahren war es noch schlimmer. Mittlerweile fangen die Leute an, sich Gedanken zu machen. Ich glaube, Kunst ist ein sehr guter Weg, um eine Botschaft herüberzubringen.”

Ihre nächste Ausstellung trägt den Titel “Unterwerfung”.

Wird Istanbul als Kulturhauptstadt 2010 seinen zeitgenössischen Künstlern neue Möglichkeiten eröffnen?

Bennu Gerede ist skeptisch: “Viele meiner Freunde haben Bewerbungen eingereicht. Aber keiner von bekam eine positive Antwort oder wurde akzeptiert. Ganz ehrlich: Ich sehe nicht, dass hier irgendetwas Bedeutendes passiert, dass es hier irgendetwas gibt, dass einen hoffen lässt.”

Istanbul 2010 wird knapp 500 Kunstprojekte in der Stadt unterstützen. Außerdem sollen Kulturzentren aufgebaut werden.

Aber ein Großteil des Budgets wird wohl dafür ausgegeben, die alten Kunstschätze zu erhalten.

Bedri Baykam ist einer der bedeutendsten modernen Künstler in Istanbul und einer der politischsten. Er kritisiert die Kulturpolitik der türkischen Regierung: “Wir reden von einer gigantischen, internationalen Show. Wir reden davon, die Türkei zu öffnen, den universellen Wert freier Kunst anzuerkennen. Das ist alles toll! Ich würde gerne ein großes Museum für zeitgenössische Kunst sehen, das der Staat finanziert… Das passiert aber nicht in diesem Land. Es gibt fast 100.000 Moscheen aber kein Museum für moderne Kunst. Gibt es eine andere Statistik, die diese Situation erklären könnte? Ich glaube nicht. Die Situation für viele Künstler und Schriftsteller sieht so aus, dass sie sich fragen müssen: Werde ich verfolgt, wenn ich dieses Bild veröffentliche, riskiere ich mit diesem Buch meine Freiheit?”

Eröffnet im Jahr 2004, ist “Istanbul Modern” das älteste und eines von zwei größtenteils privat finanzierten Museen für zeitgenössisches Kunst in der Stadt.Oya Eczacibasi ist Direktorin des Museums. Sie stammt aus einer alten Dynastie türkischer Industrieller. Ihre Vorfahren waren Chemiker, die für den Sultan arbeiteten.
Sie sagt, es sei ein Verdienst der aktuellen türkischen Regierung, dass dieses Museum im Herzen Istanbuls entstehen konnte.

“Finanziert wurde das Ganze von der Privatwirtschaft. Das ist in den europäischen Ländern anders, aber in den USA funktioniert es genauso. Wir erwarten nicht, dass die Regierung uns noch mehr hilft. Wir sind zufrieden mit dem, was sie uns anbieten”, so Eczacibasi

In diesem Jahr wird das Museum den zeitgenössischen türkischen Künstler Sarki ausstellen, der mittlerweile in Frankreich lebt.

“Viele Künstler leben außerhalb des Landes. Oft sind sie im Ausland auch bekannter als bei uns. Aber Istanbul ist unglaublich kreativ. Man braucht nur zwei oder drei Tage hier zu sein, man wird eine Stadt erleben, die 24-Stunden täglich voller Leben steckt und kreativ ist, sagt
Eczacibasi

Die Reise endet in dem Viertel Beyoglu, im Nachtlebens von Istanbul. Der Club Babylon wurde von der Plattenfirma Pozitf gegründet. Unter ihrem Label “Doublemoon” hat die Firma Mercan Dede und andere Musiker bekannt gemacht.

Weil es keine öffentlichen Gelder zur Unterstützung der Künstler gab, mussten einige talentierte Musiker sich nach kommerzielleren Projekten umsehen.

“Schade”, findet einer der Gründer von Poztif, “es gibt eine große Live-Musik-Szene. Aber ist sie kreativ genug? Wahrscheinlich nicht. Weil die wirklich kreative Musik kann nur dort gespielt werden, wo es nicht zuerst um das Kommerzielle geht.”

Nachdem Potzif mit seinen Fusionen aus türkischer und westlicher Musik den Weltmarkt erobert hat, will die Plattenfirma es jetzt mit traditionellen Klängen versuchen. Aber nicht nur: Potzif träumt auch von ganz neuen Sound-Welten: “Für uns liegt im Westen Europa. Im Osten ist – Chaos. Gleich um die Ecke. Iran und Irak…von dort kommt man nach Indien und Japan.. Wir sind im Zentrum der Welt! Wir können Künstler aus aller Welt miteinander in Verbindung bringen. Sie sollen hier arbeiten und produzieren. Wenn das wirklich passiert – das wäre revolutionär”