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Kann Afrika Haiti helfen?

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Kann Afrika Haiti helfen?

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Beim Weltklima-Gipfel in Kopenhagen warf der senegalesische Präsident Abdoulaye Wade den Industriestaaten vor, leere Versprechungen zu machen, während Afrika große Projekte vorantreibe. Wade wünscht sich ein starkes, solidarisches Afrika. Kurz nach dem Erdbeben in Haiti schlug Wade vor, dass der afrikanische Kontinent, den die Haitianer von heute einst verließen, erneut ihre Heimat werden könnte. Darüber sowie über die Armut und die politische Instabilität in Afrika sprach euronews mit dem Staatschef des Senegal.

EN: Vor rund einem Monat haben Sie in Kopenhagen gegenüber dem Westen kein Blatt vor den Mund genommen. Sie sagten, westliche Politiker würden ihre Versprechen nicht halten. Manchen Experten zufolge war Kopenhagen ein Misserfolg. Sind Sie Wochen später immer noch verärgert?

Wade: Als ich in Kopenhagen wieder von Geldzusagen hörte, sagte ich mir, dass wir nur Zeit verlieren. An diesem Punkt hatte ich das Gefühl, dass die Industriestaaten von etwas Gebrauch machen, was ich als “Strategie der Versprechungen” bezeichnen würde. Das bedeutet, man macht Versprechungen und dann erneut Versprechungen, damit die bereits gemachten wieder vergessen werden können. Damit sollte Schluss gemacht werden. Wir müssen neue Wege, eine neue Sprache finden.

EN: Was meinen Sie damit konkret?

Wade: Man darf nicht immer nur Geld verlangen, schon allein darum, weil es niemand hergeben wird. Gelder werden in Form von Hilfsprojekten zur Verfügung gestellt. Ich bin der Meinung, dass wir uns in Afrika künftig neuer Methoden bedienen, dass wir die Dinge beim Namen nennen müssen. Das betrifft beispielsweise das Projekt eines Atlantik-Schutzgürtels gegen die Erosion, die die Küsten von Casablanca bis zum Golf von Guinea bedroht. Niemand hat etwas getan. Wir haben Palmen gepflanzt, doch die Fluten tragen alles fort. Im Senegal haben wir einen zwei Kilometer langen und vierzig Zentimeter breiten Schutzwall errichtet, der für das Wasser undurchdringlich ist.
Im Rahmen der Partnerschaft für die Entwicklung Afrikas koordiniere ich Umweltprojekte. Wir haben mit der Errichtung der Großen Grünen Mauer begonnen, die 7000 Kilometer lang und fünfzehn Kilometer breit werden und von Dakar bis Dschibuti reichen soll. Diese Grüne Mauer dient der ganzen Menschheit, denn sie verhindert, dass sich die Wüste ausbreitet. Wir Afrikaner müssen mit unseren bescheidenen Mitteln den Anfang machen. Der Senegal hat begonnen, doch allein können wir die 7000 Kilometer nicht errichten. Doch Mali hat auch begonnen, der Tschad ebenfalls. Natürlich werden sich die Leute aus dem Westen einfinden, doch das ist wie ein Arzt, der erst nach dem Tod des Patienten eintrifft. Alles geht zu langsam. Dahinter ist keine böse Absicht. Die EU tut sich schwer, wenn es darum geht, einzugreifen. Zwar haben sich die Dinge etwas vereinfacht, trotzdem ist es so. Ich freue mich über die schnelle Reaktion der EU in Haiti.

EN: Sollte der afrikanische Kontinent angesichts solcher Ereignisse ebenfalls etwas tun?

Wade: Auf jeden Fall. Es schmerzt, das Leid dieses Landes zu sehen, das immer wieder Opfer von Naturkatastrophen wird. Wir sollten eine radikale Lösung ins Auge fassen. Ich gehe sogar so weit zu sagen, dass ein Teil der Menschen nach Afrika umgesiedelt werden könnten, selbstverständlich mit dem Einverständnis der Bevölkerung Haitis. Präsident Préval ist ein Freund und weiß, dass dieses Angebot großzügig gemeint ist. Eine solche Neuansiedlung fände nicht zum ersten Mal statt. In Liberia wurden amerikanische Afrikaner angesiedelt und heute handelt es sich um eine Bevölkerung, die sich in die Bevölkerungen Afrikas integriert hat. Immerhin sind es die Nachfahren von Menschen, die aus Afrika stammen und nach Amerika verschleppt wurden. Es geht nur darum, jene umzusiedeln, die es wünschen, darum, in Afrika ein Territorium zu finden und die internationale Gemeinschaft dafür zu gewinnen, dass sie bei der Schaffung einer Stadt oder eines Staates hilft. Israel wurde in der Wüste errichtet, Palästina ebenfalls. Man hat Menschen umgesiedelt, die heute ein Land aufbauen.

EN: Glauben Sie, dass der afrikanische Kontinent diese Menschen integrieren können, während manche nur daran denken, aus Afrika zu flüchten? Haben afrikanische Staaten überhaupt die Mittel, Menschen aufzunehmen?

Wade: Man muss die Geschichte Afrikas kennen. Da darf man nichts durcheinanderbringen. Afrika blickt auf fünf Jahrhunderte Sklaverei und zwei Jahrhunderte Kolonisierung zurück. Das bedeutet Enteignungen und dass man die Menschen mit Gewalt an der Machtausübung hinderte. Wenn man heute von der Armut in Afrika spricht, sollte man wissen, dass es nicht möglich ist, sich mit den Armen zu beschäftigen, wenn man die Macht anstrebt. Und Afrika ist auf der ständigen Suche nach der Macht.

EN: Im Zusammenhang mit der Machtfrage: Wie ist ihre Meinung zur Krise in Guinea? In einem Bericht der Vereinten Nationen ist von Verbrechen gegen die Menschlichkeit die Rede, die Ende September in einem Stadion der Hauptstadt Conakry begangen wurden. Sie haben sich in dieser Angelegenheit engagiert. Was erwarten Sie für die Zukunft Guineas?

Wade: Ich habe Daddis Camara, der täglich meinen Rat suchte, im vergangenen Jahr dazu gedrängt, zu gehen. Wir hatten für den 27. November Wahlen festgelegt. Er sollte vorher das Amt aufgeben, ich habe die Gefahr kommen sehen.

EN: Steht Guinea am Rande eines Bürgerkriegs?

Wade: Natürlich. Leider sind die Konfrontationen in Guinea jedes Mal sehr heftig.

EN: Was meinen Sie dazu, dass es in dem UN-Bericht heißt, Camara müsse vor ein internationales Gericht gestellt werden?

Wade: Ich bin Jurist. Ich fordere, dass das Prinzip der Unschuldsvermutung respektiert wird. Die Schuldigen müssen jedoch bestraft und die Verbrechen geahndet werden. Mehr als 180 Menschen wurden getötet, über 100 Frauen vergewaltigt. Das darf nicht ohne Folgen bleiben.