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Ein Tenor und seine Stimme

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Ein Tenor und seine Stimme

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“Der düsterste und leidenschaftlichste Don Jose seit Jahrzehnten”: Die Kritiker waren voll des Lobes für den deutschen Tenor Jonas Kaufmann nach seiner Glanzleistung als Don Jose in “Carmen” im Londoner Covent Garden. Der Opernsänger hat lange gebraucht, um seine natürliche Stimme zu finden, aber wie er selbst sagt hat sich die Arbeit gelohnt: “Die Stimme ist für mich das schönste Instrument der Welt, es ist nichts dazwischen, sie kommt direkt aus dem Körper, aus den Gefühlen hinaus in die Welt.”

Kaufmann hatte vor kurzem Premiere in der Titelrolle von Jules Massenets “Werther” an der Pariser Bastille-Oper. Heute beherrscht er seine Stimme bis hin zur Perfektion, aber das war nicht immer so. Zu Beginn seiner Karriere brachten ihn schlechte Ratschläge fast um sein Talent. “Nach meinem ersten Jahr und meinem ersten Vertrag verlor ich meine Stimme”, erinnert er sich. “Ich konnte nicht mehr singen, nicht einmal die leichtesten, einfachsten Sachen.” Der Alptraum eines jeden Sängers: “Es ist furchteinflössend, auf der Bühne zu stehen und zu merken, dass mit jedem Satz, den man singt, die Stimme schwächer wird, und dass man binnen zehn Minuten nicht einmal mehr reden kann.”

Schon in jungen Jahren hatte der Tenor Schwierigkeiten mit seiner Stimme. Das lag nicht zuletzt an den Anforderungen, die an ihn gestellt wurden: “Von einem jungen deutschen Sänger werden ganz bestimmte Töne erwartet. Ich sang immer weniger weil mir alle sagten ‘sei leise, ganz sanft, lass deine Stimme in Ruhe, mach nicht zu viel’. Am Ende hatte ich gar keine Stimme mehr. Doch dann lernte ich einen Lehrer kennen, der mir einen guten Rat gab: ‘Mach einfach den Mund auf, lass es raus und sing mit deiner vollen Stimme’.”

Kontrolle über die Stimme zu haben ist das eine, aber große Opernsänger müssen auch in der Lage sein, die Figuren zu verkörpern. Darin ist Kaufmann ein Meister, da er bei seinem Gesang auf die eigenen Gefühle zurückgreift: “Ab einem gewissem Punkt fühlt man überwältigende Freude, großartiges Heldentum oder totale Zerstörung, und während man für das Publikum singt, geht man in sich und sieht seine eigene Seele. Das kann erschreckend sein, denn es bedeutet ja, dass all diese Gefühle und Gedanken in einem sind.” Doch wenn der Vorhang fällt ist der Spuk vorbei: “Sobald ich die Bühne verlasse, kann ich Gott sei Dank abschalten, und dann werde ich wieder Jonas Kaufmann.”