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Jean Nouvel: "Mit neuen Technologien kann man besser lügen."

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Jean Nouvel: "Mit neuen Technologien kann man besser lügen."

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Der französische Architekt Jean Nouvel war dieses Jahr zu Gast bei der 3-D Messe “Imagina” in Monte Carlo. Nouvel hat an mehr als 200 Projekten weltweit gearbeitet, darunter die Kaufhaus Galerie Lafayette in Berlin und das Konzerthaus in Kopenhagen. Für sein Werk wurde er 2008 mit dem Pritzker Preis ausgezeichnet. Auf der Messe sprach er mit euronews über den Einfluss, den die neuen Technologien auf sein Schaffen haben.

Jean Nouvel: Der Computer hat die Arbeit des Architekten komplett verändert. Heute kann man alles simulieren, sehr viel schneller zeichnen und das Gebäude in seine Einzelteile zerlegen. Es ist möglich jede Verfügung zu überprüfen. Wir haben also neue großartige Möglichkeiten bei der Planung und Umsetzung.

EN: Sie haben einmal gesagt, dass Bilder lügen. Sind sie seit den neuen Technologien weniger verlogen?

Jean Nouvel: Mit den neuen Technologien kann man genauso gut lügen, vielleicht sogar noch besser. Das ist ein Problem der Ethik. Aber es stimmt, dass es immer Lügen gab. Ich sprach damals von trügerischen Perspektiven in einem breiten Winkel, dadurch sehen die Räume drei Mal größer aus, als sie in Wirklichkeit sind. Und vor dem Gebäude stehen Luxus-Karossen, Pin-ups, Bäume und so weiter. Am Ende sieht man nicht mehr die Architektur, sondern nur die Luxussymbole, die mit dem Gebäude verkauft werden. Solche Trugbilder gibt es immer noch, aber mit dem Computer ist es möglich, die Sachen sehr naturgetreu darzustellen, sofern man ethischen Grundsätzen folgt. In der Tat wäre es gut neue Regeln festzulegen, eine Art Ethik-Kodex, mit dem sichergestellt wird, dass das, was man zeigt auch stimmt.

EN: Hätten Sie ein paar Ihrer Werke ohne den Computer nicht verwirklichen können?

Jean Nouvel: Sicher. Es fängt damit an, dass ich ein paar Ideen nicht gehabt hätte, denn der Computer hilft mir oft und erweitert meinen Horizont. Ich arbeite viel mit Licht und ein paar Dinge hätte ich mir ohne den Computer nicht ausdenken können. Und dann gibt es noch die Gebäude, die ich nicht verwirklichen könnte. Momentan arbeite ich beim Louvre in Abu Dhabi an einer großen Kuppel, einer Art Lichschacht. Lichtflecken verschmelzen ineinander, verschwinden und so weiter. Noch vor zehn Jahren wäre das ein riesiges Projekt gewesen, das sich über Jahrhunderte hingezogen hätte. So viel Zeit habe ich nicht. Aber heute schaffe ich es.

EN: Sprechen wir von Ihrem Verhältnis zur Vergangenheit: In einigen Ihrer Werke, zum Beispiel bei der Oper in Lyon, haben Sie Teile der alten Struktur integriert. Was für eine Beziehung hat der Architekt zur Vergangenheit? Wie integriert sich das Neue in das Alte?

Jean Nouvel: Man sollte sich immer der Geschichte bedienen. Was heutzutage am meisten in der zeitgenössischen Architektur fehlt, ist die Verbindung mit der Geschichte und der Geographie. Die Architekten sollten zu dem, was vorher war, eine Beziehung aufbauen und einen Teil der bestehenden Materie nutzen. Viele Meisterwerke sind im Laufe von mehreren Jahrhunderten entstanden.

EN: Werden die Städte von heute in 50 oder 100 Jahren noch stehen? Wie stellen Sie sich die Stadt der Zukunft vor?

Jean Nouvel: Städte sind immer im Wandel. Im 20. Jahrhundert sind viele neue Viertel aus dem Boden geschossen. Viele Gebäude wurden schnell errichtet und einfach hinzugefügt. Die Stadt ist erstarrt. Es ist Zeit, dass Bewegung in die Städte kommt. Durch die Bewegung werden sie komplexer und hoffentlich auch menschlicher. Die Zukunft der Städte ist heute zur Hälfte schon vorhanden. In dem Film “Blade Runner” von Ridley Scott konnte man sehr gut erkennen, wie die Zukunft im Konflikt mit der bestehenden Materie steht, also mit den Gebäuden aus dem letzten Jahrhundert. Aus dieser Beziehung zwischen Vergangenheit und Gegenwart entsteht die Stadt.