Eilmeldung

Eilmeldung

Tschawad-Laridschani: "Der Westen misst mit zweierlei Maß"

Sie lesen gerade:

Tschawad-Laridschani: "Der Westen misst mit zweierlei Maß"

Schriftgrösse Aa Aa

Mohammad Tschawad-Laridschani, der Bruder des iranischen Parlamentspräsident Ali Laridschani, ist der Vorsitzende des iranischen Rats für Menschenrechte, ein Hardliner und enger Vertrauter des Regimes in Teheran. Kritik des UN-Menschenrechtsrats an seinem Land hat er immer zurückgewiesen. euronews hat ihn in Genf getroffen und über Menschenrechtsverletzungen, Foltervorwürfe und internationale Beziehungen befragt.  Das Gespräch führte Mohamed Abdel-Azim.
 
euronews:
Vielerorts wird davon ausgegangen, dass es der Demokratie nicht zuträglich ist, Anhänger der Opposition zu hängen oder ins Gefängnis zu stecken…
 
Mohammad Tschawad-Laridschani:
Niemand wird gehängt, weil er an einer Demonstration der Opposition teilnimmt. Aber unsere Gesetze verbieten Gewalt. Gegen Gewalt gehen wir vor. Ins Gefängnis kommt jemand nur, wenn er Gewalt provoziert, nicht wenn er für die Opposition auf die Straße geht.
 
euronews:
Sind die Demonstranten sogenannte Mohareb, übersetzt “Feinde Gottes”, die einen Krieg gegen Gott führen? 
 
Mohammad Tschawad-Laridschani:
Mohareb haben nichts mit politischem Protest zu tun. Sie billigen Terrorismus als eine Art und Weise gegen die Regierung vorzugehen.
 
euronews:
Sind die Demonstranten denn dann überhaupt Mohareb?
  
Mohammad Tschawad-Laridschani:
Nein. Demonstranten sind Demonstranten.
 
euronews:
Und was ist mit den Oppositionsführern Mir Hussein Mussawi oder Mehdi Karrubi? 
 
Mohammad Tschawad-Laridschani:
Da gibt es noch ganz andere. Warum sprechen Sie von Mohareb, warum verwechseln Sie die Leute, die auf der Straße gegen etwas protestieren, mit den Mohareb, die Gewalt gegen den Staat gutheißen? Das sind zwei völlig verschiedene Gruppen.
 
euronews:
Die Menschenrechte schließen Hinrichtungen aus. Doch vor ein paar Wochen wurden im Iran zwei Menschen hingerichtet. Können Sie etwas zur Position des Regimes diesbezüglich sagen?
 
Mohammad Tschawad-Laridschani:
Diese Hinrichtungen haben mit den Demonstrationen nichts zu tun. Die beiden Personen saßen bereits sieben Monate vor den Wahlen im Gefängnis und waren für den Bombenanschlag auf die Moschee in Sheras verantwortlich, bei dem 20 Menschen getötet wurden.
 
euronews:
Diese beiden, ihre Familien und auch Mitglieder der Opposition sprachen von Folter in iranischen Gefängnissen…
 
Mohammad Tschawad-Laridschani:
Wir sind nicht vollkommen, kein Land ist vollkommen. Aber Folter entspricht nicht unserer Verfassung, dem Islam und der Politik der Regierung.
 
euronews:
Die ganze Welt hat die junge Neda gesehen, die offensichtlich direkt vor einer Kamera starb. Können Sie sich dazu äußern?
 
Mohammad Tschawad-Laridschani:
Ja, Neda Aghasultan. Das war eine grausame Tat. Wir kennen das Ausmaß dieses Verbrechens noch nicht. Die Informationen, die uns vorliegen, deuten darauf hin, dass der Verantwortliche sich in einer europäischen Hauptstadt aufhält und dort gedeckt wird. Wir haben die Auslieferung beantragt und der Antrag wurde abgelehnt.  
 
euronews:
Dieses Video schockierte Millionen Menschen in der westlichen Welt… 
 
Mohammad Tschawad-Laridschani:
Es schockierte auch Millionen Menschen im Iran. Wer ist der Täter? Das ist die große Frage. Und wie konnte es gefilmt werden. Ich kann Ihnen nur soviel sagen: ein Mann reiste in der Nacht vor der Tat in den Iran ein und er flog am nächsten Tag mit dem Film im Gepäck in eine europäische Hauptstadt. Dieser Mann ist die Schlüsselfigur, er weiß Bescheid. Und Großbritannien hat Zugang zu dieser Person. Die Briten sollten diesen Mann verhören. Er ist der Schlüssel für dieses Verbrechen.
 
euronews:
In der westlichen Welt wurde sehr viel über Neda gesprochen. Der Westen wirft dem Iran vor, Oppositionelle ins Gefängnis zu werfen, und das wird ja nun tatsächlich als eine Verletzung der Menschenrechte betrachtet.
 
Mohammad Tschawad-Laridschani:
Wenn jemand Gewalt gutheißt und er deshalb verhaftet wird, ist es keine Verletzung von Menschenrechten. Gewalt muss bestraft werden. Wir erlauben Proteste, aber keine Gewalt.
 
euronews:
Der Westen sieht den Iran aber nicht als demokratisches Land.
 
Mohammad Tschawad-Laridschani:
Der Westen ist sehr egozentrisch und misst mit zweierlei Maß. Ich möchte die Urteilsfähigkeit des Westens hier wirklich in Frage stellen. Uns machen sie Vorwürfe, gleichzeitig halten sie gemütliche Kaffeekränzchen mit Diktatoren ab. Wollen Sie eine Liste der Staatsoberhäupter, von denen ich spreche, die die volle Unterstützung des Westens genießen? Wer auf dieser Liste ist ein Demokrat?
 
euronews:
Nun, der Westen hat seine eigenen Listen. Auf denen finden sich die Namen von Mussawi und Karrubi und von anderen, die im Gefängnis sitzen, wie zum Beispiel frühere Minister.
 
Mohammad Tschawad-Laridschani:
Mussawi und Karrubi sind nicht im Gefängnis. Die Wahlen sind zunächst fantastisch gelaufen. Einmalig. Offen und frei. Es gab Debatten und die Menschen haben sich engagiert. Dann plötzlich, in letzter Minute, wirft Mussawi die demokratischen Regeln über Bord. Er erklärt sich selbst zum Gewinner und ruft seine Anhänger auf die Straße.
 
euronews:
Es gibt Stimmen im Iran und auch außerhalb, ich nenne hier nur die Gruppe Mudschahedin Khalq, die von Unterdrückung im Iran sprechen, von Folter und willkürlichen Festnahmen. Das alles trägt ja nun nicht dazu bei, die iranische Regierung als demokratisch darzustellen.
 
Mohammad Tschawad-Laridschani:
Die Gruppe Mudschahedin Khalq ist eine Terrororganisation. Mitglieder dieser Organisation haben mehr als 5.000 Menschen getötet. Das sind eiskalte Killer.
 
euronews:
Die Anschuldigungen dieser Gruppe decken sich aber mit denen der Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi, und sie fleht im Westen um Hilfe für die Demokratie im Iran.
 
Mohammad Tschawad-Laridschani:
Leider spricht Shirin Ebadi eher mit der Stimme des Weißen Hauses als mit der einer iranischen Frau. Sie hat jede Beziehung zum Iran verloren. Sie sollte sich einmal mit iranischen Frauen zusammensetzen statt im Ausland zu leben. Wie gesagt, sie vertritt die Linie des Weißen Hauses, sie ist nicht die Stimme des Iran.
 
euronews:
Was ist denn zu den Vorwürfen zu sagen, dass die iranische Regierung den Internetzugang begrenzt, bestimmte Radio- und Fernsehstationen nicht zulässt? Das ist doch eine Verletzung der Menschenrechte!
 
Mohammad Tschawad-Laridschani:
Wir greifen dann ein, wenn wir von unseren Sicherheitsdiensten einen Hinweis darauf bekommen, dass eine Gefahr besteht. Die Gefahr eines Bombenattentats, Terrorgefahr und so weiter. Aber das macht jedes andere Land auch.