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Gordon Thomas zu "Dubai-Gate": "Kein Anschlag ohne Kenntnis des Mossad"

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Gordon Thomas zu "Dubai-Gate": "Kein Anschlag ohne Kenntnis des Mossad"

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Der Brite Gordon Thomas beschäftigt sich seit Jahren mit Geheimdiensten.
53 Bücher hat er dazu geschrieben.
Sein Schreibtisch passt zum Thema.
Der gehörte nämlich einst dem sagenumwobenen Lawrence von Arabien. Von Gordan Thomas heisst es, er habe unter Journalisten das wohl größte Hintergrundwissen zum Mossad, dem israelischen Geheimdienst. Zu seinen Quellen gehören Rafael (Rafi) Eitan und Meir Amit, Männer aus der Ahnengalerie des Mossad.
Wir trafen ihn zum Interview über die Hintergründe des Mordes an einem Hamas-Führer in Dubai.

EURONEWS
Mr Thomas, reden wir nicht lange drum herum:
Glauben Sie, dass der Mord an Mahmoud al Mabhouh im Januar in dem Hotel in Dubai eine Operation des israelischen Geheimdienstes war?

GORDON THOMAS-
Aber sicher. Es war ein weiterer Mossad-Mord.
Daran besteht gar kein Zweifel. Die Operation trägt das Markenzeichen des Mossad. Das zeigt sich an einer Reihe von Dingen. Erstens ist da die Wahl eines Hotelzimmers, sowas ist ihr bevorzugter Ort zum Töten. Zweitens war die Operation genau darauf ausgerichtet, rein ins Hotel, handeln und wieder raus. So haben sie es gemacht.
An diesem Mord in Dubai ist interessant, dass er wieder mal in eine Amtszeit von Bibi Netanjahu als Regierungschef fällt. Der ist damit zum zweiten mal in so eine Sache verwickelt, er muss den Befehl gegeben haben. Wenn ich “verwickelt” sage, dann meine ich, dass es in Israel keinen Mordanschlag gibt, ohne den schriftlichen Befehl des Ministerpräsidenten. Er hat mit seiner Unterschrift die Lizenz zum Töten erteilt.

EURONEWS-
Muss auch die israelische Regierung über solche Operationen informiert werden?
Bei seinem letzten Besuch in Brüssel antwortete Außenminister Avigdor Liebermann auf eine solche Frage mit dem Satz:
“Die Journalisten sehen zu viele James Bond Filme”.

GORDON THOMAS-
Da hat er nicht die Wahrheit gesagt.
Die grundsätzliche Regel beim Mossad lautet:
Wir bestätigen nichts, wir dementieren nichts.
So lässt sich zusammenfassen, was mir mit ähnlichen Worten der damalige stellvertretende Direktor David Kimche antwortete, als ich ihn nach der Rolle des Mossad in der heutigen Welt fragte.
Er sagte: “Es ist ganz einfach. Es ist der Mossad, zuerst, zuletzt und immer. Und immer für Israel. “
Das ist ihre Einstellung dazu. Dieser Mann in Dubai war eine Bedrohung, eine echte Bedrohung.
Wir wissen – und das habe ich ausdrücklich bekräftigt – er kam nach Dubai, um einen iranischen Waffenhändler zu treffen. Seine Absicht war, Waffen in den Gazastreifen zu bringen, damit die von dort auf Israel abgefeuert werden. Und das wussten die Leute vom Mossad.

EURONEWS
Die Polizei von Dubai hat letztlich 26 oder 27 Verdächtige identifiziert. Ist es nicht ungewöhnlich, so viele Agenten für so eine Operation einzusetzen?

GORDON THOMAS
Die Anzahl ist unglaublich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Mossad jemals 26 Leute losgeschickt hat, um eine einzige Person zu töten.
Die “Kidon-Einheit” ist die für´s Töten zuständige Truppe, zu ihr gehören 48 Personen, darunter 6 Frauen. “Kidon” heisst im Hebräischen “Bajonett” .
Normalerweise schicken sie ein Hinrichtungskommando von 4 Leuten.
Mir kommt dabei der Gedanke, dass der Mossad in jüngster Zeit sein Informantensystem in den arabischen Ländern erweitert hat, so dass das für mich wie eine Übung aussieht. Gleichzeitig mit diesem Mordanschlag lief eine Übung ab.

EURONEWS
Es gibt aber bis heute keine Beweise dafür, dass Israel mit dieser Operation zu tun hat.
Allerdings merkwürdige Zusammenhänge.
Am 19. Januar, dem Tag des Mordanschlags, plazierte die israelische Botschaft in London eine Nachricht in Twitter, die sie am nächsten Tag zurückzog. Die Nachricht lautete:
“Israelischer Tennisspieler hat in Dubai sein Ziel erreicht.”
An diesem Tag gewann der israelische Tennisspieler Shahar Peer ein Match bei den
“Dubai Tennis Championship”.
Die Bilder aus dem Hotel “ Al Bustan Rotana “
zeigen mehrere Verdächtige in Tenniskleidung durch die Halle gehen.
Kann die Nachricht eine doppelte Bedeutung gehabt haben?

GORDON THOMAS
Der Mossad ist sehr gut beim Kaschieren seiner Aktionen und dabei, die dann zum Verbreiten von Terror zu nutzen. Ein Beispiel: Wenn sie ein Ziel ausgemacht haben, so schicken sie oftmals an dem Tag, an dem sie den Betreffenden töten, seiner Familie einen Trauerkranz. Dann werden Beileidsbekungungen in arabischen Zeitungen veröffentlicht, also der Tod wird bekanntgegeben, bevor derjenige tot ist. Nichts kann mehr Furcht verbreiten als so eine Ankündigung des baldigen Todes. Zu diesem Spiel gehört psychologische Kriegsführung.
Zurück zu dem was hier mit den Tennisspielern ablief. Nichts sieht harmloser aus und wird fällt weniger auf als eine Gruppe von Leute, die aussehen wie Tennisspielern. Sie hätten ja zu den Spielern dieses Turniers gehören können. Für Mossadagenten hielt sie keiner.

EURONEWS
Einige dieser Verdächtigen hatten gefälschte europäische Pässe, aber mit der Identität echter israelischer Bürger mit Doppel-Staatsbürgerschaft.
Ist das beim Mossad eine gängige Methode?

GORDON THOMAS
Ja, das ist es. Es funktioniert ganz einfach.
Sie haben eine Spezialeinheit, die auf den Diebstahl von Pässen trainiert ist, normalerweise von Feriengästen. Deren spezielle Tätigkeitsgebiete sind Malaga und Marbella in Südspanien, Thailand und solche Gegenden.
Dubai hat das wirkungsvollste Paßkontrollsysten für Einreisen, Installiert von den Amerikanern.
Der Mossad wollte dieses System testen.
Das geht ganz einfach: Man schickt extra Leute los für einen seperaten Job. Die fahren hin, checken ein und checken aus und offensichtlich hat das geklappt, denn sie sind nicht aufgefallen. Rund um die Dubai-Aktion gibt es eine Menge von unbeantworteten Fragen.

EURONEWS
Die Ermittlungen der Polizei von Dubai haben ergeben, dass al Mabhouh betäubt wurde und später erstickt, um einen natürlichen Tod vorzutäuschen.
Ist das die Art, wie der Mossad tötet?

GORDON THOMAS
Ja, das ist die Standard-Tötungs-Methode.
Das Gift wurde von Mossad-Chemikern vorbereitet.
Sie haben ein Betäubungsmittel genommen, wie es Anästhesisten bei Operationen verwenden.
Das wurde ein wenig verändert, um schneller und effektiver zu wirken. Das benutzte Medikament
muss nach kurzer Zeit im Körper nicht mehr nachweisbar sein.

EURONEWS
Welche politischen Folgen kann es für Benjamin Netanjahu haben, wenn der Mossad möglicherweise am Ende als schuldig dasteht?

GORDON THOMAS
Die Folgen sind ernst – und dennoch komisch.
Es wird nichts Ernsthaftes passieren.
Leute aus der Welt der Geheimdienste in London, New York und Washington, mit denen ich gesprochen habe, haben gesagt:
Guter Job, gut gemacht! Wir würden oder könnten das nicht machen, aber sie haben es gemacht.
Die Sorge sind wir los.

EURONEWS
Die Hamas wirft der Palästinänsischen Autonomiebehörde sowie Ägypten und Jordanien vor, durch logistische Hilfe beteiligt gewesen zu sein.
Wie sehen Sie das?

GORDON THOMAS
Das könnte vielleicht als Ausrede dafür herhalten,
dass sie einen neuen Krieg brauchen. Wieder mal, zu anderer Zeit. Es gibt in Damaskus sehr starke Kräfte, die daran arbeiten.

EURONEWS
Israel und Syrien haben vor einigen Wochen unter amerikanischer Vermittlung eine neue Runde von Geheimgesprächen über die Golan-Höhen begonnen.
Könnte Syrien bei dieser Operation geholfen haben, um bei den Verhandlungen einen Vorteil zu erzielen?
Ein Fakt sollte nicht vergessen werden –
al Mabouh lebte seit mehr als zehn Jahren in Damaskus.

GORDON THOMAS
Meir Dagan, der Mossad-Chef, hatte verschiedene Gespräche mit dem syrischen Geheimdienst.
Er traf die Chefs und man sprach über die Beziehungen. Ich denke, es ist möglich, dass der syrische Geheimdienst eine wichtige Rolle gespielt hat, als der Mossad aufklärte, wo wer war.
So konnte dem Mossad der Mord an
Mughnniyed in Damaskus gelingen.
Das hatte keine Folgen, nur ein kleiner Protest von syrischer Seite. Die Beziehungen zwischen Syrien und Israel sind sehr interessant. Keiner möchte den anderen in eine Konfrontation zwingen. Beide wollen Beziehungen, die es erlauben, den Terrorismus von ihrer Haustür zu vertreiben.
Syrien möchte wieder mit dem Westen an einen Tisch kommen, so wie es Libyen gelungen ist.