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Türkei will Wiege der Menschheit überfluten

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Türkei will Wiege der Menschheit überfluten

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Schon bald soll das Wasser des Tigris die Wiege der Menschheit überfluten. Hasankeyf, eine der ältesten Städte der Welt, ist dem Untergang geweiht, wenn die Türkei das umstrittene Ilisu-Staudammprojekt umsetzt. Schon bald soll ein dreihundert Quadratkilometer großer Stausee die Altstadt von Hasankeyf bedecken, inklusive der Moschee und dem Minarett, die 1409 errichtet wurden.

Hasankeyf ist jedoch weit älter, Schätzungen zufolge 10 bis 12.000 Jahre, und viele seiner einzigartigen archäologischen Reichtümer sind bisher unerforscht. Außderdem drohen soziale Probleme. Wenn eine große Zahl von Familien gezwungen wird, in Großstädte umzusiedeln, wird ihre traditionelle kurdische Lebensart verloren gehen.

Der junge Mehmet Tapkan hat Angst vor der Flut:
“Wenn unsere Stadt im Wasser untergeht, muss ich mit meiner Familie in die Großstadt Batman ziehen”, sagt er. “Wenn der Damm fertig ist, wird die historische Moschee von Hasankeyf unter Wasser sein und wir werden ihr Minarett nie wiedersehen.”

Viele der hiesigen Tier- und Pflanzenarten gibt es nirgendwo anders auf der Welt. In Mesopotamien liegen die Wurzeln der Zivilisation. Hier wurde die Landwirtschaft erfunden.

Der Tigris fließt von der Türkei durch Syrien bis in den Irak, dessen Regierung bereits gegen das Ilisu-Projekt protestiert hat. Ein Kraftwerk an dem 135 Meter hohen Staudamm soll 1.200 Megawatt Strom erzeugen. 75 Dörfer werden völlig im Stausee untergehen. Weitere hundert Dörfer werden teilweise betroffen sein. Eine enorme Zahl von Menschen muss umgesiedelt werden.

Der Gouverneur der Region erklärt, der Damm werde Wohlstand bringen und die Umsiedlungen seien kein Problem. “Die Menschen werden umgesiedelt”, erklärt Ahmet Turhan. “Sie werden nicht fortgeschickt, sie müssen nicht auswandern. Sie werden sich an anderen Orten ganz in der Nähe niederlassen, nur zwei oder drei Kilometer entfernt von Hasankeyf.”

Befürworter des Projekts gehen von 5.000 Umsiedlungen aus. Gegner des Damms glauben dagegen, dass 50.000 Menschen ihr Zuhause verlieren werden. Der Lebensunterhalt von geschätzt 85.000 Menschen ist bedroht. Hasankeyf hängt zum Beispiel stark vom Kulturtourismus ab. Es gibt regen einheimischen Fremdenverkehr, aber viele Besucher kommen auch aus Europa, Israel und Asien.

Ali Ayhan ist Musiker. Um sich zu ernähren, arbeitet er als Fremdenführer: “Wenn sie den Damm bauen, habe ich keine Zukunft mehr. Der Damm wird meine Zukunft zerstören und die von Hasankeyf ebenso.”

Die Türkei möchte Mitglied der Europäischen Union werden, aber das Staudammprojekt verletzt zahlreiche EU-Richtlinien, darunter etliche Vorschriften für den Umweltschutz. Europaparlament und EU-Kommission haben wiederholt auf die Mängel des Projekts hingewiesen.

Faris Ayhan arbeitet in Hasankeyf in der dritten Generation als Weber. Als junger Mann unternahm er zehntägige Bootsreisen von hier nach Bagdad, um auf dem Basar seine farbenfrohen Stoffe zu verkaufen. Er versucht, seine althergebrachten Fertigkeiten an seinen Sohn weiterzugeben, aber das Ilisu-Staudammprojekt könnte zu radikalen Änderungen führen. “Wir können nichts dagegen tun”, sagt Faris. “Wir werden woanders hin umsiedeln müssen. Was sollen wir denn sonst machen? Wir werden zur Umsiedlung gezwungen sein. Meinetwegen können sie den Damm bauen, wenn sie wollen. Aber ich will, dass sie es so machen, dass unsere Stadt nicht überflutet und zerstört wird.”

Ganz in der Nähe des Tigris wird eine fast 550 Jahre alte Grabstätte renoviert. Es gab Überlegungen, bedrohte Kulturgüter an höher gelegene Orte zu verlegen, aber einige Experten halten das für undurchführbar. Die meisten der Kulturschätze, wie die Grabstätte, die Bäder, Minarette und die Brücke bestehen aus kleinen Steinen oder Ziegeln. Abbruch und Wiederaufbau an anderem Ort ist schwierig, wenn nicht gar unmöglich.

Der Bürgermeister versucht, seine Stadt vor der 40 Meter hohen Flutwelle zu bewahren. Was würde er dem türkischen Ministerpräsidenten sagen, wenn er ihn treffen könnte. “Ich ihm sagen”, erklärt Abdülvahap Kusen: “Ich appelliere an Sie, Alternativen zu erwägen zu dem gewaltigen Ilisu-Staudammprojekt, das das Kulturerbe von Hasankeyf bedroht, etwa den Bau eines kleineren Damms, was Hasankeyf retten würde.”

Bisher hat die Regierung ihre Meinung nicht geändert. Schwere Baugeräte sollen schon bald an die Arbeit gehen. Bis 2017 soll der Damm fertig sein. Dann wird der Wasserspiegel bis an den höchsten Balkon von Hasankeyfs mittelalterlichem Minarett steigen, erklärt der Gouverneur der Region Batman. Doch er befürwortet das Projekt. Sein Traum — Fünf-Sterne-Hotels, Einkaufszentren und eine regionale Tourismusschule.

“Ich möchte betonen, dass allein beim Bau des Damms 10.000 Menschen direkt beschäftigt werden”, sagt Ahmet Turhan. “Weitere 60.000 bis 70.000 werden indirekt von dem Projekt profitieren. Der Damm wird also einen enormen Beitrag zur Verringerung der Arbeitslosigkeit in der Region leisten.”

Während des Interviews macht sich der Polizeichef von Batman Notizen. Nachdem die Kamera abgeschaltet ist, erläutert er Euronews seine Interpretation der Lage: Kurdische Terroristen, so sagt er, dringen durch das Tigristal vom Irak in die Türkei ein. Der künstliche See würde das verhindern. Außerdem behauptet er, Initiativen zum Schutz des Kulturerbes stünden ideologisch den kurdischen Extremisten nahe.

Der Schreibtisch im Büro des Bürgermeisters von Batman ist leer. Ende Dezember ist er verhaftet worden unter dem Verdacht, mit der Kurdenpartei PKK in Verbindung zu stehen. Unsinn, sagen die Menschen in Batman, dies sei politische Verfolgung mit dem Ziel, kurdische Politiker aus dem Amt zu treiben.

Auch die Stadt Batman versucht, das Ilisu-Projekt zu verhindern. Serhat Temel, der Stellvertreter des Bürgermeisters, appelliert an den türkischen Ministerpräsidenten: “Herr Erdogan, ich denke, Sie sollten 10.000 Jahre Menschheitsgeschichte nicht zerstören. Dieses Kulturerbe soll verloren gehen, nur damit 50 Jahre lang Strom produziert werden kann? Diese Zeugnisse des Altertums können weitere Tausende von Jahren erhalten bleiben, wenn sie nicht diesem Staudammprojekt geopfert werden.”

Die Felshänge des Tigristals sind übersäht mit Tausenden von Höhlen. Bis in die 60er Jahre waren sie bewohnt. Yusuf Kepti, ein kurdischer Fischer, lebte hier während seiner Kindheit, bis per Gesetz jeder zum Umzug in Häuser gezwungen wurde. Yusufs Dorf wird ebenfalls überflutet werden, sollte der Damm gebaut werden.

Für gewöhnlich reist die Familie Kepti lediglich ins nahe gelegene Batman, um ihren Fisch zu verkaufen. Aber als sie von dem Staudammprojekt hörten unternahmen die Keptis eine weit längere Reise. In Ankara wurden sie von den Botschaftern Deutschlands, Österreichs und der Schweiz empfangen. Hinterher strichen die Regierungen der drei Länder Exportkreditgarantien in Höhe von 450 Millionen Euro, weil die türkischen Umsiedlungspläne und der Schutz des Kulturerbes nicht den Richtlinien der Weltbank entsprechen.

“Wir wollen diesen künstlichen Staudamm nicht”, erklärt Yusuf Kepti. “Wir sind glücklich damit, wie es heute ist. Die Projektleiter sagen, der Stausee wird voller Fische sein und wir Fischer werden keine Probleme haben, unseren Lebensunterhalt zu verdienen. Aber das sind alles Lügen. Sie wollen unsere Kultur zerstören und uns in die Großstädte schicken, in die Metropolen, wo wir unsere kurdische Kultur nicht mehr leben können und nicht mehr Kurdisch sprechen werden.”

Die Anwältin Ayla Akat vertritt die Region im türkischen Parlament. Sie ist Mitglied der Friedens- und Demokratiepartei, die Nachfolgeorganisation der im Dezember vom Verfassungsgericht aufgelösten pro-kurdischen DTP.

“Die Regierung sollte bei der UNESCO für Hasankeyf die Anerkennung als Weltkulturerbe beantragen”, sagt Ayla Akat. “Ich kann den Antrag nicht stellen. Dazu ist nur die Regierung berechtigt, aber die tut es nicht.”

Ipek Tasli ist die Koordinatorin der Initiative “Rettet Hasankeyf”. Während eines Besuchs im Irak, fand sie heraus, dass aufgrund türkischer Staudammprojekte an Euphrat und Tigris die Versteppung im Irak zunimmt. Der Ilisu-Damm wird für irakische Bewässerungssysteme weitere Probleme schaffen: “Wenn dieses Projekt gebaut wird, werden die Länder stromabwärts, also Syrien und Irak, ebenfalls betroffen sein. Etwa 15 Millionen Menschen im Irak werden betroffen sein.”

Unterstützung finden die Menschen in Hasankeyf vom Europaparlament, das erst vor wenigen Tagen Besorgnis über die Umsiedlungspläne zum Ausdruck brachte. Hasankeyfs Kulturerbe sollte erhalten und das Ilisu-Projekt eingefroren werden, fordert das Europaparlament.