Eilmeldung

Eilmeldung

EZB-Präsident Trichet im Euronews-Interview

Sie lesen gerade:

EZB-Präsident Trichet im Euronews-Interview

Schriftgrösse Aa Aa

Stefan Grobe, Euronews
“Wir sind hier im Zentrum der Eurozone, am Sitz der Europäischen Zentralbank in Frankfurt, im Gespräch mit Jean-Claude Trichet, dem Präsidenten der EZB. Wir befinden uns in Ihrem Büro. Werden hier die wichtigen finanzpolitischen Entscheidungen getroffen?”

Jean-Claude Trichet
“Nein, in diesem Zimmer meditiere ich mit meinen Kollegen aus dem Direktorium. Im Nebenzimmer bereiten wir uns auf die Treffen vor, in denen wir gemeinsame Entscheidungen treffen, auf der Direktoriumsebene und natürlich im Rahmen des EZB-Rats mit den Kollegen von den nationalen Zentralbanken der Eurozone.”

Stefan Grobe, Euronews
“Wann ist Ihnen das Ausmaß der griechischen Finanzkrise klar geworden?”

Jean-Claude Trichet “Dieses Problem haben wir unglücklicherweise schon seit einigen Jahren. Wie Sie wissen, gab es immer wieder Schwierigkeiten, zuverlässige Zahlen zu bekommen. Eine solche Situation ist unakzeptabel und kann keine Sekunde länger hingenommen werden. Ich gehe davon aus, dass die Regierungen entscheiden werden, dass eine Europäische Institution, zum Beispiel Eurostat, die Möglichkeit bekommen muss, sich vor Ort Zugang zu allen Informationen zu verschaffen. Wir müssen beim Umgang mit Daten die höchsten ethischen Maßstäbe anlegen. Das ist absolut unumgänglich.”

Stefan Grobe, Euronews
“Hat es Sie persönlich enttäuscht, dass Griechenland die Eurozone in solche Schwierigkeiten gebracht hat.”

Jean-Claude Trichet
“Seit diese Institution ins Leben gerufen wurde, hat sie allen Regierungen, und das gilt für Griechenland wie für alle anderen, immer wieder gesagt, dass der Stabilitäts- und Wachstumspakt unverzichtbar ist. Dieses Abkommen ist ein Schlüsselelement der Europäischen Währungsunion und alle Mitglieder sind dafür verantwortlich, dass die Regeln eingehalten werden. Eine ganze Reihe von Ländern hat den Stabilitätspakt in Frage gestellt. Seit meinem Amtsantritt habe ich mit meinen Direktoriumskollegen für den Erhalt des Stabilitätspakts gekämpft, denn er ist weiter von fundamentaler Bedeutung.”

Stefan Grobe, Euronews
“Ist der Euro in Gefahr?”

Jean-Claude Trichet
“Der Euro ist ganz sicher nicht in Gefahr. Er wird gut bewacht. Wir begegnen bestimmten Herausforderungen wie jede Zentralbank in der Welt und wir müssen einen Weg aus der gegenwärtigen Krise finden. Wir befinden uns in einer neuen Phase und müssen Lösungen für neue Probleme finden. Dabei arbeiten wir alle sehr eng zusammen. Und wir kooperieren aktiv, auf einer Ebene des Vertrauens, mit unseren Freunden in den anderen Zentralbanken, darunter natürlich die Zentralbank der Vereinigten Staaten von Amerika.”

Stefan Grobe, Euronews “Letzte Frage: Wie sind die mittel- bis langfristigen Aussichten für die europäische Wirtschaft?”

Jean-Claude Trichet
“Hinsichtlich Wachstum und Schaffung von Arbeitsplätzen ist vor allem wichtig, weiterhin resolute Strukturreformen umzusetzen, die das Wachstumspotential in Europa vergrößern. In dieser Hinsicht hat uns die Krise einen Einblick gegeben in die Problembereiche, in denen wir möglicherweise viel mehr tun müssen. Das gilt für Europa ebenso wie für den Rest der Welt, besonders die Industriestaaten. In jedem Fall rufen meine Kollegen und ich zu resoluten Strukturreformen auf, um das Wachstumspotential zu erhöhen. Im Moment haben wir positives Wachstum, aber es ist noch sehr schwach. Deshalb sagen wir: Lasst uns die Reformen entschlossen voranbringen. Was uns selbst betrifft, so können unser Mitbürger darauf zählen, dass wir in den kommenden Jahren Preisstabilität gewährleisten werden.”