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"Deutschland zahlt nicht länger für alle"

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"Deutschland zahlt nicht länger für alle"

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Marc Touati, wie antworten Sie auf die Frage “Ist der Euro in Gefahr?”

MT: “Die Antwort ist leider `ja`. Der Euro ist heute in der Tat in Gefahr, weil sich eine bereits schwierige Ausgangssituation weiter verschlechterte. Schuld daran haben nicht allein die Spekulanten, wie viel zu oft behauptet wird. Die gegenwärtige Situation ist einzig und allein eine Folge der Fehler, die in der Wirtschaftspolitik seit Jahren gemacht werden.

Aber die Spekulanten haben doch in gewisser Weise das Spiel der Politik gespielt oder zumindest eine Reaktion der Politik herbeigeführt, denn man spricht ja jetzt von der Einführung eines Europäischen Währungsfonds.”

MT: “Da muss man sehr vorsichtig sein. Ich glaube, es gibt die Befürchtung, dass Griechenland die Tür zuschlägt und sich an den internationalen Währungsfond wendet. Das wäre natürlich ein schwerer Schlag für die EU. Statt einem europäischen Währungsfond brauchen wir vielmehr verantwortungsbewusste Finanzpolitiker. Heute geht es doch vor allem darum, in der Eurozone eine Situation wiederherzustellen, die Wachstum ermöglicht. Wir haben doch gerade in Frankreich erlebt, dass 69 Prozent der Bürger den Franc vermissen. Das liegt nicht daran, dass die Franzosen den Euro ablehnen, sondern der Grund ist, dass es seit der Einführung des Euro kein starkes Wachstum gab.”

Was wäre denn eine geeignete Maßnahme zur Förderung des Wachstums in der Eurozone und in der gesamten Europäischen Union?

MT: “Zwei Entscheidungen sind heute zu treffen, um der Krise zu begegnen. Erstens muss die europäische Zentralbank den Zinssatz wie in Großbritannien auf 0,5 Prozent senken oder gar auf 0,25 Prozent wie die Federal Reserve. Damit wäre der europäische Zinssatz immer noch einen halben Punkt höher. Zweitens muss man schnell eine echte europäische Regierung schaffen, die zum Beispiel sagen kann: Der Euro ist zu stark. Damit würde dem Markt ein Signal gegeben, dass der Wert des Euro gegenüber dem Dollar auf 1,20 oder 1,15 sinken muss, denn das wäre ein angemessener Umtauschkurs. Dies sind effektive Maßnahmen, die ergriffen werden müssen.”

Sie sprechen von einer europäischen Wirtschafsregierung, aber Deutschland lehnt eine solche Lösung doch ab?

MT: “Das ist doch genau das Problem. Unglücklicherweise hat doch Deutschland die jetzige Krise erst richtig entfacht. Deutschland hat gesagt: Komme was wolle, wir sind da. Wir helfen Griechenland und vermeiden ähnliche Probleme in anderen Ländern. Nur dass Angela Merkel uns Ende 2009 Anfang 2010 gesagt hat, dass Griechenland sich allein helfen muss. Das hat die Büchse der Pandora geöffnet. Die Zahlungsunfähigkeit Griechenlands wurde eine reale Möglichkeit und das rief die Spekulanten auf den Plan.

Das Problem, das wir heute haben, ist, dass Deutschland plötzlich sagte: Schluss. Deutschland ist nicht länger bereit, für alle zu bezahlen. Das hat zur Folge, dass nun jeder das seine tun und Reformen umsetzen muss. Nicht nur Deutschland braucht Reformen sondern wir ebenfalls, die Franzosen, die Italiener, die Griechen, können uns nicht länger weigern. Bis wir das erreicht haben, bleibt die Eurozone in einer wackligen Lage und wird im internationalen Rahmen kaum glaubwürdig sein.”