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Wie besser "landwirtschaften"?

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Wie besser "landwirtschaften"?

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Welchen Kurs nimmt die europäische Landwirtschaft? Und vor allem: Wie kann ihr Budget reformiert werden? Vor den Beratungen über die Zukunft der Gemeinsamen Agrarpolitik machte sich der zuständige EU-Kommissar Dacian Ciolos sein eigenes Bild vor Ort. euronews traf ihn in einem kleinen Milchbetrieb in der belgischen Wallonie.

euronews:
“Warum JETZT die öffentliche Debatte über die Landwirtschaft?”

Dacian Ciolos, EU-Kommissar für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung:
“Die gemeinsame Agrarpolitik richtet sich zunächst an alle Europäer und an alle europäischen Steuerzahler, die das Budget für diese Politik stellen.
Deswegen ist es meiner Meinung nach wichtig, dass man nicht nur die Ansichten der Landwirte sondern auch die aller Europäer erfasst, bevor man von einer Voranalyse zur Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik übergeht.”

euronews:
“Das klingt jetzt eher wie die Verteidigung der Gemeinsamen Agrarpolitik an die Adresse einiger Staaten wie Großbritannien, die die GAP gerne abschaffen würden…”

Dacian Ciolos, EU-Kommissar für Landwirtschaft:
“Bisher habe ich noch von keinem Politiker, weder unter den Landwirtschaftsministern noch den Mitgliedern des europäischen Parlaments, gehört, man brauche keine Gemeinsame Agrarpolitik.
Meistens heißt es, man brauche eine Gemeinsame Agrarpolitik. Lasst uns sehen, wie wir sie wirksamer machen können.”

euronews:
“Es gibt Landwirte, die sagen: Wenn es nach meinen wirtschaftlichen Interessen ginge, wäre es besser, die Hände im Schoß zu falten und nur die direkten Zahlungen entgegen zu nehmen…”

Dacian Ciolos, EU-Kommissar für Landwirtschaft:
“Die direkten Zahlungen müssen reformiert werden. Der Unterstützungsmechanismus des Marktes muss überarbeitet werden und an die weltweite Öffnung des europäischen Marktes angepasst werden.
Die zweite Säule, die Politik der ländlichen Entwicklung, muss auch überarbeitet werden. Denn wir brauchen die Modernisierung, nicht nur um wettbewerbsfähiger zu sein, sondern auch um die Erwartungen des Klimawandels stärker miteinzubeziehen.”

euronews:
“Es kommt auch Druck von der Welthandelsorganisation. Sollte die EU sich Ihrer Meinung nach auch mit anderen Parteien einigen, indem sie ihren Landwirten weniger Gewicht gibt und sie weniger schützt?”

Dacian Ciolos, EU-Kommissar für Landwirtschaft:
“Die Reform unserer Gemeinsamen Agrarpolitik ist nicht an Verhandlungen mit der Welthandelsorganisation geknüpft…”

euronews :
“Aber es hat doch damit zu tun…”

Dacian Ciolos, EU-Kommissar für Landwirtschaft:
“Schon, aber die EU hat bereits ein sehr detailliertes Angebot vorgelegt, das zur Zeit in den Verhandlungen mit anderen Staaten der WTO noch unerreicht ist.
Das Angebot exisitiert bereits, wir warten noch auf die Schritte der anderen.
Und dann sehen wir mal auf die USA: Sagen Sie mir, ist deren Landwirtschaft wirklich liberaler als die der Europäischen Union? Und sagen Sie mir, unterstützen die USA ihre Landwirtschaft weniger als die EU?
Sie werden sehen, das ist nicht der Fall. Zu allererst ist die Gemeinsame Agrarpolitik für die Europäer gemacht und nicht für die Welt.”

euronews:
“Gibt es Ihrer Meinung nach zu viele Landwirte in der Europäischen Union?”

Dacian Ciolos, EU-Kommissar für Landwirtschaft:
“Das ist meiner Meinung nach eine falsche Debatte. Ob nun zu viel oder zu wenig, wichtig ist doch, was wir von der europäischen Landwirtschaft benötigen. Daraus ergibt sich eine natürliche und keine künstliche Anpassung an die Situation.”

euronews:
“Aber zum Beispiel beim Thema Milch sagen die Landwirte: Wir verkaufen die Milch zu niedrigen Preisen und haben größere Ausgaben als Gewinn…”

Dacian Ciolos, EU-Kommissar für Landwirtschaft:
“Sicherlich muss sich die Produktion nach der Nachfrage richten. Allerdings gibt es einige Bereiche, wie zum Beispiel die Milchwirtschaft, wo sich das Angebot nicht immer nach der Nachfrage richten kann, weil diese variiert.
Da ein Betrieb wie dieser hier langfristig investiert, für zehn oder fünfzehn Jahre, können wir die Produktion nicht von diesem auf das nächste Jahr verändern, wie man es beim Gemüse, Obst oder Getreide macht.”

euronews:
Ja, aber wenn ein Landwirt von 32 Cent pro Liter Milch spricht, verkaufen wir ihn für 25 Cent. Das ist ja wohl nicht normal…

Dacian Ciolos, EU-Kommissar für Landwirtschaft:
“Da ist meiner Meinung nach auch einiges zu tun, um zu erreichen, dass die Milch für weiterverarbeitete Produkte stärker verkauft wird.
Es gibt aber auch andere Instrumente, wie in diesem Betrieb hier, wo ein Teil der Produktion direkt weiterverarbeitet und hier auch verkauft wird. Klar handelt es sich nur um kleine Mengen, aber wenn der Landwirt seine Milch direkt an die Kunden verkauft, bekommt er einen Euro pro Liter. Sie machen Butter und Eis in diesem Betrieb.”

euronews:
“Man sagt ihnen nach, dass sie für die Interessen Frankreichs besonders empfänglich sind. Sind Sie da, um die Gemeinsame Agrarpolitik gemäß den Interessen Frankreichs und deren Anhänger zu verteidigen?”

Dacian Ciolos, EU-Kommissar für Landwirtschaft:
“Nicht nur Frankreich, nicht nur Deutschland, Polen, Spanien oder Italien haben Landwirtschaft. Wir haben eine europäische Landwirtschaft, und ihre Unterschiede stellen für mich einen europäischen Reichtum dar…”

euronews:
“Ja, aber trotzdem gibt es Unterschiede zwischen der französischen Sichtweise von einer Gemeinsamen Agrarpolitik im Gegensatz zu jener Großbritanniens, Dänemarks oder Schwedens…”

Dacian Ciolos, EU-Kommissar für Landwirtschaft:
“Es ist die Aufgabe der Kommission, etwas vorzustellen. Die Ratspräsidentschaft und auch die Vorsitzenden des Landwirtschaftsausschusses im Europäischen Parlament werden diese Unterschiede und die Verhandlungen dann weiter vorantragen.
Ich bin ein europäischer Kommissar, ich arbeite im Interesse Europas, der europäischen Landwirtschaft, der europäischen Landwirtschaften – ich arbeite jedoch nicht im Interesse nur eines Landes.”