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Ein Township und seine Gesetze

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Ein Township und seine Gesetze

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Die Fußball-WM in Südafrika wird von Gewalt überschattet: euronews-Reporter Chris Cummins ist in ein südafrikanisches Township gereist, um sich vor Ort ein Bild von der Lage zu machen – nach Diepsloot, einer der Wohnsiedlungen ausserhalb von Johannesburg. Rund 50 Kilometer von hier wird mit grossem Glanz und Glamour die Eröffnungsfeier und das Endspiel der Fussball-Weltmeisterschaften stattfinden. Hier aber befindet man sich in einer anderen Welt.

Die Sicherheitslage ist eines der wichtigsten Themen in Südafrika. Da sind die abgeschotteten Reichen auf der einen Seite, die man hinter ihren Zäunen nicht sehen kann, da sind aber auch die unaufhörlich weiter wachsenden Bretterbuden auf der anderen Seite. Unterschiedlicher könnte es nicht sein.

Chris Cummins hat sich mit Golden Mtika, einem Journalisten aus dem Township, unterhalten. Mtika ist der Meinung, dass hier Verbrechen und Gewalt herrschen.

EN:
Wie beschützt man sich hier?

Mtika:
Die Bevölkerung macht ihre eigenen Gesetze.
Man misstraut der Polizei. In vielen Fällen wurden Verbrecher zwar geschnappt und der Polizei übergeben. Diese ließ sie dann nach zwei Tagen einfach wieder frei. Die Leute schäumten vor Wut.

EN:
Was heisst das im Endeffekt?

Mtika:
Das heißt Selbstjustiz, Lynchjustiz. Verdächtige werden gepackt. Man stülpt ihnen einen Reifen über, der mit Benzin gefüllt ist, und dann zündet man sie an.

EN:
Sie werden bei lebendigem Leib verbrannt?

Mtika:
Genau so ist es. Grausam. Sie machen was sie wollen. Sie schleudern Steine auf die Menschen, traktieren sie mit scharfen Gegenständen bis sie bewusstlos werden und dann kommt das Feuer.

EN:
Tagsüber sieht es doch ganz friedlich aus. Männer, Frauen, Kinder – alle zusammen auf den Strassen. Reges Treiben in den Läden. Wie sieht es nachts aus?

Mtika:
Ab Sonnenuntergang wird es gefährlich. Für diejenigen,die hier leben,sieht die Zukunft düster aus. Dazu kommt der eklatante Mangel an Grundversorgungsmöglichkeiten. Es rumort,viele und heftige Proteste sind geplant.

EN:
Und dann?

Mtika:
Wie so oft werden sie gewaltätig enden.

EN:
Woher kommt diese aufgeladene und nervöse Stimmung zwischen den Politikern und der Bevölkerung?

Mtika:
Ach den Parteien wie etwa dem ANC geht es nur darum, ihre eigenen Gegner in Schach zu halten.Die beschäftigen sich nur mit sich selber. Die Leute auf der Strasse sind ihnen egal. Und die wiederum lassen ihren Ärger durch Gewalt freien Lauf.

EN:
Der Zustrom der Menschen aus Simbabwe wird immer grösser. Sie fliehen vor dem Chaos in ihrem Land in eine vermeintlich bessere Zukunft?

Mtika:
Stimmt,es werden stündlich mehr. Sie springen über Zäune, werden von Transportern aufgegriffen, die sie nach Südafrika bringen – und auch hierher nach Diepsloot. Man sperrt sie in Baracken. Manchmal eingepfercht bis zu 20 Mann hoch. Sie dürfen nicht raus. Keine Freiheit, nichts. Manche werden auch einfach verkauft. Sie können zwar dem leben in den Baracken entfliehen, aber was folgt dann?

EN:
Wie sieht es in den Bretterbuden aus?

Mtika:
Es ist eng und stickig. Ein Erdloch dient als Toilette. Sobald auch Frauen dort wohnen, kommt es zu sexuellen Übergriffen.

EN:
Trotz allem träumen Sie weiter vom besseren Leben, oder?

Mtika:
Es wird viel passieren nach den Fussball-Weltmeisterschaften. Nicht nur Gutes. Die Fremdenfeindlichkeit wird rasant ansteigen. Es wäre nicht das erste Mal hier. Vor und während den Weltmeisterschaften wird alles heruntergespielt, eine fast heile Welt vorgegaukelt, um bloß keinen schlechten Eindruck zu hinterlassen. Die Wahrheit kommt später.