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"In der Kirche muss sich sehr viel ändern"

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"In der Kirche muss sich sehr viel ändern"

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Die Missbrauchsvorwürfe gegen die katholische Kirche schlagen hohe Wellen. In Berlin tagt derzeit gerade ein Runder Tisch zum Thema. Irene Binal hat mit dem Kinder- und Jugendpsychologen Professor Jörg Fegert über die Opferperspektive gesprochen. 
 
euronews:
Herr Professor Fegert, im Jahr 2004 hat der Vatikan Richtlinien zur Bekämpfung von Kindesmissbrauch herausgegeben, an denen Sie ja persönlich mitgearbeitet haben. Passiert ist bis jetzt recht wenig – sind Sie darüber enttäuscht?
 
Fegert:
Natürlich kann man darüber enttäuscht sein und wir hatten damals gehofft, dass sich viel schneller Dinge bewegen werden. Trotzdem kann man sagen, jetzt kommt wenigstens sehr viel ans Licht und die Kirche stellt sich langsam, sehr zögerlich, auch diesen vielen Fragen. Das ist für viele Betroffene, die sich über Jahre gar nicht getraut haben, das anzusprechen, die gegen eine Mauer des Schweigens gelaufen sind, ein sehr sehr wichtiger Moment. Wenn man sieht, wie zum Beispiel die Hotline der katholischen Kirche jetzt angenommen wird und dass wirklich ehemals Betroffene sich mit ihrer Kirche dennoch immer noch auseinandersetzen wollen, dann denke ich, dass das ein sehr wichtiger Prozess war.
 
euronews:
Nun hat der Dekan des Kardinalskollegs, Angelo Sodano, ausgerechnet bei der Ostermesse gesagt, man werde sich nicht vom – so wörtlich – “überflüssigen Geschwätz dieser Tage” beeinflussen lassen. Das war natürlich ein Schlag ins Gesicht der Opfer, denn die erwarten ja zumindest eine Entschuldigung. Vom therapeutischen Standpunkt aus: Wir wichtig ist eine solche Entschuldigung? Ist sie therapeutisch notwendig oder doch mehr eine nette Geste?
 
Fegert:
Wie im wirklichen Leben kommt es auch im therapeutischen Kontext, im kinder- und jugendpsychiatrischen oder psychiatrischen Kontext, in dem ich arbeite, darauf an, ob solche Dinge gefühlt sind und ernst gemeint sind. Eine Entschuldigung als Geste reicht meines Erachtens nicht aus. Aber die Diskussion solcher Vorgänge in der Öffentlichkeit, dieses Konfrontierten einer grossen, mächtigen Institution mit ihren negativen Folgen, mit ihren Taten. Das ist denke ich schon  etwas sehr, sehr Wichtiges. Ich habe manchmal vor mir das Bild, wie in Südafrika auch ein Bürgerkrieg verhindert werden konnte: durch diese Wahrheitskommission. Das hat nicht die Traumatisierung aufgehoben, das kann nicht wirklich heilen, aber es hat doch dazu geführt, dass Fakten ausgesprochen wurden und dass sehr viel Hass kanalisiert wurde, weil die Täter und die Opfer in einem gesetzten, kontrollierten Rahmen zusammengekommen sind. Was nicht sein kann, ist, dass man sich formal entschuldigt, ohne überhaupt zu sagen, wofür man sich entschuldigt, dass man die Opfer zu sich bittet und vom hohen Stuhl herab quasi eine Geste macht, sondern ich denke, man sollte sich Auge in Auge gegenübersitzen und sich überhaupt anhören, was die Betroffenen zu sagen haben.
 
euronews:
In Berlin tagt derzeit der Runde Tisch zum Thema Kindesmissbrauch, an dem Sie ja auch teilnehmen. Im Vorfeld gab es Diskussionen um die Zusammensetzung der Teilnehmer. Was konkret kann man von einer solchen Diskussionsrunde denn tatsächlich erwarten?
 
Fegert:
Wenn man Pessimist ist: gar nichts. Wenn man Optimist ist, und das bin ich von Natur aus: eigentlich sehr viel. Natürlich ist der Runde Tisch zunächst auch nur eine Geste. Ein Gremium, in dem fast 60 Leute und Organisationen sitzen, ist so nicht arbeitsfähig. Aber es wird darum gehen, zuerst mal politisch klarzumachen: die Botschaft ist angekommen, das Problem ist angekommen. Dann wird es Unterarbeitsgruppen geben müssen, die sich zum Beispiel mit der Aufarbeitung beschäftigen. Das Einsetzen einer unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung halte ich für einen sehr, sehr wichtigen Schritt und Frau Dr. Bergmann hat sich in ihrer Zeit als Ministerin in diesem Bereich sehr um die Thematik gekümmert. Ich habe für sie ein Projekt über sexuellen Missbrauch in Institutionen für Menschen mit geistiger Behinderung durchführen dürfen; also hier denke ich ist viel Engagement da. Wichtig ist auch, dass wir die Forschung zur Sicherheit, zu Transparenz in Einrichtungen, zum Meldesystem, wo können sich Jugendliche hinwenden, zur Qualitätssicherung auch im ehrenamtlichen Bereich verbessern. Zum Beispiel: was passiert nach Sportfreizeiten, nach Pfadfinderfreizeiten, fragt da jemand nach, wie es für die Kinder gewesen ist und so weiter. All diese Dinge sind anzugehen. Der Runde Tisch kann eine Geste sein oder es kann sehr viel dabei herauskommen, das ist noch offen, wir werden sehen, und ich denke, es ist die Funktion der Öffentlichkeit und auch der Medien, alle, die am Runden Tisch sind, dabei zu beobachten, was sie tun.
 
euronews:
Nun liegen die Missbrauchsfälle ja teilweise sehr lange zurück, sie sind oft auch schon verjährt. Aus der Politik wird nun der Ruf nach einer Verschärfung des Strafrechts, nach einer Verlängerung der Verjährungsfristen laut. Wsinnvoll ist das Ihrer Meinung nach?
 
Fegert:
Ich bin kein Jurist und häufig reagiert man ja auf ein politisches Problem indem man neue Gesetze macht. Ich halte jetzt in dieser Situation sehr wenig davon, und zwar aus meiner Erfahrung als Gutachter; ich habe in diesem Feld sehr viele Gutachten persönlich durchgeführt und wenn Taten sehr lange zurückliegen, ist es schwierig, nach unseren Vorgehensweisen im Strafrecht, letztendlich ohne jeden Zweifel einzelne Taten klar anzuklagen. Das führt dann zu Freisprüchen zweiter Klasse, weil irgendein Zweifel bleibt, es gilt ja der Grundsatz: im Zweifel für den Angeklagten, und solche Freisprüche sind eigentlich Wasser auf die Mühlen der Täter. Ich glaube nicht, dass man rückwirkend hier zu stark mit Schadensersatzansprüchen operieren sollte, weil wir auch aus der deutschen Vergangenheit wissen, dass die Begutachtung durch Psychiater, durch Kollegen von mir, von Opfern in den KZs eigentlich eine erneute Traumatisierung war. Dieses Leid aufzuwiegen und in Geld umzurechnen und davon vorherige Belastungen abzuziehen, ist ein ganz schwieriges Geschäft; ich würde davon abraten. Es geht für mich eher um die Zukunft: Was kann die Gesellschaft machen, dass Schulen sichere Orte sind, dass Internate sichere Orte sind, dass sich Kinder im Sportverein wohlfühlen können, wie erreichen wir mehr gesellschaftliche Wachsamkeit… Einen rechtlichen Bereich, den kaum jemand anspricht, den sehe ich allerdings wirklich: das ist der der Personalrechts. In der Regel sind unsere arbeitsrechtlichen Bestimmungen so, dass jemand , der in einer Einrichtung etwas getan hat, mit einem sehr guten Zeugnis weggeht und in der nächsten dann weitermachen kann, weil wir als Arbeitgeber solche Dinge im Zeugnis nicht erwähnen dürfen.
 
euronews:
Benedikt XVI. ist nach Malta gereist und hat mit Missbrauchsopfern gebetet. Das ist nun nicht ganz das, was die Opfer erwarten. Über die Entschuldigung haben wir schon gesprochen – was könnte die katholische Kirche konkret tun, wären zum  Beispiel Kompensationszahlungen angmessen?
 
Fegert
Ich habe schon meine Bedenken in Bezug auf Kompensationszahlungen ausgesprochen. Ich denke, überall da, wo Therapie, wo konkrete Hilfe notwendig ist, könnte die Kirche sehr viel tun, um Opfer zu unterstützen. Sie kann aber auch in die Ausbildung der Priester, in die Ausbildung der Ehrenamtlichen investieren, kann sich Gedanken machen, wie man auf der einen Seite Transparenz fordern kann, auf der anderen Seite absoluten Gehorsam. Ich denke, da gibt es auch in der innerkirchlichen Diskussion sehr viele Themen, die anstehen. Der heutige Papst hat bei der damaligen Sitzung dezidiert angesprochen, dass solche Verbrechen intolerabel sind und dem Ruf der Kirche schaden und auch der Chance, dass sich Leute der Kirche anvertrauen. Und das denke ich  muss deutlich gesagt werden und hier muss sich in der Kirche sehr viel ändern.