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Missbrauch: Papst habe eine persönliche Schuld

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Missbrauch: Papst habe eine persönliche Schuld

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euronews:
“Sie, Herr Küng, kennen Papst Benedikt seit langem. Auf dem zweiten Vatikanischen Konzil waren Sie die beiden jüngsten anwesenden Theologen. Damals herrschte Aufbruchstimmung: Die Kirche wollte sich öffnen, einen Schritt auf die Menschen zugehen. Nun aber, 50 Jahre später, im Lichte der Missbrauchfälle, wenden sich wieder scharenweise Gläubige von der Kirche ab. Herr Küng, können Sie die Menschen verstehen?”

Hans Küng, Theologieprofessor in Tübingen:
“Ja, ich bin natürlich sehr besorgt um den Zustand unserer Kirche. Ich habe mit Joseph Ratzinger zusammen am Konzil für die Erneuerung gearbeitet, für die ökumenische Verständigung, für eine Öffnung zur Welt. Und leider muss ich feststellen, dass schon bald nach dem Konzil von der römischen Kurie aus gegengesteuert wurde und ein Restaurationskurs vorbereitet wurde, der dann den Höhepunkt – muss ich leider sagen – unter Papst Benedikt jetzt erhalten hat.”

euronews:
“Im Zusammenhang mit den Missbrauchsfällen: Trifft den Papst eine persönliche Schuld?”

Küng, Theologieprofessor:
“Die Missbrauchsfälle sind tatsächlich der Höhepunkt der Krise, die jetzt ausgebrochen ist. Und man muss sagen, der Papst hat eine persönliche Schuld, denn er hat als Präfekt der Glaubenskongregation seit 22 Jahren ja alles auf seinen Tisch bekommen. Er hat auch als Papst genau gewusst… ich behaupte, mit Grund, es gibt keinen Menschen in der katholischen Kirche, der mehr wusste über die Missbrauchsfälle. Er hat aber lange Zeit nichts dafür getan – im Gegenteil: er hat im Jahr 2001 noch einen Brief an die Bischöfe geschickt; das sei alles unter dem Sekretum Pontifizium, unter strengster Geheimhaltung zu behandeln.

Und dann muss man auch sagen, die Bischöfe haben auch zu gefügsam den römischen Befehl ausgeführt. Sie haben alles vertuscht, das war weltweit die selbe Praxis. Und da kann man weder den Papst, noch die Bischöfe von der Verantwortung freisprechen.”

euronews:
“Es wird jetzt auch wieder viel über den Zölibat diskutiert – das Gesetz, nach dem katholische Priester nicht verheiratet sein dürfen. Ist der Zölibat tatsächlich ein großes Problem für der Kirche?”

Küng, Theologieprofessor:
“Der Zölibat ist natürlich nicht das einzige Problem für die Erklärung der gegenwärtigen Krise, oder auch der Missbrauchssfälle, aber er ist ein Riesenproblem: Ob das nun in Lateinamerika ist oder in Europa, wir haben immer mehr Pfarreien ohne Pfarrer… Wir hätten Laientheologen in vielen Ländern, die wir augenblicklich ordinieren könnten, aber es geschieht nichts.

Man macht aus diesem mittelalterlichen Gesetz ein Dogma, obwohl der Papst, wenn er wollte, das über Nacht abschaffen könnte! Dann hätten wir mehr Pfarrer, dann hätten wir wieder Pfarreien, die lebendiger sind, und dann könnte man auch ernsthaft überlegen, dass man auch Frauen in den Dienst der Kirche nehmen kann, wie das in vielen anderen Kirchen auch geschieht.