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Europäische Renten - eine bittere Pille?

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Europäische Renten - eine bittere Pille?

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Europa ist ein Kontinent mit alternder Demographie. So drängt sich die Frage nach dem Renteneinstiegsalter förmlich auf. Sie ist ein wichtiges Thema in der gesamten EU. Allerdings sind die Befugnisse der Kommission stark beschränkt. Braucht Europa eine einheitliche europäische Rentenpolitik?

Zwei EU-Parlamentarierinnen haben sich mit dem Thema eingehend beschäftigt: Die französische Sozialisten Françoise Castex und die niederländische Konservative Ria Oomen-Ruijten. Renten in Europa – eine bittere Pille? so die Frage in dieser Ausgabe von Agora.

Ria Oomen-Ruijten (PPE, NL):
“Ich spreche nicht gern von einer alternden Bevölkerung. Meiner Meinung nach stimmt die Perspektive nicht. Wir sollten uns freuen, dass unsere Eltern älter werden als unsere Großeltern. Ich pflege zu sagen: “Unsere europäische Gesellschaft “bekommt silberne Haare”“.
Wenn Sie sich das Rentenalter ansehen, dann müssen Sie berücksichtigen, dass meine Großeltern mit 14 angefangen haben zu arbeiten. Heute beginnen die meisten mit 20, 25 auf dem Arbeitsmarkt. Das bedeutet, dass sie nicht so lange arbeiten wie ihre Eltern. Von der Seite muss man das betrachten.”

Françoise Castex (PSE, F):
“Meiner Meinung nach geht es nicht um das Alter des Renteneinstiegs, da es ein tatsächliches Alter gibt und jenseits der 60… Ja, man kann das Rentenalter rechtlich heraufsetzen. Aber wenn die Menschen dann, wenn der Renteneinstieg geltend gemacht werden kann, keine Arbeit mehr haben, wollen die Unternehmen sie auch später nicht mehr einstellen. Das heißt, sie sind müde, deswegen arbeiten die Menschen jenseits der 60 nicht mehr so oft.

Natürlich gibt es eine unerträglich hohe Arbeitslosigkeit unter den Senioren, die abgeschafft werden muss. Die Unternehmen sollten Menschen ab 55 nicht in dem Maße vor die Tür setzen, wie sie es heutzutage zu oft tun. Sie sollten bis zum Ende arbeiten können.”

Ria Oomen-Ruijten (PPE, NL):
“In den Niederlanden sieht das System so aus: Wenn man älteren Menschen kündigen will, wird eine spezielle Abmachung benötigt, sonst geht es nicht.”

Françoise Castex (PSE, F):
“In dem Zusammenhang müssen wir auch berücksichtigen, dass die Lebenserwartung vom Renteneinstiegsalter abhängt. Je länger wir arbeiten, desto niedriger die Lebenserwartung. Arbeiten jenseits der 60 ermüdet stärker und beansprucht stärker als Arbeiten unter 60.”

Ria Oomen-Ruijten (PPE, NL):
“Bevor ich in die Politik eingestiegen bin, habe ich in einer Elektrizitätsfirma gearbeitet. Mit 55 Jahren hat jeder im Schichtdienst gearbeitet. Das ist ab einem gewissen Alter unmöglich. Als Erwerbstätiger muss man flexibler sein. Aber man muss auch flexibler sein, was die Arbeit betrifft, die ältere Menschen ausführen können. Mehr und mehr Menschen wollen arbeiten, vielleicht keine 36 Stunden-Woche, aber die Hälfte der Zeit. Gebt ihnen mehr Flexibilität, um arbeiten zu können und einen Teil ihrer Einkünfte für eine spätere Rente zurückzulegen. Wir müssen die Rentensysteme strukturell verändern.”

Françoise Castex (PSE, F):
“Ich glaube nicht, dass mehr Flexibilität bei der Arbeit das Problem beseitigen kann. Man löst es nicht, indem die Menschen insgesamt länger pro Woche oder Jahr arbeiten. Das große Problem des Arbeitsumfangs besteht nicht darin, wieviel jeder einzelne arbeitet, sondern wieviel das gesamte Personal erarbeitet. Es gibt…”

Ria Oomen-Ruijten (PPE, NL):
“Die Belastung für Jüngere, die sozialen Kosten für Menschen ohne Arbeit zu finanzieren, ist enorm. Wie in meinem Land: Einer zahlt für zwei, die nicht arbeiten. Diese Mischung können wir uns nicht leisten. Wir alle wollen in einer wohlhabenden Gesellschaft leben. Wir alle wollen, dass auch Ärmere und die Unterschicht eine Rente beziehen, ein Einkommen erhalten, von dem sie leben können. Das trennt uns nicht. Aber wir können die Belastung nicht nur auf den Schultern der jungen arbeitenden Bevölkerung verteilen. Wir sollten mehr Menschen in entsprechender Weise arbeiten lassen. Das will übrigens auch die ältere Generation. Die will nicht nur als Babysitter für Enkelkinder fungieren.”

Françoise Castex (PSE, F):
“Wir können einen großen Teil des Finanzierungsproblems der Renten lösen, indem wir die Vollbeschäftigung vom Anfang bis zum Ende des aktiven Berufslebens durchsetzen, das ungefähr vierzig Jahre dauern sollte.”

Ria Oomen-Ruijten (PPE, NL):
“Wenn wir uns die Problematik mit Griechenland und der Eurozone ansehen, dann können wir noch größere Probleme für die Zukunft erwarten, wenn wir die wirtschaftliche Koordinierung unter den Mitgliedsstaaten – vor allem was die Renten betrifft – nicht verbessern. Mein Ziel ist, dass es eine starke Koordinierung gibt. Ansonsten scheitert der Euro.”

Françoise Castex (PSE, F):
“Die Staaten müssen ähnlich wie in der Wirtschaft sich bereit erklären, soziale Konvergenzkriterien zu erfüllen. Es gäbe eine echte zusammenführende Politik, wenn Kriterien für die Beschäftigung junger Menschen, für Ausgaben in der Bildung und für die Lebensqualität von Senioren existieren würden.”

Ria Oomen-Ruijten (PPE, NL):
“Koordinierung muss es in Steuerfragen, Rentenbelangen und sozialen Angelgenheiten geben. Dem stimme ich zu. Das bedeutet aber auch, dass einige Staaten ihre Systeme neu organisieren müssen. Das betrifft auch Frankreich.”

Françoise Castex (PSE, F):
“Da sind wir sehr spät dran. Wir sind spät dran, was die Integration des Arbeitsmarktes betrifft, die Abstimmung der Arbeitsbedingungen, der Diplome und der Höhe der Gehälter. Bei all dem sind wir spät dran.”

Ria Oomen-Ruijten (PPE, NL):
“Ich bin für einen Mindestlohn.”

Françoise Castex (PSE, F):
“Ich glaube, du bist genau so idealistisch wie ich. Ich weiß nicht, ob wir gleiche Lösungsvorschläge haben, aber jedenfalls haben wir die gleichen Ziele.”

Ria Oomen-Ruijten (PPE, NL):
“Yes.”