Eilmeldung

Eilmeldung

"Die Idee der Montanunion war eine politische Bombe"

Sie lesen gerade:

"Die Idee der Montanunion war eine politische Bombe"

Schriftgrösse Aa Aa

Vor genau 60 Jahren wurde Europa im sogenannten ‘Salon de l’horloge’ des französischen Außenministeriums neu geboren. Dort gab der damalige Außenminister Robert Schuman die Erklärung ab, die zum Grundstein der Europäischen Gemeinschaft werden sollte. Am 9. Mai 1950 richtete er sich mit einem Appell an den vormaligen Feind, Deutschland.
 
Er schlug vor, die Kohle- und Stahlproduktion der beiden Länder zusammenzulegen – die Grundelemente der Waffenindustrie. Er schlug außerdem vor, die gemeinsame Produktion einer zwischenstaatlichen Autorität zu übertragen, und er lud die Nachbarländer ein, mitzumachen. Ein Jahr später schufen sechs Staaten die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl, auch Montanunion genannt.
 
Das war der erste Schritt – heute hat die EU 27 Mitglieder. Ein Gespräch mit Pascal Fontaine, der die damaligen Ereignisse miterlebt hat. Das Gespräch führte Audrey Tilve.

euronews:
“Pascal Fontaine, als letzter Assistent Jean Monnets kennen Sie sich mit der europäischen Integration bestens aus. Wie war das damals in den letzten Tagen, ja Stunden, vor der Ankündigung des Vorschlags zur Montanunion: Alles war sehr schnell entschieden worden – und völlig geheim…”
 
Pascal Fontaine:
“Ganz genau. Man könnte sogar sagen, dass der 9. Mai 1950 eine wahre diplomatische Bombe war: Schuman hat die Presse überrascht und die meisten Nachbarstaaten genauso. Kanzler Adenauer war am Vortag durch einen Geheim-Emissär von Schumans Plänen informiert worden, und hatte sofort seine Zustimmung gegeben. Robert Schuman konnte also seinen Minister-Kollegen sagen: ‘Deutschland macht mit!’ Außerdem waren nur die Amerikaner auf dem Laufenden.
 
Für Jean Monnet und Robert Schuman war der Überraschungseffekt bei dieser völlig neuen Idee wichtig, weil die Erfahrung schon damals lehrte, dass solche Initiativen verpuffen können, wenn sie zu früh angekündigt werden. Und das Wichtige an Schumans Plan war ja gerade, revolutionär neue Prinzipien in Europa vorzuschlagen.”
 
euronews:
“Aber warum gerade Schuman und nicht Georges Bidault, der damalige Regierungschef?”
 
P. Fontaine:
“Robert Schuman hatte die Idee von seinem Kabinettsdirektor Bernard Clappier vorgelegt bekommen, und sofort die politische Tragweite erkannt. Er sagte  dann: ‘ich mache das zu meinem Projekt – und ich stehe dafür auch gerade’.
 
Schuman kam aus Lothringen. Er hatte persönlich die Tragik der deutsch-französischen Feindschaft erlebt: Als Jugendlicher musste er unter deutscher Fahne kämpfen. Persönlich war das schlimm für ihn, den engagierten französischen Patrioten. Aber er war auch ein Mann des Glaubens und der Versöhnung – dadurch wurde dieses Projekt für ihn zur ‘heiligen Mission’.”
 
euronews:
“Und dann gab es noch den Mann im Schatten, von dem die Inspiration ausging, Jean Monnet, der als Planungskommissar dafür zuständig war, der französischen Wirtschaft nach dem Krieg wieder auf die Beine zu helfen. Die Montanunion war eigentlich seine Idee.”
 
P. Fontaine:
“Eigentlich war er es, der die ‘Überstaatlichkeit’ erfunden hat. Schon 1943, als Mitglied von de Gaulles Gegenregierung in Algerien, als Frankreich selbst noch besetzt war, hatte er geschrieben, dass sich die Staaten Europas nach dem Krieg nicht mehr nach dem Modell der nationalen Souveränität konstituieren sollten. Er schlug vor, sich die Souveränität zu teilen, weil Europa zu klein sei und weil es darum gehen werde, einen Rahmen für einen dauerhaften Frieden zu finden. Er dachte damals schon an eine europäische Föderation.
 
Die Schuman-Initiative vom 9. Mai 1950 war der erste Schritt zu einem solchen Projekt. Die Montanunion sollte keine technische Behörde werden, sondern föderaler Kern eines viel weitgreifenderen Konstrukts, das Schritt für Schritt geschaffen werden müsse – und das heute Realität ist.”
 
euronews:
“Es war der Beginn des Kalten Krieges: Die Bundesrepublik und die DDR waren soeben gegründet worden, der Korea-Krieg stand bevor… War diese bedrohliche Situation nötig, um einen ‘europäischen Traum’ zu verwirklichen?”
 
P. Fontaine:
“Ja, so war das. Der Kalte Krieg war ein bestimmender Faktor: Damals war Deutschland ein politisches Problem von größter Bedeutung. Die Amerikaner wollten, dass Deutschland so schnell wie möglich wiederbewaffnet wird, dass es nicht zum Spielball wird, sondern aktives Mitglied der nordatlantischen Allianz. Die Franzosen hatten aber natürlich Bedenken, den Deutschen einfach – ohne Garantien – die Hebel ihrer Souveränität zurückzugeben.
 
Vor diesem Hintergrund war der Schuman-Plan eine ideale Lösung, denn er löste alle Probleme auf einen Schlag: die französischen Bemühungen, einen Status für Deutschland zu finden. Die Sorgen um die Herstellung von Kohle und Stahl, und auch das Problem der Gebiete um Ruhr- und Saar, die zwischen beiden Ländern noch umstritten waren.
 
Es war die erste – und: konkrete – Phase des Aufbaus eines geeinten Europas, aber es war vor dem Hintergrund des Kalten Krieges auch ein Zeichen, dass sich der Westen organisiert, Europa zur festen Säule des atlantischen Bündnisses wird, und dass es der sowjetischen Propaganda nicht erlaubt wird, die öffentliche Meinung in Deutschland oder anderswo zu beeinflussen.”
 
euronews:
“Es ist viel über die Methode gesprochen worden, Europa durch konkrete Projekte voranzubringen. Ist diese Methode heute am Ende? Es gibt den gemeinsamen Markt, Europa ohne Grenzen, den Euro… – aber zur Zeit scheint die Energie heraus zu sein.”
 
P. Fontaine:
“Nein, ich glaube ganz im Gegenteil: Man darf nicht vergessen, dass die Menschheit sich unterdessen verdoppelt hat. Dieses kleine Europa, das früher über die Welt herrschte, hätte da auch am Wegesrand sitzen und über den Gang der Welt klagen können.
 
Um seinen globalen Einfluss zu sichern, muss Europa seine Kräfte sammeln – zumindest auf den Hauptgebieten, und das waren Kohl und Stahl, der Binnenmarkt, Sicherheit, Justiz, Umweltschutz und die gemeinsame Währung und nun geht es um die Weltwirtschaft.
 
Ich glaube, dieses Europa wird weitergebaut, weil es – wie Jean Monnet sagte – keine Alternative gibt, außer Marginalisierung. Keiner hat eine andere Lösung als die europäische Idee, auch wenn diese manchmal schwierig scheint. Aber: zumeist kommt man gerade bei Schwierigkeiten voran!”