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Interview  mit dem Wirtschaftswissenschaftler Santiago Niño Becerra

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Interview  mit dem Wirtschaftswissenschaftler Santiago Niño Becerra

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euronews:
“Herr Professor, für wie glaubwürdig erachten Sie den Sparplan, den die Regierung morgen im Parlament vorlegen wird? Ist das Vorhaben real, von 11,2 auf 3 % Verschuldung herunter zu kommen, das heisst, in 3 Jahren 15 Milliarden Euro zusätzlich einzusparen?”
 
Niño Becerra:
“Spontan sage ich: Nein. Absolut unmöglich – außer man nimmt monströse Einschnitte vor. Ich habe das Gefühl, dass sowohl der Plan als auch die Zusätze mit der heißen Nadel genäht wurden. Alles sehr schnell, wobei keine klare Idee zu erkennen ist, wie es gemacht werden soll.
 
Spanien kann das Defizit etwas verkleinern. Aber das grundlegende Problem, jenes der Produktivität, das wird so nicht gelöst.”
 
euronews:
“Sind solche Einschnitte überhaupt möglich in Ländern wie Spanien, wo 17 autonome Regionen an den öffentlichen Ausgaben beteiligt sind? Wo kann man die Schere ansetzen?”
 
Niño Becerra:
“Bevor man überhaupt die Schere ansetzt, muss man analysieren, ob man korrekt mit den Ausgaben umgeht. Ich bin davon überzeugt, man fände Posten, die man streichen könnte.”
 
euronews:
“Welche zum Beispiel?”
 
Niño Becerra:
“Bei den öffentlichen Investitionen muss man viel kürzen. Aber an die Arbeitslosenunterstützung darf man nicht herangehen. Die Arbeitslosigkeit könnte 2012 in Spanien 30 % erreichen. Das bedeutet, man muss die Unterstützungen beibehalten muss, um die Leute vor dem Schlimmsten zu bewahren.”
 
euronews:
“Glauben Sie, das Wachstum könnte  ein Wunder bewirken, auf dass Spanien seine Schulden bezahlen kann?”
 
Niño Becerra:
“Nein. Spanien hat zwei unterschiedliche  Probleme , die eng miteinander verbunden sind. In Spanien sind private Haushalte genauso verschuldet wie der Staat und die Banken.
Bei letzteren geht es um etwa 400% des BIP.
 
Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite hat Spanien ein Modell-Wachstum, das zu 50 % auf Automobil-Export, Tourismus und Immobilien – bzw. dem Bausektor basiert. Beide Seiten miteinander in Einklang zu bringen, ist praktisch unmöglich.”
 
euronews:
“Sie haben in Ihren Buch den Finanz-Crash für diesen Sommer vorausgesagt. Ist diese brutale Aussage so noch gültig? Es gab doch am diesem Montag einen spektakulären Aufwärtstrend an der Börse, am Dienstag eine Konsolidierung. Werden wir in diesem Sommer wirklich ein Massaker an den Finanzmärkten erleben?”
 
Niño Becerra:
“Ja, ich sage weiterhin, dass die Probleme der europäischen Volkswirtschaften – vor allem im Süden - in den Schulden bestehen. Es ist nicht nur ein Problem der Börsen. Die Schulden insgesamt – einschließlich jener der Familien – sind übermäßig hoch.
 
Ich bleibe der Ansicht und unterstreiche das: Im Sommer, in der Jahresmitte, wenn aus den Plänen zur Wirtschaftsbelebung die Luft raus ist, werden die Wirtschafts- und Finanzprobleme noch enorm anwachsen.”